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Kiel Und wer denkt an die Fußgänger?
Kiel Und wer denkt an die Fußgänger?
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20:55 18.09.2012
Von Carola Jeschke
Dietmar Kettler vom Arbeitskreis Fußverkehr Kiel misst eine besonders enge Stelle an der Werftstraße aus. Quelle: bos
Kiel

In der Schweiz nennt man es „Augenschein Fußverkehr“, in Österreich „Fußgänger-Check“, in England und Skandinavien „Pedestrian Audit“: Im Rahmen der Europäischen Wochen der Mobilität lud der Arbeitskreis Fußverkehr gestern zum siebten Mal Rats- und Verwaltungsmitglieder, Polizei, Ortsbeiratsmitglieder und interessierte Bürger zu einer Sichtung der Schwachstellen im Wegenetz zwischen Werftstraße und Schönberger Straße im Stadtteil Ellerbek/Wellingdorf ein. Schlechte Gehwege, fehlende oder versperrte Übergänge, überwucherte Treppen oder ein zu gefährlich enges Nebeneinander von Radfahrern und Fußgängern – die Mängelliste auf der rund zweistündigen Tour war wie immer lang.

Jährliche Fußgänger-Mängeltour

Beispiel Werftstraße an der Bushaltestelle Franziusallee stadtauswärts: Zwischen Bushaltestelle und der viel befahrenen Straße verläuft lediglich der Radweg, ein Gehweg ist nicht vorhanden. Dies gefährdet Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen: Während die kleine Gruppe des Arbeitskreises die Stelle begutachtet, entgeht sie mehrfach nur knapp einer Kollision mit Radfahrern. „Hier ist die Straße breit genug, um die Busspur wegzunehmen und Fläche für den Gehweg zu schaffen“, sagt Ortsbeiratsvorsitzende Gisela Schulz. Harald Schwind, Abteilungsleiter Verkehr beim städtischen Tiefbauamt dämpft zu hohe Erwartungen. „Der Fußverkehr ist ein wichtiger Punkt für uns, allerdings müssen wir in der Stadt die Interessen aller Gruppen berücksichtigen.“ Finanziell und personell sei deshalb nicht immer sofort alles machbar. „Aber wir versuchen, zeitnah eine Lösung zu finden.“

Immerhin: 69 Prozent der Wege in Kiel seien Fußwege“, betont Dietmar Kettler, Gründungsmitglied des Arbeitskreises Fußverkehr Kiel, den Mitglieder des Landesverbandes Verkehrsclub Deutschland (VCD) und des Bundes für Umwelt- und Naturschutz (BUND) vor sieben Jahren ins Leben gerufen haben, um die Belange von Fußgängern stärker in den Fokus der Öffentlichkeit zu rücken. Fachlich stützt sich der Arbeitskreis dabei auf den VCD, den Fachverband Fußverkehr Deutschland und auf die „Empfehlungen für Fußgängerverkehrsanlagen“ der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen. Darin sind Mindestanforderungen formuliert, die ein Gehweg erfüllen muss.

An der jährlichen Mängeltour schätzt Kettler besonders, dass vor Ort häufig „unkomplizierte Lösungen“ gefunden werden. „Es ist auch immer gut, wenn die anwesende Polizei unsere Kritik bestätigt, dann stehen wir nicht als Spinner da.“ Das tut Gunnar Röbsch, Leiter der Polizeistation Dietrichsdorf, nur zu gern. „Wir nutzen den Ortstermin, um auch aus unserer Sicht auf Gefahren hinzuweisen.“ Doch was passiert mit der Auflistung der Mängel, und vor allem mit den Lösungsvorschlägen? Für die Schublade der Ortsbeiräte sind sie nicht gedacht, dennoch lassen konkrete Verbesserungen – trotz bester Absichten seitens der Stadt – laut Dietmar Kettler oft auf sich warten. „Wenn man unsere Touren der letzten Jahre noch mal systematisch abginge, müsste man feststellen, dass meistens nichts passiert ist“, stellt er nüchtern fest. Umso größer ist die Freude, wenn sich etwas bewegt. Bei der letzten Tour, so Kettler, habe der Arbeitskreis die zu schmalen Gehwege im unteren Forstweg bemängelt. Inzwischen dürften Autos dort nur noch halbhoch parken, sodass Fußgänger sich nicht mehr „dünn machen“ müssen. Ortsbeiräte und Ratsmitglieder seien die wichtigsten Ansprechpartner für den Arbeitskreis. „Nur die können Druck machen.“