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Kiel Suchtprobleme: Die Krise in der Krise
Kiel Suchtprobleme: Die Krise in der Krise
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18:19 24.04.2020
Von Karen Schwenke
Süchte wie stundenlanges Zocken an Computer oder Smartphone werden in Krisenzeiten erst richtig deutlich. Quelle: Anastassiya - stock.adobe.com
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Kiel

Der 16-jährige Jonas (* Name von der Redaktion geändert) zockt und zockt. Tagsüber und nachts. Er hat auch schon vor der Corona-Krise online gespielt, aber seit die Schule geschlossen ist, er seine Freunde nicht mehr sehen darf und sein Tag keine Struktur hat, schläft er bis mittags. Dann setzt er sich an den PC, um seine Freunde online zu treffen. Seine Mutter ist verzweifelt. Ihr Reden und Schimpfen, ihr Bitten und Argumentieren bewirken nichts. Die Stimmung in der Familie ist auf dem Nullpunkt. Jonas schließt inzwischen sein Zimmer ab, um das Gemecker der Mutter nicht mehr ertragen zu müssen.

Suchtberaterin Anna Schwitzer von der Stadtmission Kiel betreut diesen Fall. Sie sagt: „In der Corona-Krise werden die Suchtprobleme in den Familien oft erst deutlich.“ Als Beraterin habe sie jetzt viel mehr zu tun. Viele Anfragen kommen in diesen Tagen „von mediensüchtigen Männern, deren Frauen durch das häusliche Beisammensein dahinterkommen und ihnen die Pistole auf die Brust setzen: ,Entweder Du machst eine Therapie oder wir trennen uns.’“

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Onlinespiele lenkten vom Studium ab

So ging es auch dem 28-jährigen Studenten Phillip*. Dessen Frau ist jetzt im Homeoffice und sieht, was ihr sonst verborgen blieb: Statt sich um das Studium zu kümmern, starrt Phillip ständig auf den Computerbildschirm oder sein Smartphone. Er spielt online. Weil die Kita geschlossen ist, müsste er sich eigentlich mit dem vierjährigen Sohn beschäftigen, er könnte sich auch um Garten und Haushalt kümmern.

Doch davon lässt er sich genauso oft durch Onlinespiele ablenken wie sonst vom Studieren. Seine Frau hält das nicht mehr aus. Und dies ist längst nicht die einzige Familie, die die Krise in der Krise erlebt und vielleicht nicht übersteht, sagt die Suchtberaterin.

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Süchte kosten Geld

Noch existenzieller sind die Probleme der Angehörigen von Alkoholkranken oder Spielsüchtigen. Denn diese Süchte kosten Geld. Geld, das die Familien oft schon vor der Corona-Krise kaum hatten. Gerade gestern sei bei der Stadtmission der Anruf einer verzweifelten Mutter eingegangen, deren Mann Nils* schwer alkoholkrank ist. Wie Karin Helmer, Leiterin der Stadtmission berichtet, trinkt Nils in der Corona-Krise wesentlich mehr, offenbar erträgt er die Enge in der vierköpfigen Familie nur so. Dafür gibt er inzwischen das gesamte Haushaltsgeld aus.

Seine Frau weiß nun gar nicht mehr, wie sie das Essen für die beiden Kinder kaufen soll und wandte sich in ihrer Not an die Stadtmission. „Egal, welche Probleme die Familien vorher hatten, sei es wenig Geld, psychische Krankheiten oder anderer familiärer Stress – die Probleme nehmen in dieser Krise zu und sie verdichten sich. Leidtragende sind oftmals die Kinder“, sagt Helmer. In diesem Fall wurde zumindest die größte Not gelindert. Die Hartz–IV-Familie bekam zwei gespendete Lebensmittelgutscheine von Aldi und Famila im Wert von je 50 Euro.

#SHbleibtstark

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Unter #SHbleibtstark bündeln wir Initiativen und Hilfsangebote aus der Region, unterteilt in vier Kategorien:

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Zusätzlich wäre Beratung oder Gruppentherapie wichtig, erklärt Helmer. Doch in Corona-Zeiten sei das persönlich nicht möglich. „Dabei ist eine Familienberatung in all diesen Fällen angebracht, denn auch, wenn nur ein Familienmitglied Suchtprobleme hat, sind alle betroffen.“ Möglich wäre eine Video-Beratung für Jonas, Phillip, Nils und ihre Familien, doch dafür fehlt der Stadtmission die technische Ausstattung.

Die Geschäftsführerin freut sich daher über die Spendenaktion von Diakonie und unserer Zeitung. Die Stadtmission möchte unter anderem Tablet-Computer anschaffen, um Videoberatungen und Gruppentherapien anbieten zu können. „Ich bin mir sicher, dass derzeit unzählige Jugendliche durchgehend zocken“, mutmaßt Schwitzer. Von den zunehmenden Sorgen und Süchten vieler Erwachsenen ganz zu schweigen.

Corona-Familienhilfe

#SHbleibtstark: Spenden, helfen, Hilfe finden

Mit dem Projekt #SHbleibtstark wollen die Kieler Nachrichten den Zusammenhalt in der Krise und darüber hinaus fördern. Auf KN-online bündeln wir alle Hilfs- und Unterstützungsangebote. Außerdem haben wir gemeinsam mit der Diakonie Schleswig-Holstein eine Spendenaktion für bedürftige Familien mit Kindern gestartet. Oft fehlt das Geld für ein ordentliches Mittagessen, weil Schule, Hort und Kita geschlossen sind. Manchmal mangelt es an auch an Babykleidung, Hygieneartikeln oder einer Prepaid-Karte für den digitalen Unterricht.

Wer in Not geratenen Familien helfen möchte, kann hier spenden: Diakonisches Werk Schleswig-Holstein bei der Evangelischen Bank eG unter der IBAN: DE 48 5206 0410 0406 4038 24, Stichwort: Corona-Familienhilfe. Für eine Spendenbescheinigung geben Sie bitte Namen und Adresse an. Unter 0800-7662476 ist eine kostenfreie Spenden-Hotline geschaltet (Mo-Do von 9-12 Uhr und 13-16 Uhr, Fr von 9-13 Uhr).

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