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Kiel Letzte Bleibe für Obdachlose
Kiel Letzte Bleibe für Obdachlose
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14:00 04.07.2019
Von Karen Schwenke
Die Grabstätte auf dem Südfriedhof gehörte einst einer wohlhabendenden Kieler Familie. Seit 2008 dient sie als Gemeinschaftsgrab für Obdachlose. Christel Pieper bietet Stadtführungen zum Thema „Obdachlosigkeit“ an. Ihr Weg führt sie auch immer wieder zu diesem Grab.
Die Grabstätte auf dem Südfriedhof gehörte einst einer wohlhabendenden Kieler Familie. Seit 2008 dient sie als Gemeinschaftsgrab für Obdachlose. Christel Pieper bietet Stadtführungen zum Thema „Obdachlosigkeit“ an. Ihr Weg führt sie auch immer wieder zu diesem Grab. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Die Kielerin Christel Pieper (69) beschäftigt sich schon lange mit dem Thema Armut. Seit fast 15 Jahren bietet sie unter der Überschrift „Kiel von unten“ für den Kieler Verein „Geo step by step“ Stadtführungen zum Thema „Obdachlosigkeit“ an. Ihr Weg führt sie immer wieder zu diesem Grab, einem Urnengrab für Obdachlose. Sie will erinnern an den Ort und an die prekären Umstände, unter denen die Obdachlosen leben: „Auf der Straße wird viel gestorben“, sagt sie.

In dem schlimmen Winter 2007 seien es besonders viele gewesen, erinnert sich Pieper. Damals kam aus dem Kreis der Obdachlosen die Idee zu einem Gemeinschaftsgrab auf. Unterstützung erhielten sie von mehreren Institutionen, wie dem Straßenmagazin und Sozialdienst Hempels und der evangelischen Kirche.

Pröpstin Witt: "Nach dem Tod Würde erlangen"

2008 stellte der Kirchenkreis Altholstein die repräsentative Grabstätte für Begräbnisse von Obdachlosen zur Verfügung. Pröpstin Almut Witt, die damals noch nicht im Amt war, findet das auch heute noch „sehr sinnvoll“.

Es gehe darum, dass alle Menschen die gleiche Würde haben: „Das hört mit dem Tod ja nicht auf. Auch wenn das Leben manchmal nicht würdevoll ist, macht diese Grabstelle es möglich, dass die Menschen nach dem Tod Würde erlangen.“

Stadttour "von unten"

Die Stadttouren "Von unten" bietet Christel Pieper für Gruppen an, auch Einzelpersnen können sich anmelden. Interessenten wenden sich an den Umweltbildungsverein „Geo step by step“ oder direkt an Christel Pieper unter der Mailadresse: christel-pieper@gmx.de

Nach dem Tod soll ein ein Stückchen erhalten bleiben

Die Obdachlosen sollten wissen, dass sie nicht irgendwo verscharrt werden, sondern dass es auch nach dem Tod einen Ort für sie gibt, an dem sich auch andere an sie erinnern können, findet Witt.

Die Frage, ob dieses Wissen für obdachlose Menschen wichtiger sei als für andere, die zu Lebzeiten eine feste Bleibe haben, beantwortet die Pröpstin mit nein. „Ich glaube, es ist für alle Menschen wichtig“, sagt sie. Jeder Mensch habe die Sehnsucht, dass auch nach dem Tod ein Stückchen erhalten bleibe.

Hier erhalten Sie mehr Informationen zur Kieler Stadtführung zum Thema „Obdachlosigkeit“

Warum sich dennoch viele Menschen für ein anonymes Grab entscheiden, sei aus ihrer Sicht eher eine Verlegenheitslösung: „Die Menschen wollen niemandem zur Last fallen.“

Vielleicht hätten die Obdachlosen auch das Bedürfnis, mit Gleichgesinnten beerdigt zu sein, überlegt die Pröpstin: „Das ist in gewisser Weise eine große Familie.“ Auch seien Friedhöfe ein Spiegelbild der Stadt: „In Kiel gibt es viele Wohnungslose. Es ist wichtig, dass nicht nur die großen Gräber der Reichen sichtbar sind, sondern auch die der Obdachlosen.“

Vorher wurden Obdachlose in anonymen Gräbern beerdigt

Bevor es dieses Grab in Kiel gab, wurden Obdachlose in Kiel, wie auch in den meisten Ortschaften der Republik, anonym in Sozialgräbern beerdigt. Sie wurden still und einsam beigesetzt. Keiner weiß, wo sich die Grabstelle befindet. Diese namenlosen, von Kommunen bezahlten Gräber gibt es nicht nur für Obdachlose, sondern für alle mittellosen Menschen, die keine Angehörigen haben, die sich um eine Beerdigung kümmern.

