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Kiel Reggae gegen Repression und Regen
Kiel Reggae gegen Repression und Regen
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15:41 24.06.2014
Von Jörg Meyer
Sorgten für Stimmung: Tequila & The Sunrise Gang. Quelle: mik
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Kiel

Es ist schon ein kleines (Kultur-) Politikum, dass das Kulturamt bei „gewaltig leise“ erstmals eine solche „Nacht der Lokalmatadore“ veranstaltet – mehr als nur Ersatz für die krankheitsbedingt ausgefallenen Headliner Gleis 8. Muss unbedingt fortgesetzt werden, um die Kieler Bandszene zu stärken, sind sich in der Pause viele Zuhörer einig. Wie lebendig erstere ist, zeigt schon zu Beginn das Kieler Ska-Punk-Urgestein Tequila & The Sunrise Gang. Den sonst immer etwas schleppenden Offbeat des Reggae bringt die diesmal nur als Septett agierende Band so flink in Rage, dass bereits beim dritten Stück vor der Bühne wild gehüpft, gepogot und mitgesungen wird und man nicht weiß, ob es der Regen oder Tanzschweiß ist, der uns „so richtig durchweicht“, wie sich Sänger René fragt.
 
Wie auch immer, in den Refrain der morgenrötenden Parole „Paradise is not so far“ stimmt das ganze Amphitheater ein, egal ob „gewaltig leise geflüstert“, wie René die Runde zu kassiberndem Raunen anfeuert, oder im ekstatischen Ausbruch der Punkrock-Beats danach. Die Lyrics „No time for to rest, no time for to stay“ sind hier wörtlich zu nehmen, genauso wenn die Tequilas „in Zeiten des Kriegs Lieder des Friedens singen“, in denen der Reggae auch mal etwas entspannter pumpt.
 
Zwischen An- und Entspannung, „Willkommen im Gehirnfasching“ und Party, Lauschen auf die intelligenten Raps und begeistert die stacheligen Beats Durchtanzen, finden auch Herr Bösel genau den richtigen Pfad, wo „die Synapsen tappsen“. Knackige Bläser markieren den Off-Beat als Stich mitten ins Herz träger Kleinbürgerlichkeit, die sich im Konsum verzettelt. „Mehr her von dem, was wir brauchen sollen, mehr her, von dem, was wir nicht wollen“, rattert Rapper Claudius Carstens dagegen an. Gute Laune mit Haltung und einen „Swing“, bei dem sich „die Welt“ auf „gar nicht mehr so schlimm“ reimt. Doch ohne falsche (Revolutions-) Romantik, denn „dieser Keks wird ein weicher sein“, persiflieren sie vorsorglich jeden Weichspülgang Mannheimer Soul-Bäcker.
 
Der Zeitplan ist eng, der Regen wird auch immer stärker, deshalb verzichten Herr Bösel auf die massiv geforderte Zugabe und räumen Sexto Sol die Bühne. Benannt nach der „sechsten Sonne“, dem Zeitalter der Befreiung, das die Mayas einst und wir immer noch erwarten, lässt die zehnköpfige Band solche gleißend über der Krusenkoppel aufgehen. „Niemand ist frei, wenn andere unterdrückt werden“, prangt es vom T-Shirt-Rücken eines der beiden Sänger. Man kann es übersetzen in: „Niemand ist frei, wenn nicht getanzt wird“. Und getanzt wird jetzt außer Rand und Band zu unbändigen Mestizo-Uptempos wie „Multiflaco“. Das Morgenrot kann kommen – nein, es ist schon da, mitten im nächtlichen Regen.