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Kiel Prozess: Prügelei auf dem Vinetaplatz
Kiel Prozess: Prügelei auf dem Vinetaplatz
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09:09 11.09.2019
Von Thomas Geyer
Prozessauftakt: Eine Prügelei zwischen Türken und Bulgaren auf dem Vinetaplatz in Gaarden wird vor dem Kieler Amtsgericht verhandelt. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

In Sekundenschnelle hatte der türkische Mercedesfahrer beim Streit mit zwei bulgarischen Fußgängern in Gaarden per Handy seine Landsleute mobilisiert. „20 bis 25 Personen“, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, stürmten aus einem Café und schlugen auf die Brüder aus dem Balkan ein. Der Autofahrer soll einen Bulgaren mit dem Messer niedergestochen haben. Seit gestern muss sich der 27-Jährige wegen gefährlicher Körperverletzung vor dem Kieler Amtsgericht verantworten.

Autofahrer soll türkisches Rollkommando als Verstärkung gerufen haben

Laut Anklage hatten sich einer der Bulgaren gegen 23.20 Uhr auf dem Vinetaplatz über die rücksichtslose Fahrweise des Mercedesfahrers beschwert. Daraufhin soll dieser ausgestiegen sein und dem 34-Jährigen ohne Ankündigung einen Schlag ins Gesicht versetzt haben. Als sein Bruder ihm helfen wollte, griff der Angeklagte zum Telefon.

Eine Minute später tauchte das Rollkommando auf. Rund zwei Dutzend Personen sollen in zwei Gruppen auf die Bulgaren losgegangen sein. Dabei soll der Angeklagte den 34-Jährigen mehrfach angesprungen und getreten haben. Dann stach er mit einem 20 Zentimeter langen Klappmesser auf ihn ein, so die Staatsanwaltschaft. Mit einem Stich in die Flanke kam der Verletzte ins Krankenhaus.

Angeklagter wies zum Prozessauftakt Vorwürfe zurück

Zum Prozessauftakt wies der Angeklagte den Vorwurf über seinen Verteidiger zurück. „Als ich losfahren wollte, versperrten mir zwei Personen den Weg“, heißt es in seiner Erklärung. Er habe die Lichthupe betätigt, „dass sie zur Seite gehen“. Mit den Worten „Das ist nicht deine Straße!“ habe ihn einer der Bulgaren gegen die Fahrertür gedrückt. „Ich bekam mehrere Schläge ins Gesicht.“ Laut habe er ins Telefon um Hilfe gerufen. Ein Messer habe er nicht eingesetzt.

Eine Erklärung, die beim Schöffengericht Fragen offen lässt. Doch die lässt der Verteidiger nicht zu. Die Darstellung seines Mandanten blieb gestern unwidersprochen: Die Brüder aus Bulgarien blieben dem Prozess beide fern. Der Verletzte ist als Nebenkläger am Verfahren beteiligt und telefonierte am Morgen noch mehrfach mit seinem Rechtsanwalt.

Vermeintliches Opfer verspätete sich erst - und kam dann gar nicht

Zunächst ging es angeblich nur um eine halbe Stunde Verspätung auf der Anfahrt aus dem Raum Hamburg. Die Sitzung wurde unterbrochen, doch man wartete vergeblich auf den Nebenkläger. Eine Stunde später teilte der Anwalt mit, sein Mandant komme überhaupt nicht. Der Richter brummte dem Zeugen wegen unentschuldigten Fehlens 150 Euro Ordnungsgeld auf, „ersatzweise drei Tage Ordnungshaft“.

Auch der zweite Bruder, der nach dem Vorfall wieder zurück in seine Heimat zog, folgte der Ladung nicht. Wurden die Belastungszeugen unter Druck gesetzt? Kommende Woche sollen sie erneut erscheinen. Unbeteiligte Beobachter des Angriffs stehen dem Gericht offenbar nicht zur Verfügung. Hier steht Aussage gegen Aussage.

Konflikt zwischen Nationalitäten in Gaarden?

Hintergrund des Vorfalls könnte neben Revierkämpfen im Straßenverkehr auch ein Nationalitätenkonflikt sein. Seit dem EU-Beitritt des ärmsten Mitgliedstaates hat sich der bulgarische Bevölkerungsanteil in Gaarden verzehnfacht. Hier leben jetzt rund 3000 Einwohner aus Bulgarien. Während diese sich fast ausschließlich auf den Ostufer-Stadtteil konzentrieren, wohnen von rund 14500 türkischstämmigen Kielern „nur“ rund 4500 in Gaarden.

Die Türkische Gemeinde in Schleswig-Holstein bemüht sich laut eigener Webseite um die Integration der Neubürger vom Balkan, die „mit sehr schwierigen Problemlagen und prekären Lebensumständen konfrontiert“ seien. Mit ihrer Zuwanderung würden „Probleme wie menschenunwürdige Wohnverhältnisse, schlechte medizinische Versorgung und keine bzw. geringe Zugangswege in Bildung und Beschäftigung in Verbindung gebracht“. Ziel des Vereins sind demnach bessere Lebensbedingungen und ein harmonischeres soziales Miteinander der Kulturen im Stadtteil.

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