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Kiel Zweite Runde im Raserprozess
Kiel Zweite Runde im Raserprozess
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08:01 21.11.2018
Von Thomas Geyer
An diesem Fußgängerüberweg zum Einkaufszentrum in Kiel-Mettenhof starb im Dezember 2015 ein Radfahrer beim Queren der Fahrbahn. Seitdem gilt hier Tempo 30. Der angeklagte Autofahrer fuhr laut Gutachten zwischen 88 und 99 km/h. Quelle: Thomas Geyer
Kiel

Diese Urteilsbegründung fand die Staatsanwaltschaft fragwürdig: Im Mai 2017 hatte das Kieler Amtsgericht einen Raser freigesprochen, der in seinem 110-PS-Golf mindestens 38 km/h zu schnell fuhr und einen Radfahrer erfasste. Das Opfer wurde durch den Aufprall getötet. Die Strafrichterin urteilte „im Zweifel für den Angeklagten“, weil der Autofahrer das Opfer theoretisch auch mit den erlaubten 50 km/h hätte überfahren können.

Die Staatsanwaltschaft und die als Nebenklägerin am Prozess beteiligte Witwe legten Rechtsmittel gegen den Freispruch ein. Seit gestern wird der Fall vor einer Berufungskammer des Kieler Landgerichts neu aufgerollt. Der Fahrradfahrer, ein 49-jähriger Ingenieur aus Kasachstan, hatte wenige Tage vor Weihnachten 2015 in Kiel-Mettenhof den vierspurigen Skandinaviendamm auf Höhe des Einkaufszentrums überquert. Er starb noch an der Unfallstelle.

Inzwischen gilt an der Unfallstelle Tempo 30

Damals war der stark frequentierte Fußgängerüberweg trotz Bordsteinabsenkung und Unterbrechung des Mittelstreifens noch nicht als solcher gekennzeichnet. „Da hat jeder Gas gegeben“, erinnerte sich ein Zeuge im ersten Prozess. Vor dem Unfall durften Autofahrer dort maximal 50 km/h fahren, inzwischen gilt Tempo 30. Zudem weisen heute Gefahrenzeichen auf die zahlreichen querenden Passanten hin.

Der angeklagte Transportunternehmer (48) konnte sich wie schon im ersten Prozess „nicht mehr an den Unfall erinnern“. Er sei bei Grün losgefahren und dann „mit irgendwas zusammengestoßen“, sagte er gestern. Ein direkt hinter ihm fahrender Zeuge (45) sah plötzlich einen großen dunklen Gegenstand über das Autodach fliegen. Der Kieler Architekt glaubte an einen schlecht gesicherten Teppich oder Weihnachtsbaum und konnte seinen Pkw „ohne Vollbremsung“ vor dem Opfer zum Stehen bringen. „Erst dann habe ich realisiert, dass das ein Mensch war.“

Rechtsanwalt sicher: Unfall wäre vermeidbar gewesen

Schon nach den ersten Zeugenaussagen des auf drei Verhandlungstage angesetzten Berufungsprozesses bekräftigt der Rechtsanwalt der Witwe gegenüber Medienvertretern seine Überzeugung, der Unfall wäre vermeidbar gewesen. Auch die Staatsanwaltschaft ist der Auffassung, der Fahrradfahrer würde noch leben, hätte der Angeklagte sich nur an die vorgeschriebene Geschwindigkeit gehalten.

Seinen 110 PS starken Golf Diesel TDI hatte der Unfallfahrer erst wenige Tage zuvor aus der Reparatur geholt. „Die Bremsen“, erklärt er, „waren frisch gemacht.“ Nach dem Unfall wurde das Fahrzeug verschrottet. Vor Gericht wirkt der Angeklagte gesundheitlich angeschlagen. Immer wieder wird er von Hustenanfällen geschüttelt. Den Fahrradfahrer, sagt er, habe er „überhaupt nicht gesehen – leider“.

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