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Kiel Späte Ehre für getöteten Kieler Soldaten
Kiel Späte Ehre für getöteten Kieler Soldaten
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19:00 15.11.2019
Von Jürgen Küppers
Elke Kurda bewahrt seit Kindertagen alles in Mappen auf, was sie an ihren in Russland gefallenen Vater erinnert. Wie zum Beispiel sein Porträtfoto oder die Sterbeurkunde. Quelle: Frank Peter
Kiel

Zum ersten Mal erfuhr Elke Kurda davon, als sie vor ein paar Monaten ein Einschreibepäckchen mit einer Nachricht öffnete: Nach jahrzehntelanger Recherche habe  der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge das provisorische Grab ihres Vaters im Nordwesten Russlands gefunden und sorgte für dessen Umbettung auf einen Soldatenfriedhof unweit des Ortes, an dem Walter Kohlmorgen am 23. Dezember 1942 in der Kesselschlacht von Demjansk im Kugelhagel starb.

Das Päckchen mit dem Absender des Deutschen Bundesarchivs enthielt außer der Umbettungsnachricht aber noch einen „Schatz“: den Nachlass ihres Vaters. Er bestand aus einer halben Soldaten-Kennmarke aus Blech und einer stark angegriffenen Taschenuhr. Beides lagerte jahrzehntelang im provisorischen Grab Walter Kohlmorgens.

"Es ist ja alles schon so lange her"

Was Elke Kurda empfand, als sie den Inhalt des Päckchens sichtete, kann sie nicht mehr sagen. Will es wahrscheinlich auch nicht. „Es ist ja alles schon so lange her.“ Aber immerhin seien die Jahre der Ungewissheit zum Ort der letzten Ruhestätte des Vaters endlich vorbei. „Dieses Kapitel kann ich jetzt abschließen. Und das ist gut so.“

Was aber nicht heißt, dass Elke Kurda vergessen will – oder kann. Regelmäßig breitet sie auf dem Wohnzimmertisch die Alben aus, in denen sie in Klarsichtfolien fast ihr ganzes Leben lang alle Erinnerungsstücke an den Vater fein säuberlich bewahrte: Fotos, seine Briefe von der Ostfront, Postkarten oder die per Hand geschriebene Todesnachricht an die Familie mit Datum 24. Dezember 1942.

Stadt Kiel übernahm "Ehrenpatenschaft" für Elke Kurda

„Der Unteroffizier Walter Kohlmorgen“, schrieb der Kompanie-Chef in seiner „Weihnachtspost“ von der Ostfront im unbarmherzigen Pathos der Nazi-Ideologen, habe bei „schweren Abwehrkämpfen gegen die bolschewistischen Horden für Führer, Volk und Vaterland den Heldentod gefunden“. Tapfer sei der Gruppenführer Walter Kohlmorgen gewesen, „kampferprobt, mit unverzagter Zähigkeit und Ausdauer in die heroischen Kämpfe gegangen“.

Elke Kurda hat in ihren Mappen noch ein weiteres Zeugnis des verlogenen Zynismus’ der braunen Zeit: die Urkunde einer „Ehrenpatenschaft“ der Stadt Kiel für die Tochter des gefallenen Soldaten. Darin bescheinigt die Stadt am 7. Juni 1943 ihre „Verpflichtung“, die Tochter bis zur Volljährigkeit „in allen Nöten wie ein Vater zu behandeln und zu betreuen“.

Versprechen wurden nicht eingelöst

Nichts von dem hochtrabenden Versprechen habe die Stadt eingelöst. „Hilfestellung kam jedenfalls keine“, bilanziert Elke Kurda, die etwa 40 Jahre lang mit ihrem Mann das gleichnamige Sanitätsgeschäft in Kiel führte. Mehr und Kritisches will die heute 79-Jährige zur „Ehrenpatenschaft“ der Stadt nicht sagen. „Es war eben eine andere Zeit damals.“

Dennoch lässt ihr diese Zeit keine Ruhe. So blättert Elke Kurda nicht nur immer wieder in ihren Alben, sie versäume auch keine TV-Dokumentation über die Nazi-Zeit. „Aber nur, wenn sie von den Jahren vor 1942 handelt, als mein Vater noch lebte.“

Taschenuhr ist kostbarstes Erinnerungsstück

Ein unendlich kostbares Stück von ihm lebt jetzt weiter in Elke Kurdas Sammlung und ihrer Erinnerung an den persönlich so gut wie unbekannten Vater: seine Taschenuhr, die sie wie ein Schmuckstück in einer Schachtel aufbewahrt. Ihre fast verwitterten Zeiger stehen auf acht Minuten vor sieben. Ob abends oder morgens, ob sie die Todesstunde Walter Kohlmorgens anzeigen oder die Uhr irgendwann einfach stehenblieb. Elke Kurda stellt sich diese Fragen oft. Antworten wird sie wohl nie bekommen.

Was sie aber sicher weiß, ist der Ort, wo ihr Vater jetzt liegt: auf dem vier Hektar großen Areal der von der Kriegsgräberfürsorge errichteten Gräberstätte Korpowo mit rund 40.000 Gefallenen im russischen Staraya Russa – Block sieben, Reihe zehn, Grab 599. Bei der Frage, ob sie jemals dorthin reisen wird, überlegt Elke Kurda lange: „Ich glaube nicht, es ist wohl doch zu anstrengend.“

Die letzte Mitteilung zum Vater steht noch aus

So wird sie warten, bis die nächste und wahrscheinlich letzte Nachricht zu ihrem Vater im Briefkasten liegt. Die Mitteilung, dass der Name Walter Kohlmorgen, 32 Jahre alter Maschinenschlosser aus Kiel, demnächst in eine große Granitstele des Soldatenfriedhofs Korpowo eingemeißelt wird. Mit der Nummer 31407.

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Den ersten Volkstrauertag gab es 1925

Der Volkstrauertag wurde 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge als Gedenktag für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs vorgeschlagen. Erstmals begangen wurde der Volkstrauertag am 1. März 1925, einen Tag nach dem Tod des ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert. In der Folge gab es in der Weimarer Republik abwechselnd im Februar oder März zwar Volkstrauertage, die aber keine gesetzlichen Feiertage waren.

Erst die Nationalsozialisten erklärten den Volkstrauertag, den sie zum „Heldengedenktag“ umbenannten, ab 1934 zum Feiertag – jeweils am zweiten Fastensonntag. Nicht mehr das Totengedenken sollte im Mittelpunkt stehen, sondern die Verehrung der Helden – insbesondere aus den Reihen der Wehrmacht und der NSDAP.

Ab Anfang der 1950er-Jahre veranstaltete der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge bis 1968 zentrale Kranzniederlegungen in Bonn. Bislang ist der Volkstrauertag in keinem Bundesland gesetzlicher Feiertag, wird in den meisten Ländern aber als ein „zu schützender“ Tag jeweils zwei Sonntage vor dem ersten Adventssonntag bezeichnet. Er erinnert jetzt an die „Kriegstoten und Opfer der Gewaltbereitschaft sowie Gewaltherrschaft aller Nationen“.

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