Christel Pieper weiß, was Armut bedeutet

Christel Pieper ist froh, dass das für Obdachlose vorbei ist. Für ihre Stadtführung hat sie viel recherchiert. Sie weiß, wie traurig das Leben auf der Straße ist. „Die Kälte ist schlimm, die Nässe ist aber das Schlimmste.“ Sie bedauert, dass es immer weniger Schlafplätze in den Parks und Straßen dieser Stadt gibt. Platte machen werde schwieriger. „Früher waren die Obdachlosen sichtbar. Heute werden sie aus der Stadt verdrängt.“

Zwar hat die Seniorin nie selbst auf der Straße gelebt, aber wegen ihrer kleinen Rente wisse sie sehr gut, was Armut bedeute. Und weil sie als Gewerkschaftsvertreterin Arbeitslose beraten habe, wisse sie, wie schnell Menschen in die Obdachlosigkeit abrutschen könnten: „Erst ist die Arbeit weg, dann das Haus und die Ehe.“

Vor dem großen Grabstein liegen vier Platten mit 38 Namen von Kielern, die vielleicht dieses Schicksal teilten. Einer darauf: Hans-Georg Pott. Mit ihm hat Christel Pieper einige Jahre gemeinsam die Stadtführungen gemacht. Pott, der von allen nur HG genannt worden sei, war obdachlos und habe 2008 Suizid begangen. Kurz zuvor hatte er die Grabstätte für Obdachlose auf den Weg gebracht.

In Kiel leben 2100 Obdachlose

Nach Angaben der Stadt Kiel gibt es derzeit 2100 wohnungslose Menschen in der Landeshauptstadt. Darunter 1100 Flüchtlinge, die noch keine eigene Unterkunft haben. Die Dunkelziffer sei hoch, meint Pieper, und wegen der Wohnungsnot in Kiel würde die Zahl weiter steigen.

Auch zunehmend junge Menschen seien ohne Wohnung. Nachdem im November im Magazin Hempels ein Bericht über Christel Pieper erschienen war, wurde sie von zwei Schülern, „vielleicht waren sie 17 oder 18“, angesprochen. Sie hätten ihr erzählt, dass sie obdachlos seien, aber noch zur Schule gingen. „Die jungen Leute gehen nicht unbedingt freiwillig von zu Hause weg, manche werden auch von ihren Eltern auf die Straße gesetzt“, sagt die 69-Jährige.

Auf dem Friedhof ist es totenstill. Einige der 38 Namen auf dem Grab sind von Pflanzengrün überdeckt. Inzwischen sind hier mehr Obdachlose bestattet als diese 38. Die Namen der verstorbenen Obdachlosen werden jährlich nur einmal auf die Steinplatten graviert. Jedes Jahr im November zum Totensonntag.

Obdachlosen-Ruhestätte in Kiel

Gemeinschaftsgrab bietet Platz für 86 Urnen

Die Kieler Obdachlosen-Ruhestätte hat die Nummer 182 und ist zu finden auf dem Südfriedhof im Feld B. Seit 2008 ist das ehemalige Grab einer Kieler Familie ein Gemeinschaftsurnengrab für Obdachlose. Es bietet Platz für 86 Urnen. Betrieben und finanziert wird die Grabstätte von dem Verein Hempels und dem Kirchenkreis Altholstein.

Der erste obdachlose Kieler wurde hier am 30. April 2008 bestattet. Die Trauerfeiern mit Gottesdienst werden im Tagestreff und Kontaktladen (TaKo) in der Schaßstraße in Kiel abgehalten. Friedhofsgärtner übernehmen die Grabpflege. Spenden, die über Hempels gesammelt werden, ermöglichen aufwendigere Arbeiten am Grab.

Nach Angaben von Pröpstin Almut Witt stellt der Kirchenkreis das Grab unbefristet und auf Dauer für Obdachlose zur Verfügung. Jede einzelne Urne habe wie allgemein üblich eine Ruhezeit von 20 Jahren. Dann sei die Urne verfallen und eine neue könne an ihrer Stelle beigesetzt werden.

Wenn der Platz eines Tages nicht ausreichen sollte, werde der Kirchenkreis über eine Erweiterung nachdenken, so die Pröpstin.

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04.07.2019
KN-online (Kieler Nachrichten) 04.07.2019
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