Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Sie gingen dem kolonialen Erbe Kiels nach
Kiel Sie gingen dem kolonialen Erbe Kiels nach
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:00 12.03.2018
Von Niklas Wieczorek
Lasse Nissen von der Initiative "Kiel Postkolonial" prangert die Straßennamen im Afrikaviertel in Kiel-Dietrichsdorf an. Quelle: Frank Peter
Anzeige
Kiel

Als lockerer Zusammenschluss von Studenten und Hochschulgruppe in der Gründung will sich die Initiative „Kiel Postkolonial“ auch allen anderen Interessierten öffnen. Und sie greift aktuelle Debatten auf, die sich mit Berichterstattungen der Kieler Nachrichten aus der jüngsten Zeit decken. „Es gibt weiterhin globale Ungerechtigkeitsbeziehungen“, sagt Johanna Munzel zur Begrüßung, „und daran erkennt man, dass Kolonialismus noch nicht vorbei ist.“

Versklavte Menschen galten als Statussymbol

Zum Beginn an der Kreuzung von Exerzierplatz und Knooper Weg weist Lasse Nissen auf das Gut Knoop hin: Dies habe Ende des 18. Jahrhunderts der dänische Kaufmann Heinrich Schimmelmann gekauft. Durch Sklavenhandel reich geworden, „hielt“ er sich nachweislich eines Gemäldes in der Landesbibliothek einen „Mohren“: „Das zeigt, dass auch hier in Deutschland versklavte Menschen als Statussymbol galten“, so Nissen. Gegenüber trägt ein Café die Aufschrift „Kolonialwaren“. Laut Munzen wird der Begriff „stark romantisiert“ – und dabei ausgeblendet, für welche Menschen der Handel aus den Kolonien „gar nicht romantisch“ war.

Anzeige

Henning Jacobsen verwies auf die Bäckerei-Kette Steiskal, die zum Bartels-Langness-Unternehmen gehört: Auch dessen Co-Namensgeber Paul Bartels verdiente am Kolonialwarenhandel. Ähnliche Ursprünge habe die Supermarktkette Edeka, deren Name auf die „Einkaufsgenossenschaft der Kolonialwarenhändler im Halleschen Torbezirk zu Berlin“ zurückgeht, und damit „buchstäblich noch Kolonialwaren im Namen trägt“, so Jacobsen.

Auch Mohrendebatte wird aufgegriffen

Vor dem Restaurant „Zum Mohrenkopf“, ebenfalls am Exerzierplatz, greift Nissen die Debatte um den Begriff „Mohr“ auf. Sie wird auch in Kiel um diesen Namen und den einer Apotheke in der Holtenauer Straße geführt: „Es gibt in den Kommentarspalten der Kieler Nachrichten dazu jede Menge Diskussionen“ schildert Nissen, und macht die Einschätzung der Initiative deutlich: „,Mohren’ wurden immer als abwertender Begriff gebraucht.“

Klar wird: Die Organisatoren wollen koloniale Spuren im Stadtbild kurz aufzeigen, diskutieren, aber auch Forderungen aufstellen – und zwar mindestens eine Auseinandersetzung mit Namen, wenn nicht deren Änderung. Die meisten Teilnehmer stimmen zu, Grundsatzkritik gibt es kaum. „Man geht so mit einem wacheren Auge durch die Stadt“, sagt die Studentin Ricarda Rogalla. Worte und Sprache bedeuteten schließlich Macht. Student Felix sieht das ebenso und hält das Thema für einen wichtigen Diskurs: „Gut, dass gestritten wird.“

An der Kaiser-Wilhelm-Treppe am Hauptbahnhof weist Jacobsen auf die Ausweitung der deutschen Kolonien unter dem Kaiser hin und auf eine an einem New Yorker Gericht eingereichte Entschädigungsklage der Herero- und Nama-Vertreter: Die aktuelle deutsche Regierung erkennt den Völkermord an diesen Ethnien in den Jahren 1904 bis 1908 an, sieht für sich aber keine juristischen Konsequenzen, was die Initiative kritisiert. Ebenso wundert sie, dass einige Einträge im Kieler Straßenlexikon der Stadt Kritik an namensgebenden Kolonialherren im Afrikaviertel (Neumühlen-Dietrichsdorf) nicht aufführen. Mit Blick auf die Namen Lüderitz, Nachtigal, Wißmann und Woermann fordern sie eine Umbenennung.

Aufarbeitung ist nötig

Auch hier kommt im Ansatz eine Diskussion in der Gruppe auf: Wie so häufig, scheiden sich die Geister an der Frage: Umbenennung oder Erläuterung per Informationstafel? Dass es allerdings sowohl im Afrikaviertel als auch in Gaarden viele Namen gibt, die schlicht auf kriegerische Handlungen in den Kolonien hinweisen, an denen die Schiffe „Blitz“, „Iltis“ oder „Medusa“ beteiligt waren, wird auch an der letzten Station Vinetaplatz (auch ein Kreuzer) deutlich – ebenso, dass insgesamt noch eine Menge Aufarbeitung nötig ist.

Kiel Verbrechensopfer - Neuer Halt für die Kinder
Kristian Blasel 12.03.2018
12.03.2018
Frank Behling 12.03.2018