Verdienstmedaille: Kielerin hält Handwerk des Bänderwebens lebendig
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Kiel Hildegund Hergenhan hält das Bandweben lebendig
Kiel

Verdienstmedaille: Kielerin hält Handwerk des Bänderwebens lebendig

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08:00 24.08.2021
Von Kristiane Backheuer
Die einzelnen Fäden werden durch einen Webkamm geführt. Den Anfang des Bandes hat Hildegund Hergenhan an einem Gürtel an ihrem Bauch befestigt.
Die einzelnen Fäden werden durch einen Webkamm geführt. Den Anfang des Bandes hat Hildegund Hergenhan an einem Gürtel an ihrem Bauch befestigt. Quelle: Frank Peter
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Kroog

Viele Fäden, pures Glück: Was Hildegund Hergenhan da mit flinken Fingern in ihrem Wohnzimmer macht, konnten schon die Menschen in der Bronzezeit. Aus vielen bunten Fäden zaubert sie mithilfe eines Webkamms wunderschöne Bänder mit den unterschiedlichsten Mustern. Für ihr Engagement auf dem Gebiet des Bänderwebens wird sie am Dienstag von Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) mit der Verdienstmedaille der Bundesrepublik ausgezeichnet.

Die Kunst des Bänderwebens faszinierte Hildegund Hergenhan schon als Fünfjährige. Da kam eine Freundin ihrer Mutter mit einem bunten Exemplar vorbei. „Das hat mich ungeheuer beeindruckt“, sagt sie. Später hielt ihre Mutter die Familie mit dem uralten Handwerk über Wasser, indem sie selbst gewebte Schals verkaufte. Das Bandweben geschieht nicht auf einem Webstuhl, sondern mithilfe eines Gurtwebgeräts, das vor den Bauch gebunden wird. Würde man heute das Hobby erlernen wollen, ist man mit rund 30 Euro dabei. Man braucht nur einen hölzernen Webkamm, ein Holzschiffchen und Garn.

Überall auf der Welt beherrschen die Menschen das Bänderweben

Im Wohnzimmer in Kroog ist inzwischen fast die ganze Welt vereint: Vor einer Glastür hängen Bänder aus Kenia, Lappland, Estland, Usbekistan, Irland, Thailand. Mal mit aufregenden Mustern, mal in knalligen Farben, mal schlicht, mal raffiniert. „Die meisten dieser Bänder haben mir Freunde von ihren Reisen mitgebracht“, erzählt Hildegund Hergenhan. Sie selbst ist eher in Deutschland und Europa unterwegs. Immer auf der Suche nach Mustern, die sie noch nicht kennt. Meist wird sie in Museen fündig.

Die Kunst des Bänderwebens ist uralt

„Schon in der Bronzezeit wurden in unserem Land Bänder gewebt“, sagt sie. „Wahrscheinlich haben schon die Indogermanen diese Kunst auf ihren Wanderungen mitgebracht.“ Die bunten Bänder dienten damals als Gürtel oder wurden zur Verzierung der Kleidung genutzt. Später waren auch Strumpfbänder, Krawattenbänder, Tischbänder, Lesezeichen und Hochzeitsbänder mit Sprüchen modern. Ihr vielfältiges Wissen über die Kunst des Bänderwebens hat Hildegund Hergenhan schon in etlichen Musterheften veröffentlicht. „Ich bin gelernte technische Zeichnerin“, sagt sie schmunzelnd. „Das Aufzeichnen von Mustern liegt mir.“

Das alte Handwerk des Bänderwebens hält Hildegund Hergenhan mit Seminaren lebendig

Auch auf Seminaren und in Vorträgen hält die umtriebige Kielerin das alte Handwerk lebendig. Zudem webt sie auf Handwerkermärkten oder im Freilichtmuseum. 18 Jahre lang leitete sie unter anderem den Weihnachtsmarkt in der „Pumpe“ in Kiel und präsentierte dort ihre gewebten Schmuckstücke.

Fast immer an ihrer Seite: ihr Mann Wolf (90). „Während meine Frau mit den Erwachsenen fachsimpelt, zeige ich den Kindern, wie tundeln geht“, sagt er verschmitzt. Tundeln? Im nächsten Moment holen die beiden vier große hölzerne Spindeln mit buntem Garn hervor, hängen die Fäden oben an einen Haken an der Lampe und zeigen mit flinken Fingern, wie das Tundeln geht. Dazu werfen sie sich immer schräg die Spindeln zu, sodass nach und nach ein bunt geknüpftes Band entsteht. Sieht fast aus, als würden sie horizontal jonglieren. „Das hält den Kopf jung“, sagen beide lachend. Genauso wie die verschiedenen Schrittkombinationen beim Volkstanz.

23 Jahre lang leitete Hildegund Hergenhan einen Jugendtanzkreis. Inzwischen ist sie „nur noch“ Chefin der Volkstanzgruppe für Erwachsene, die sich regelmäßig (wenn die Corona-Verordnung es zulässt) im Haus der Heimat in der Wilhelminenstraße trifft. Gerade hat sie eine CD und ein Begleitheft über pommersche Tänze herausgebracht.

Auch für die Verdienstmedaille der Bundesrepublik wird ein Platz gefunden

Wolf und Hildegund Hergenhan, die drei Kinder und elf Enkel haben, sind ein eingespieltes Team. Das merkt man schnell. „Letztes Jahr hätten wir diamantene Hochzeit feiern können“, erzählen sie. „Wenn man uns denn gelassen hätte.“ Gerade sitzen sie auf gepackten Umzugskartons. Mitte September geht es vom Einfamilienhaus in eine seniorengerechte Wohnung.

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„Die hat dann keine Treppen“, sagen beide und wissen noch gar nicht so recht, was mit all den gewebten Schätzen passieren soll. Aber da findet sich mit Sicherheit ein Platz. Genauso wie für die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland, die Hildegund Hergenhan ab jetzt ihr Eigen nennen darf.

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