Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Stille Orte im Gewusel
Kiel Stille Orte im Gewusel
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:42 26.06.2013
Von Birte Schmidt
Sportlich erwachen die Kieler-Woche-Besucher jeden Morgen im Hiroshima Park, hier beim Tai Chi. Quelle: vr
Anzeige
Kiel

Es ist still auf der Kieler Woche. Verlassen steht die Konzertbühne da, nur zwei Männer vom Sicherheitsdienst drehen ihre Runden. Zwei andere streifen in orangefarbenen Jacken und mit blauen Mülltüten ausgestattet durch die engen Gassen hinter dem Österreich-Stand und sammeln Papier, Krautsalat und was sonst noch so übrig geblieben ist von den Feierwütigen am Abend zuvor.

 „Und jetzt mit dem Oberkörper langsam nach hinten lehnen.“ Der Wind trägt die ruhige Stimme von Mark Lenz, Tai-Chi-Trainer beim Kieler Männerturnverein (KMTV), über die Wiese im angrenzenden Hiroshimapark. Die Luft ist noch feucht, es hat geregnet in der Nacht, und der Morgentau liegt wie eine sanfte Decke über der saftig-grünen Wiese. 15 Menschen stehen zu dieser frühen Stunde, um 6.30 Uhr, in einem Kreis auf der Wiese neben dem Kleinen Kiel und strecken die Hände in den Himmel. „Kiel erwacht zur Kieler Woche“ heißt diese allmorgendliche, jeden Tag etwas anderes bietende Einstimmung auf den Tag, die einmal mehr im Zeichen des turbulenten Segelfestes stehen wird.

Anzeige

 Laut, rasant und voller Trubel – so kennen und lieben die Kieler ihre zehntägige Woche im Juni. Jedenfalls die meisten. „Wir mögen es lieber ein bisschen ruhiger“, erzählt Sylke Hlawatsch, die später am Tag zusammen mit Hubert Reckmann und den siebenjährigen Kindern Luis und Kai an der Kiellinie entlang bummelt. Sie verrät einen Geheimtipp. „Dort oben im Riesenrad ist es ganz still“, sagt sie und zeigt mit dem Finger auf die Gondeln in 50 Meter Höhe. „Und dazu hat man natürlich eine großartige Aussicht auf das Gewusel.“

 In der Nikolaikirche am Alten Markt finden sich Besucher derweil zum Mittagsgebet ein. „Ich halte mich von der Kieler Woche eher fern“, erzählt Merle Mocka (26). „Aber hier finde ich einen Ort der Ruhe.“ Pastor Matthias Wünsche kennt das sehr gut. Viele Menschen kommen in der Kieler Woche zu ihm in die Kirche, die so zentral gleich neben Garys Haifischbar liegt. „Vor allem ab dem späten Nachmittag kehren die Leute bei uns ein, um mal durchzuatmen“, erzählt der Geistliche. Draußen vor der Tür grölt die Menge zu DJ Ötzis „Ein Stern, der deinen Namen trägt“. Hinter den Wänden des sakralen Baus fallen den ersten Besuchern auf den Holzbänken in der Stille die Augen zu.

 Zum Nachdenken anregen und einen Ort der Ruhe bieten wollen auch die Engagierten vom Verein Evangelische Allianz gegenüber vom Schloss. Seelenfütterung nennt Kirsten Beith, pensionierte Pastorin der freichristlichen Gemeinde, das Angebot. Kinder und Erwachsene können am Zelt der Begegnung Nachrichten schreiben, die sie mit gasgefüllten Ballons in den Himmel zu Gott schicken. „Wer mit uns über seine Wünsche und Fragen an Gott sprechen möchte, ist herzlich willkommen“, sagt die 66-Jährige. Sie übernimmt am kleinen Holztisch mit vier Papphockern auch eine seelsorgerische Funktion.

 Zurück in den Hiroshimapark, in dem es plötzlich laut wird. Ein Mann auf einem Rasenmäher steht plötzlich vor der Menge. „Das geht so nicht, da muss ich jetzt den Rasen mähen“, sagt er und vertreibt mit seinem knatternden Gefährt die Ruhe suchende Gruppe auf den kleinen Grasfleck gleich neben der Straße.

 Am Stand der Evangelischen Allianz ist das dröhnende Horn der Color Line zu hören, am Tisch davor schreit ein Kind. Es will den schönen Ballon nicht in die Luft steigen lassen, ihn viel lieber mit über die Kieler Woche bis nach Hause tragen.

 Ruhe? Entspannung? Oase? Naja, ein bisschen Kieler-Woche-Flair bleibt eben auch bei der Besinnung.