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Kiel Dieselskandal: Rentner aus Kiel legt sich mit VW an
Kiel Dieselskandal: Rentner aus Kiel legt sich mit VW an
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13:35 11.09.2019
Von Heike Stüben
Karl Heinz Bohm (69) aus Kiel will, dass der VW-Händler seinen Tiguan wegen der Abgasmanipulationen zu einem fairen Preis zurücknimmt.  Quelle: Frank Peter
Kiel

Karl Heinz Bohm ist fest entschlossen, als er den Gerichtssaal 53 im Kieler Landgericht betritt. „Ich rechne damit, dass die Gegenseite Druck auf mich macht, damit ich ihrem Vergleichsangebot zustimme. Doch ich werde mich nicht abspeisen lassen. Ich möchte, dass der VW-Händler das Auto zurücknimmt und mir eine angemessene Summe zahlt.“

Deshalb hat der 69-Jährige die Klage gegen seinen Händler gerichtet, bei dem er 2014 für 25980 Euro einen VW Tiguan mit Dieselmotor, Baureihe EA 189, gekauft hat. Händler und VW haften in der Diesel-Affäre als Gesamtschuldner. Das bedeutet: Kläger wie Karl Heinz Bohm können wählen, gegen wen sie vor Gericht ziehen.

1. Vorschlag: Rentner soll 5000 Euro bekommen

Gleich zu Beginn der Verhandlung lässt sich der Vorsitzende Richter Hans-Rudolf Stein von Bohm den aktuellen Kilometerstand nachweisen. Der Rentner hat dazu ein Foto gemacht. Darauf ist der Kilometerzähler des Tiguan mit den Kieler Nachrichten vom Vortag zu sehen. Weil der Rentner seitdem noch ein paar Kilometer zurückgelegt hat, einigt man sich auf einen aktuellen Kilometerstand von 90650 Kilometern.

Anschließend stellt der Richter fest: Der Sachverhalt sei bereits allseits bekannt. Wenn es Vorschläge zur Einigung gebe, sollten die jetzt auf den Tisch. Die Rechtsanwältin des beklagten Autohändlers schlägt wie erwartet einen Vergleich vor: Bohm soll eine Einmalzahlung in Höhe von 5000 Euro erhalten. „Dann wüssten Sie genau, wo Sie ständen und könnten ihr Fahrzeug immer noch auf dem Sekundärmarkt veräußern“, versucht die Anwältin das Angebot Bohm schmackhaft zu machen.

Neue Software wirkt nur bei Wärme

Doch dessen Anwalt Michael Czichon winkt sofort ab. „Das ist kein fairer Vergleich.“

Schließlich, so wird Bohm später erklären, sei sein Fahrzeug immer noch mangelhaft. „Ich wurde zwar gezwungen, das Software-Update machen zu lassen. Doch dann habe ich in der Fernsehsendung Kontraste erfahren, dass die Abgasreinigung trotz Update nur bei einer Außentemperatur von 15 bis 33 Grad  funktioniert.“ Da es in Schleswig-Holstein aber monatelang kühler sei, sei das Abgasproblem immer noch nicht behoben.

Bei der Deutschen Umwelthilfe bestätigt man, dass auch die neue Software den Stickoxid-Ausstoß nicht grundlegend verbessert. Laut Geschäftsführer Jürgen Resch ist sogar das Gegenteil der Fall. „Bei Temperaturen, wie wir sie ab Oktober wieder zu erwarten haben, sind die Stickoxid-Werte sogar höher als die, die wir vor dem Software-Update im Sommer gemessen haben." Bei VW heißt es: Eine Ausnahmeklausel in der entsprechenden Verordnung würden solche „Thermofenster“ zulassen.

2. Vorschlag: Händler nimmt Auto für 16000 Euro zurück

Als klar ist, dass Bohm auf der Rücknahme des Tiguan besteht, rechnet der Richter aus, was dem Rentner dann möglicherweise zustehe: Kaufpreis minus Nutzungsentschädigung für die 90650 Kilometer mache 16560 Euro. Im Klartext: Bohm wäre das Auto los, bekäme dafür aber 16560 Euro. Für den Kieler wäre das eine faire Lösung. Und die Beklagte? Überraschend sagt die Rechtsanwältin. „Dieser Vergleich ist möglich, allerdings nur, wenn er sofort anerkannt wird.“

„Das ist nicht möglich. Der Vergleichsvorschlag muss erst der Rechtsschutzversicherung vorgelegt werden, damit mein Mandant nicht auf den Kosten des Verfahrens sitzen bleibt“, entgegnet Bohm’s Anwalt. Der Richter schlägt als Ausweg vor, den Vergleichsvorschlag zu Protokoll zu nehmen. Das gäbe Zeit, die Frage der Verfahrenskosten zu klären.

Keine Einigung

Doch das lehnt die Anwältin ab. „Das Vergleichsangebot gilt nur aktuell. Ich bin da gebunden.“ Warum, will sie nicht erklären. Richter Stein reagiert kurz und bündig: „Dann bekommen Sie ein Urteil.“ Das wird am 8. Oktober verkündet

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