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Kiel Uwe Storm ist der "Alte"
Kiel Uwe Storm ist der "Alte"
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14:20 26.09.2012
Von Anne Spielmeyer
Uwe Storm blättert in historischen Dokumenten. Quelle: bos
Kiel

Die 70er Jahre konnten so wild sein. Selbst in Kiel ließen die Rolling Stones mit einem völlig bekifften Mick Jagger in der Ostseehalle einen Riesenpenis aufstehen. Der neue gesellschaftliche Rausch brachte mehr in Schwung als nur die Partygemeinde: Demos gegen den Vietnamkrieg uferten aus, Polizisten fürchteten Molotowcocktails am Atomkraftwerk in Brokdorf, schlichteten aggressive Schlägereien an der Bergstraße.

In dieser pulverisierten Zeit war Uwe Storm, heute 74 Jahre alt, Leiter des 2. Reviers in Kiel. Er war nicht zur Polizei gegangen, um Parka zu zerreißen, auch nicht, um sich vor Steinen zu ducken. Storm war zur Polizei gegangen, weil er sportlich war – körperlich wie geistig. „Ich wollte immer möglichst gerecht sein“, erzählt der Handballspieler. „In der Rückschau war es eine intensive Zeit“, sagt er, hält inne – „und der Flachs blühte“, auch wenn er nicht jeden Konflikt mit Humor lösen konnte.

1959 war Storm als Polizeianwärter nach Eutin gekommen, Ausbildung zum Granatwerfer damals inklusive. Er wurde Fachlehrer an der Landespolizeischule – zunächst haupt-, später nebenamtlich. 1968 kam er als Stellvertreter aufs Revier Neumünster, 1970 wurde er Leiter des 6. Reviers in Dietrichsdorf, 1972 wartete die Falckwache auf ihn. Acht Jahre am Alten Markt sollten die prägendsten seiner gesamten Polizeilaufbahn werden. „Es war mein polizeilicher Mittelpunkt“, sagt er heute – bewusst war es ihm schon damals. Nachdem er 1981 ins Ministerium berufen wurde, hatte er die Wache nie wieder besucht. „Es ging nicht“, sagt er. „Ich hätte Heimweh bekommen.“

Im Vorfeld des 100-jährigen Jubiläums, gut 30 Jahre später, kommt der alte Mann mit wachen, hellblauen Augen und weißgrauem Haar nun doch auf die Wache. Er fasst auf den Tresen im Eingang. „Es sieht alles anders aus“, sagt er und lässt seinen Blick über die moderne Kommunikationstechnik wandern, die seinem kiloschweren Telefunken-Gerät nicht mehr nachempfunden scheint. „Wir hatten alte Schreibtische, Wehrmachtsspinde, aber uns hat nichts gefehlt.“ Storm geht die Treppe rauf, grüßt Kollegen der nächsten Generation. Im 2. Stock des Altbaus findet er sein Büro hinter einem BVB-Poster. „Hier war ich“, sagt er, strahlt, drückt die Klinke – grüßt höflich und schließt die Tür schnell wieder. „Wir waren eine gute Mannschaft, fast wie eine Familie.“

Im Flur kommt er an einer Glasvitrine vorbei, die die Welt im Rausch präsentiert: Cannabis, Speed, Heroin. So weit war die Polizei in den 70ern nicht. „Drogen waren damals noch Neuland, ich habe da zum ersten Mal Haschisch gesehen.“ Während die RAF bundesweit für Schrecken sorgte, zog in Kiel eine öffentliche Partykultur ein, die die Polizei ganz neu forderte.

Storm erinnert sich an ein Popkonzert am Anfang seiner Laufbahn in der Ostseehalle, Tausende vor der Halle, innen blauer Dunst, das Ganze um 13 Uhr. Er rief zunächst vier Kollegen – aber schnell wurde klar: Das wird nicht reichen. Es kam zu Schlägereien, 18 Verletzte wurden in Krankenhäuser gebracht, Sanitäter wurden angegriffen. Mit seinem charmanten Kollegen Wachleiter Otto Blö(h)dorn ließ er sich den Hauptschalter zeigen und sie beendeten das Spektakel zumindest akustisch. Als Konsequenz wurde das „Hamburger Gitter“ eingeführt mit Alkoholschleusen, beim ACDC kam sogar die Hundestaffel zum Einsatz.

So aggressiv und emotional die 70er gesellschaftlich gewesen sein müssen, so sehr haben sie seine Mannschaft zusammengehalten: Hausbesetzungen, nächtelange Einsätze am Kernkraftwerk Brokdorf. „Die gemeinsame Erbsensuppe aus der Gulaschkanone vergesse ich nicht. Seitdem liebe ich Erbsensuppe“, sagt er. Missen möchte er die Zeit nicht. Schließlich gab es nicht nur großen Krawall und kleine Alltagsdelikte, sondern auch jede Menge glamouröser Staatsbesuche.

Für ein paar Minuten war Storm sogar Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Gefühlt zumindest. Bundespräsident Karl Carstens war als Gast angekündigt, Landtagsabgeordnete warteten gemeinsam mit Polizisten am Kieler Schloss. Als es anfing zu regnen, retteten sich alle unter das Glasdach. Carstens rollte an und nur Storm stand noch im Regen. „Da habe ich den Bundespräsidenten kurzum begrüßt: „Herzlich Willkommen in Schleswig-Holstein. Wir haben dann noch so ein bisschen geplaudert, wie man das so macht“, erzählt er. Man könne schlechter im Regen stehen, findet Storm. Recht hat er.