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Kiel Altes Liedgut sorgt für Misstöne
Kiel Altes Liedgut sorgt für Misstöne
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21:35 24.07.2018
Von Martina Drexler
Mitglieder des Gemeinderates hatten den Gottesdienst in der Universitätskirche gestaltet (v.li.): Jessika Stiefken (24), Studentenpastorin Regine Paschmann (53), Emma Lieback (19), Friedrich Neuhof (28). Quelle: Frank Peter
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Das Fahrtenlied handelt vom Anführer des Bauernkrieges 1525 und dessen Wunsch, die „Pfaffen totzuschlagen". Sie habe sich mit dem auch von ihr als martialisch empfundenen Lied aufklärerisch auseinandersetzen wollen, erklärte die Studentenpastorin Regine Paschmann. Denn es steht, wenn auch umgedichtet und gekürzt, im Gesangsbuch der evangelischen Studierendengemeinden (ESG).

Erinnerungen an die Nazizeit kamen hoch

Joachim Gerdes, gebürtiger Kieler und seit 20 Jahren Germanistik-Professor in Genua, begleitete seine Mutter bei seinem Kiel-Besuch in den Gottesdienst. Als das Lied erklang, habe sie sich sofort an die schlimmen Erlebnisse in der Nazizeit erinnert gefühlt, zumal ihre beiden Brüder das Lied in der Hitlerjugend anstimmen mussten. Alte Wunden rissen auf. Was habe Naziliedgut in einem christlichen Gottesdienst verloren, zumal es bei den meist älteren Besuchern zu Entsetzen führen könne, fragte Gerdes in einem Brief an unsere Zeitung und vermutete mangelndes Geschichtsbewusstsein dahinter. Seine Mutter habe ihn verstört gebeten, die Kirche zu verlassen. Die beiden bekamen die Einordnung von Regine Paschmann deshalb nicht mehr in Gänze mit.

Lied passe "so gar nicht zum Selbstverständnis der ESG"

Die Pastorin bedauert den Vorfall und räumt ein, nicht mit einer möglichen „Traumatisierung“ unter den Besuchern gerechnet zu haben. Sie habe bewusst das einzige von 513 neuen, ansonsten wunderbaren, geistlichen Liedern aus dem ESG-Gesangbuch „Durch Hohes und Tiefes“ ausgewählt, das sie wegen der „ungebremsten Fantasie“, Widersacher mit Gewalt zu verfolgen, ablehne: „Wir wollten selber verstehen, warum dieses Kampflied als Hymne im Buch auftaucht, das wir verteilt haben, und den Besuchern erklären, warum wir dieses Lied aus voller Überzeugung nie wieder nach dem Gottesdienst singen würden.“

So skizzierten die 53-Jährige und ihr studentisches Team im Gottesdienst, wie es zu dem „schwierigen Erbe“ kam, obwohl die Verse mit dem Aufruf zu Gewalt und Brandstiftung so gar nicht zum Selbstverständnis der ESG passen.

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