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Kiel Arbeiten statt in den Knast
Kiel Arbeiten statt in den Knast
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14:00 24.04.2019
Von Laura Treffenfeld
Gemeinnützige Arbeit statt Geldstrafe oder gar Gefängnis: Joachim M. befreit die Freilichtbühne Krusenkoppel von Unkraut. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Laut surren die elektrischen Trimmgeräte der Gärtner an diesem Morgen auf der Krusenkoppel. Sechs Männer befreien die Freilichtbühne von Gras und Unkraut. Mit dabei: Joachim M. Der 54-Jährige kümmert sich um die Stufen, auf denen bald wieder die Konzertgäste Platz nehmen. Aber Geld bekommt er für diese Arbeit nicht. Joachim M. ist zu einer Strafe verurteilt worden – die er auf diese Art verbüßt.

Die Strafe von 750 Euro waren für Joachim M. nicht aufzubringen

Eigentlich hat ihm das Gericht eine Geldstrafe in Höhe von 750 Euro auferlegt. Da er diese Summe nicht zahlen konnte, hatte er zwei Optionen: Entweder die Strafe im Gefängnis absitzen als sogenannte Ersatzfreiheitsstrafe oder die Strafe durch gemeinnützige Arbeit ableisten. Er entschied sich für Letzteres. „Mir gefällt die Arbeit hier draußen gut. Man wird von keinem abgestempelt, sondern einfach ganz normal behandelt“, sagt Joachim M. Für ihn als Hartz-IV-Empfänger seien 750 Euro schlicht nicht aufzutreiben gewesen. Stattdessen leistet er nun 450 Stunden Gärtnerarbeit. „Oft nehme ich mir hier auch allein eine Stelle vor, ohne dass die Vorarbeiter einem immer über die Schulter gucken. Das ist, denke ich, einfach eine Vertrauenssache, wenn man seine Aufgaben gut erledigt.“

Im Gefängnis wäre man mit schweren Straftätern konfrontiert

Als Ersatz für seine Geldstrafe hätte Joachim M. auch 75 Tage ins Gefängnis gehen können. Die Straffälligenhilfe der Stadtmission Kiel versucht, genau das zu verhindern – und so eine Alternative zu bieten. „Unsere Aufgabe ist es, die Ersatzfreiheitsstrafe mit gemeinnütziger Arbeit zu verhindern und dafür zu sorgen, dass die Leute gar nicht ins Gefängnis kommen“, sagt Klaus Vonhoff, Teamleiter der Straffälligenhilfe Kiel. „Wer noch nie in einem Gefängnis war, kann sich nicht vorstellen, wie es dort ist. Der Tagesablauf ist fest vorgeschrieben, man muss für alles um Erlaubnis bitten, man ist in einer Zelle eingesperrt, und man wird durchaus mit schwereren Straftätern konfrontiert.“

80.000 Hafttage allein in Kiel eingespart

In den vergangenen zehn Jahren konnten durch die Vermittlung der straffällig gewordenen Menschen in gemeinnützige Arbeit rund 80.000 Hafttage eingespart werden – allein im Kieler Bezirk, sagt Vonhoff. Die Arbeit, die die Verurteilten leisten, reicht von Hausmeistertätigkeiten über Friedhofs- und Landschaftspflege bis zu Aushilfen in Büchereien.

"Menschen begehen Straftaten, weil sie Probleme haben"

„Wir selbst bieten ebenfalls Stellen an – in unserem Werkstattprojekt“, sagt Vonhoff. Dazu zählt auch die Garten- und Landschaftsarbeit, bei der Joachim M. tätig ist. Der Vorteil sei, dass die Menschen über die Stellen der Stadtmission auch pädagogisch betreut und in ein Hilfesystem integriert werden können. Sebastian Rehbach, Bereichsleiter Soziale Teilhabe bei der Stadtmission Kiel, fügt hinzu: „Menschen begehen Straftaten, weil sie Probleme haben. Wenn wir diese Probleme, wie Sucht oder Arbeitslosigkeit, angehen, dann bringt das der Gesellschaft perspektivisch viel mehr, als die Menschen ins Gefängnis zu stecken.“

Ein Tag im Gefängnis kostet 197 Euro pro Person

2017 wurden rund 14.500 Menschen in Schleswig-Holstein nach Erwachsenenstrafrecht verurteilt, der überwiegende Teil davon (12.480) zu einer Geldstrafe. Zu den Delikten, die eine Geldstrafe nach sich ziehen, zählen etwa Sachbeschädigung, Diebstahl, Rauschmittelvergehen oder auch Schwarzfahren. Aber auch für den Steuerzahler bedeutet jede vermiedene Zeit im Gefängnis eine erhebliche Ersparnis: Laut Justizministerium kostet eine Person im Gefängnis aktuell 197 Euro pro Tag.

„Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Leute, die eine Ersatzfreiheitsstrafe verbüßen, eigentlich im Gefängnis nichts zu suchen haben“, sagt Klaus Vonhoff. Sie können nur die Geldstrafe nicht zahlen und kommen deshalb hinter Gittern.

Es zahlen mehr Menschen ihre Strafe als noch vor zehn Jahren

Dem Kieler Bezirk der Straffälligenhilfe wurden 2018 von der Staatsanwaltschaft 360 Fälle überwiesen. „Das ist eine deutlich niedrigere Zahl als noch vor zehn Jahren“, sagt Vonhoff. „2008 hatten wir 990 Neuzuweisungen.“ Dass nun mehr Leute ihre Geldstrafe zahlen, erklärt er sich mit einer besseren wirtschaftlichen Gesamtlage. Dennoch gebe es noch genügend straffällig gewordene Menschen zu vermitteln. „Wir sind auch immer offen für neue Stellen, die uns gemeinnützige oder öffentliche Träger anbieten.“

Joachim M.s Arbeit hilft dem "Konzert gegen die Kälte"

Joachim M. muss noch zwei Wochen bei den Gärtnern arbeiten. Bis zum 4. Mai will er mit seinen Kollegen die Freilichtbühne an der Krusenkoppel wieder schick haben. Dann tritt Max Mutzke auf. Der Sänger gibt schon zum zweiten Mal an der Förde ein „Konzert gegen die Kälte“.

Was danach passiert, weiß Joachim M. noch nicht genau. „Es ist schwierig für mich, Arbeit zu finden.“ Eine Variante kann er sich durchaus vorstellen: einfach ehrenamtlich bei den Gärtnern weiterarbeiten. Weil es eine Aufgabe ist, die ihm Spaß macht.

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