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Kiel Angeklagter kann sich an nichts erinnern
Kiel Angeklagter kann sich an nichts erinnern
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19:00 13.03.2014
Von Thomas Geyer
Quelle: dpa
Kiel

Ob die Indizien für eine Verurteilung reichen, scheint zum Prozessauftakt allerdings fraglich. Der rotblonde Mann mit den auffallend großen Augen wurde nach dem Überfall am 17. Oktober 2013 in Tatortnähe aufgegriffen. Doch in jener Nacht will er mit Drogen abgefüllt gewesen sein – bis zum „Black out“. Die Tat, erklärt sein Verteidiger Hans-Joachim Liebe, würde er schon gestehen, wenn er es denn könnte. Denn Sascha L. erinnere sich schlicht nicht mehr.

 Das Opfer des Überfalls, ein 27-Jähriger Student, hat den Auftritt des perfekt vermummten Täters offenbar ganz gut weggesteckt. Der Zeuge stand gegen 22 Uhr als Aushilfe an der Kasse der Tankstelle am Schwedendamm, als der Räuber in einer dicken, dunklen Winterjacke sicheren Schrittes auf ihn zusteuerte. „Ich hab gefragt, was wird das jetzt, wird das ein Überfall?“ Der Täter habe Jacke und Pullover angehoben, darunter steckte eine Pistole im Hosenbund. „Ich tippte auf eine Walther P 99“, sagt der Kassierer. Doch auch der erfahrene Hobby-Sportschütze konnte nicht erkennen, ob es sich um eine scharfe oder eine Schreckschusswaffe handelte. „Ich wollte es auch nicht darauf ankommen lassen und war froh, dass die Pistole im Hosenbund blieb“, sagt der Zeuge. „Erstaunlich ruhig“ wirkte der Räuber auf den Studenten, „sehr abgeklärt, als würde er das öfter machen“. Mit einladender Bewegung unterstrich er seine knappe, klare Forderung („Komm, Geld her!“), steckte die ihm zugeschobenen Scheine im Wert von rund 600 Euro ein und ging ganz ohne Hektik zum Ausgang „wie ein normaler Kunde, der eine Flasche Cola kauft“.

 Die Beschreibung passt so gar nicht zu dem Zustand, in dem der Angeklagte sich zur Tatzeit befunden haben will. Total abgestürzt sei er nach seiner schlecht vorbereiteten Haftentlassung. „Ich hab’ völlig die Kontrolle verloren.“ Alkohol, Heroin, THC, Tabletten, vielleicht auch Kokain – kaum eine Droge, die der Mann mit dem blassen Gesicht nicht intus gehabt haben will. Bereitwillig und gelegentlich versonnen schmunzelnd berichtet er von seiner „ganz normalen Kindheit“ in Hohenwestedt. Allerdings hätten die in Hamburg beruflich stark engagierten Eltern wochentags in der dortigen Zweitwohnung gelebt, den Sohn während der Bauklempnerlehre sich selbst überlassen. „Ich hatte viele Freiheiten“, sagt er heute. Seiner drei Jahre älteren Schwester schien es nicht zu schaden, sie hält als Managerin mit den Eltern Schritt. „Sie war immer besser“, sagt der immer noch jugendlich wirkende Angeklagte.

 Er selbst scheiterte nach dreieinhalbjähriger Lehrzeit trotz passabler praktischer Leistungen am schriftlichen Abschlusstest: „Ich hatte schrecklich Prüfungsangst, bin einfach nicht hingegangen.“ Später hing Sascha L. in der Kieler Drogenszene zwischen Schützenpark und Vinetaplatz ab, schlief mal bei einem Kumpel, mal „auf Platte“. Nach der Haftentlassung deponierte er seine Habseligkeiten in einem Schließfach am Hauptbahnhof.

 Eine Pistole will der Freizeit-Kampfsportler und Boxer nie gehabt oder eingesetzt haben. Überhaupt lehne er Waffen grundsätzlich ab. Was ihn allerdings nicht daran hinderte, sich nach Ableistung der Wehrpflicht um Verlängerung beim Bund zu bewerben. Auch dies ohne Erfolg.