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Kiel Top-CIA-Agentin lebt heute in Kiel
Kiel Top-CIA-Agentin lebt heute in Kiel
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14:26 11.09.2019
Von Kristiane Backheuer
Olga Raue kundschaftete als junge CIA-Agentin eine geheime unterirdische Atomwaffenfabrik westlich von Moskau aus. Quelle: Frank Peter
Kiel

Diese Geschichte ist so unglaublich, dass man meinen könnte, sie ist dem Kopf eines durchgeknallten Hollywood-Autors entsprungen. Es ist eine Geschichte aus den frühen Jahren des Kalten Krieges. Eine Geschichte von toten Briefkästen, Geheimschriften und Lügendetektoren. Von Spionen und Verrätern. Aber auch von Liebe, Eifersucht und blindem Vertrauen.

Mit ihrem Mann und ihrem Schwager baut sie einen Spionagering auf

Mitten in Kiel lebt die Hauptperson dieser Geschichte: Olga Raue. Die heute 91-Jährige war einst Top-Agentin des amerikanischen Geheimdienstes CIA. Zusammen mit ihrem Mann und ihrem Schwager hatte sie einen Spionagering aufgebaut, der die DDR bis in die Führungsspitze erschütterte.

Olga Raue lebt in einer ruhigen Seitenstraße von Kiel. Seit mehr als 40 Jahren lebt sie hier. Von ihrer Vergangenheit weiß niemand. Nur ihr Mann, der inzwischen verstorben ist. Olga Raue ist eine freundliche ältere Dame mit wachem Blick und aufrechter Körperhaltung.

Eine Top-CIA-Agentin lebt seit mehr als 40 Jahren in Kiel.

Sie bittet ins geräumige Wohnzimmer, wo braune Ledersessel und ein großes Sofa stehen. Hier sitzt schon der Berliner Politikwissenschaftler Prof. Stefan Appelius (56), der vor fünf Jahren bei Recherchen auf Olga Raue gestoßen ist und inzwischen ein Buch über die Spionin geschrieben hat.

„Als ich sie das erste Mal anrief, hatte ich wahnsinnige Angst vor einer Absage“, erzählt Appelius. „Die meisten Zeitzeugen, die ich bisher befragt hatte, wollten die Vergangenheit ruhen lassen. Außerdem hatten Geheimagenten meist eine Schweigeverpflichtung unterschrieben.“ Bei Olga Raue hatte er Glück. Bereitwillig erzählte sie ihm ihr Leben.

Zur Geheimagentin wurde sie durch Zufall

„Anfangs hatte ich nach jedem Gespräch wilde Träume“, sagt Olga Raue. Doch je mehr sie erzählt, desto klarer werden die Erinnerungen. „Ich hatte nie vor, Geheimagentin zu werden. Ich bin da eher durch Zufall reingerutscht“, sagt sie.

Der Zufall sind die beiden Brüder Gerd und Heinz Raue aus der DDR. Beide jungen Männer erledigen kleine Kurierdienste für die CIA. Ersterer ist ihre Jugendliebe, der zweite wird ihr späterer Ehemann.

Vortrag gibt tiefe Einblicke

Wer mehr über die Top-Spionin der CIA wissen möchte: Im Schleswig-Holstein-Saal des Kieler Landeshauses, Düsternbrooker Weg 70, wird Prof. Stefan Appelius am Mittwoch, 11. September, über sein neues Buch und Olga Raue sprechen. Die Veranstaltung des Landesbeauftragten für Politische Bildung beginnt um 18 Uhr. Der Eintritt ist frei. Im Anschluss ist Zeit für Diskussionen. Stefan Appelius ist außerplanmäßiger Professor für Politikwissenschaft an der Universität Oldenburg und arbeitet im Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Über Jahre besuchte er Olga Raue in Kiel und erfuhr in zahllosen Gesprächen alles über ihre Tätigkeit in den frühen Jahren des Kalten Krieges. Insgesamt 240 000 Aktenseiten bearbeitete er zu diesem Fall und recherchierte, was aus ihren früheren Weggefährten geworden ist.

Irgendwann macht die junge Ostdeutsche, die in Greppin aufgewachsen ist, mit. „Wir wollten etwas Gutes tun. Etwas Gutes für Deutschland“, sagt sie. „Deshalb hatte ich auch nie Schuldgefühle.“

Nach vier Jahren will sich die CIA von dem Dreiergespann trennen. „Sie waren zunächst nicht herausragend“, sagt Stefan Appelius, der Tausende von Geheimdienstakten durchforstet hat. „Eher Feld-, Wald- und Wiesenagenten.“

In geheimer Mission geht es nach Moskau

Doch Olga darf in Moskau Medizin studieren, und da wird eine andere CIA-Abteilung hellhörig. „Die Amis hatten große Schwierigkeiten, Leute nach Moskau zu bringen. So wurde Olga groß aufgebaut“, sagt Stefan Appelius.

