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Kiel Wohnungssuche in Kiel: Familie verzweifelt an starren Regeln
Kiel Wohnungssuche in Kiel: Familie verzweifelt an starren Regeln
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15:48 18.09.2019
Von Heike Stüben
Anna Friedrich (35) findet mit ihren Kindern Melissa (12) mit Lorena (5), Edwin (9) und Aron (7) keine Wohnung. So wohnen sie zu siebt in der Drei-Zimmer-Wohnung der Großeltern. In diesem Zimmer schlafen Anna Friedrich und Melissa. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

Die Wohnungssuche von Anna Friedrich und ihren Kindern offenbart die Probleme auf dem Wohnungsmarkt in Kiel – und dass starre Regeln gut gemeint sind, aber zu absurden Situationen führen. Die 35-Jährige hat sich von ihrem Mann getrennt. Eine neue Wohnung sollte ihr und den Kindern Sicherheit und einen Rückzugsort in einer Zeit großer Umbrüche und Unsicherheit geben. Doch die 35-Jährige fand keine Wohnung.

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Weil die Einzelhandelskauffrau für die Kinder ihre Berufstätigkeit aufgegeben hat, ist sie auf Unterstützung vom Jobcenter angewiesen. Dort ist man Regeln gebunden. Nur wenn sie eingehalten werden, übernimmt das Jobcenter die Miete.

Mangelware: große, preiswerte Wohnungen

Das bedeutet in diesem Fall: Für Anna Friedrich und ihre vier Kinder muss die Wohnung 85 bis 95 Quadratmeter groß sein und darf maximal 755 Euro kosten – ohne Heizung, aber mit Betriebskosten. Diese MOG (Mietobergrenze) muss eingehalten werden. Billiger darf die Wohnung sein, kleiner aber nicht.

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„Ich habe wirklich gesucht, auch bei großen Anbietern in Mettenhof, aber es gibt zu diesem Preis keine so große Wohnung für uns“, berichtet Anna Friedrich. Eine Drei-Zimmer-Wohnung hätte sie einmal haben können. „Aber die darf das Jobcenter nicht akzeptieren, weil sie kleiner als 85 Quadratmeter war, wurde mir beim Jobcenter erklärt."

Die Regeln sollen die Mieter schützen

Beim Jobcenter weiß man um das Problem. "Grundsätzlich sind die Grenzen aber zum Schutz der Mieter da“, erklärt Anna Mergner, Pressesprecherin vom Jobcenter Kiel, „gerade wenn Kindern da sind, ist eine gewisse Wohnungsgröße wichtig.“

Das sieht auch Anna Friedrich so. Nur: Was ist, wenn der Markt solch eine Wohnung nicht hergibt? Als es im Mai zu Hause nicht mehr ging, sah Anna Friedrich nur einen Ausweg: Sie zog mit ihren vier Kindern aus dem Kieler Norden zu den Eltern nach Mettenhof. Seitdem leben sie zu siebt auf 74 Quadratmetern. „Ich verstehe das nicht:  Fünf Leute in drei Zimmern geht nicht, aber sieben Personen in drei Zimmern ist kein Problem“, sagt die vierfache Mutter.

Kein Platz für Hausaufgaben

Die Wohnsituation ist sehr beengt. Alle drei Zimmer wurden zu Schlafzimmern umfunktioniert. Anna Friedrich schläft mit der großen Tochter Melissa (12) in einem Raum, im ursprünglichen Wohnzimmer schlafen die Jungen Aaron (7) und Edwin (9) und die Großeltern haben in ihrem Schlafzimmer noch ein Bett für die fünfjährige Lorena aufgestellt. Kleidung, Bücher, Spiel- und Sportsachen – all das wurde in freien Ecken gestapelt und auf Kleiderständern untergebracht.

„Bis jetzt ging das ganz gut, aber jetzt hat die Schule angefangen und die Situation zum Hausaufgaben machen ist extrem schwierig“, sagt Anna Friedrich und zeigt die kleine Küche. Dort machen an dem Küchentisch gerade die Jungen ihre Aufgaben. Anna Friedrich hatte gehofft, dass zumindest Aaron einen Platz in der Betreuten Grundschule bekommt, um dort seine Hausaufgaben machen zu können. „Doch es sind noch einige Kinder vor uns auf der Liste, da haben wir keine Chance.“

Mieterverein: Kein Einzelfall

„Was die Familie erlebt, ist leider kein Einzelfall. Wir können da nur raten: Weitersuchen und sich auch am Stadtrand oder in Nachbargemeinden umzuschauen“, sagt Sophie Mainitz, Geschäftsführerin vom Kieler Mieterverein. Doch alles, was Schulwechsel bedeuten würde, möchte Anna Friedrich ihren Kindern in dieser Situation der Trennung nicht antun.

„Zudem würden die Wege zum Sport weiter.“ Denn alle vier sind begeisterte Sportler: Die Jungen boxen, die Mädchen machen Sportakrobatik – Melissa ist auch auf Turnieren erfolgreich. Zudem hofft die Mutter, dass sie eine Stelle im Einzelhandel findet. Bisher scheitert das daran, dass ich nur vormittags arbeiten kann, weil ich mich nachmittags um die Kinder kümmern und sie auch zum Sport bringen muss.“

Mietobergrenzen werden erst 2021 angepasst

Also sucht und hofft sie weiter. Was sie sich wünscht? „Dass die starren Mietobergrenzen fließender werden. Noch besser wäre es, wenn sie den tatsächlichen Mieten auf dem Kieler Wohnungsmarkt angepasst würden.“ Dafür ist die Stadt Kiel zuständig. Doch dort verweist man darauf, dass es erst kürzlich eine Anpassung gab. Eine neue Richtlinie soll erst 2021 kommen.

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