Von Geheimtinte und toten Briefkästen

Olga Raue lernt, wie man Geheimtinte anfertigt. Wie man Briefpapier präpariert. Wie man seitenlange Anweisungen auf Mikrofilm wieder lesbar macht, die auf harmlosen Landschaftsaufnahmen verborgen sind.

Und sie lernt, wie man eine Zeiss-Ikon-Kamera bedient und möglichst unauffällig Fotos macht. Olga ist technisch interessiert und lernt schnell.

Auch, wie man TBKs anlegt – tote Briefkästen. „Einer war auf dem Don-Friedhof in einem lange nicht gepflegten Grab in einer Urnenwand“, erinnert sie sich. „Ein anderer war an einem Brückengeländer. Mithilfe eines Magneten konnte man dort kleine Metallschachteln anbringen.“

Tote Briefkästen wurden meist mit Geld oder goldenen Uhren bestückt. Ein Agent versteckte die Ware, ein anderer holte sie später unauffällig ab, um damit Bestechungsdienste zu bezahlen. „Bei jeder Aktion hatte ich ziemliches Herzklopfen“, gesteht sie.

Ohnehin sei sie nicht die abgebrühte Spionin gewesen. „Ich war eher ein wenig naiv und blauäugig.“

Geheimfach in der Handtasche, Lackschuhe mit doppeltem Boden

Während Olga Raue in Moskau studiert und nebenbei die CIA beliefert, bleiben Heinz Raue und Schwager Gerd in der DDR. Sie sind die offiziellen Empfänger der Geheimbriefe. Die Amerikaner wollen alles wissen. Wer studiert in Moskau? Wie ist das Straßensystem aufgebaut? Wie ist die Lebensmittelversorgung?

„So wichtig fand ich das alles nicht“, sagt Olga Raue. Aber sie hält alles fest. Auf einem alten Schwarz-Weiß-Foto ist ihre damalige Handtasche zu sehen. Ein Modell mit einem Geheimfach hinter einer festgeschraubten Zierblende. Auch ihre schwarzen Lackschuhe, die einen doppelten Boden haben, sind abgebildet.

Olga Raue erzählt von ihren Reisen in die Schweiz und nach Italien, die von der CIA finanziert wurden. Ermöglicht hat ihr das der damalige West-Berliner CIA-Chef Dave Raymond, der sich in die schöne Spionin verliebte.

Die Top-Agentin entdeckt eine unterirdische Atombombenfabrik

Zur Top-Agentin wird sie, als sie eine geheime unterirdische Atombombenfabrik rund 150 Kilometer westlich von Moskau entdeckt. Zeitgleich beginnt sie eine Romanze mit einem jungen ukrainischen Raketenbauer.

Doch wie es in einem echten Krimi so ist, kommt ihr irgendwann die Staatssicherheit in Moskau auf die Schliche. Ihre damalige Freundin Martha verrät sie 1959. In einem Geheimprozess in Ost-Berlin wird sie zu „nur“ 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, weil sie kooperiert und alle Informationen weitergibt.

Auch die Raue-Brüder werden festgenommen. Sie bekommen lebenslänglich. Nach vorzeitiger Haftentlassung 1965 muss sie für die ostdeutsche Spionageabwehr tätig werden. Zwölf Jahre später darf sie nach drei abgelehnten Ausreiseanträgen in den Westen reisen, wo schon eine neue Liebe auf sie wartet.

Von der Spionin zur Dialyseschwester

Fortan arbeitet sie als Dialyseschwester am Uni-Klinikum in Kiel. Dass sich hier eine ehemalige Top-Spionin um die Patienten kümmert, ahnt niemand. Doch die Vergangenheit holt sie noch zweimal kurz ein.

„Eines Tages hatte ich einen Brief im Briefkasten“, erzählt Olga Raue. „Ich sollte an einem bestimmten Tag in ein Restaurant im Kieler Hauptbahnhof kommen.“ Dort übergibt ihr ein Mann von der CIA die alten Filme, Notizheftchen und Aufzeichnungen.

Die CIA übergibt 80.000 DM am Kieler Hauptbahnhof

Bei einem zweiten Treffen hat er einen braunen Umschlag mit 80 000 DM dabei. Ihr verspäteter Spionagelohn. „Ich gönnte mir einen Nerzmantel und eine Nerzmütze“, sagt sie und schmunzelt. „Den Rest haben meine Geschwister bekommen.“ Den Mantel hat sie nie getragen.

Der Politikwissenschaftler Stefan Appelius schrieb das Buch "Die Spionin"

Jahrelang recherchiert Stefan Appelius die Geschichte von Olga Raue. Er durchforstet Geheimdienstakten, liest alte Prozessakten, Protokolle. Seine wichtigste Quelle ist aber die Agentin selbst. „Anfangs dachte ich, das ist alles nur eine Räuberpistole“, sagt der Wissenschaftler. „Aber es hat sich tatsächlich so zugetragen.“ Auf 600 Seiten hat er das Leben der CIA-Spionin im Kalten Krieg nun zusammengefasst. Ein atemberaubendes Zeitdokument einer politisch hoch spannenden Zeit. 

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