Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Was russische Besucher sagen
Kiel Was russische Besucher sagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:33 24.06.2014
Von Thomas Paterjey
Das russische Team auf der Warsteiner Balloon Sail (von links): Alexander Petukovskij, Denis Sina, Valeria Welk, Pilotin Ljudmila Samborskaja, Ulf Röllinhoff und Kevin Sina. Quelle: Sven Janssen
Anzeige
Kiel

Ljudmila Samborskaja ist skeptisch: Nur zu gerne hätte die Pilotin den Besuchern der Warsteiner-Balloon-Sail einen Heißluftballon in der Form einer Matroschka gezeigt. Aber ob es die Hülle in den kommenden Tagen aus Russland nach Deutschland schafft, ist mehr als fraglich. Derzeit steht der Wagen mit dem außergewöhnlichen Textil an Bord vor der ukrainischen Grenze. Passieren darf er sie nicht. „Ballonfahrer überwinden Grenzen“, sagt die 55-Jährige. Doch wenn ein Ballonhülle am Boden unterwegs ist, wird das schon schwieriger.

 Die Spannungen zwischen Ost und West, der militärische Konflikt im Osten der Ukraine, eine Kieler Woche ohne eine Abordnung der Baltischen Flotte – für das alles hat Samborskaja kaum Worte: „Ganz schlimm“, sagt sie, und das Entsetzen ist ihr anzusehen.

Anzeige

 Rasch lässt sie das Thema hinter sich und spricht stattdessen mit großer Begeisterung vom Ballonfahren. Immerhin, zwei andere, äußerst außergewöhnliche Ballone mit Russland-Bezug wird sie auf dem Kieler Nordmarksportfeld präsentieren können: Einer hat die Form der Raumkapsel Wostok, mit der der Kosmonaut Juri Gagarin 1961 den ersten bemannten Raumflug absolvierte. Der andere hat die im Vergleich dazu recht schlichte Form einer Dose Hundefutter – allerdings mit kyrillischer Beschriftung.

 Dass sich letzterer im Besitz der Wahl-Dortmunderin befindet, ist einem kurios anmutenden russischen Gesetz geschuldet – das womöglich mehr über die russische Politik aussagt, als es auf den ersten Blick scheint: Es schreibt kyrillische Buchstaben in der Werbung zwingend vor. Da der Namenszug der Herstellerfirma jedoch in lateinischer Schrift ist, durfte der Ballon in Russland nicht mehr starten. „Deswegen habe ich die Hülle jetzt seit drei Jahren bei mir“, sagt Samborskaja, die im Hauptberuf ihr Geld als Klavierlehrerin und Psychologin verdient. „Er ist gerade einmal 40 Stunden gefahren“, unterstreicht sie. „Wie neu!“

 Ihre erste Ballonfahrt machte Samborskaja vor rund 17 Jahren, Notlandung in einem Alpental inbegriffen. „Ich dachte mir, das kann ich besser.“ Zwei Jahre später legte sie in Litauen ihre Pilotenprüfung ab. Seitdem kommt sie mit ihrem Hobby viel herum in der Welt. Zum ersten Mal präsentiert sie die „Sonderformen“, wie ihre Ballon-Spezialanfertigungen auch genannt werden, bei der Kieler Balloon-Sail.

 Leicht zu fahren seien diese nicht, sagt sie. So ein Spezial-Ballon brauche wesentlich länger, bis er reagiere. Dennoch haben es ihr die außergewöhnlichen Varianten angetan. „Sie sind schön – und sie setzen Zeichen.“ Das Überwinden der Grenzen verkörpert insbesondere der Raumkapsel-Ballon, der anlässlich des 50. Jahrestages von Gagarins Flug in Dienst gestellt wurde. Das einst von der Sowjetunion gefeierte Ereignis werde nun länderübergreifend gewürdigt: „Der Ballon hat ein tschechisches Kennzeichen und fliegt jetzt in Deutschland.“

 Außerdem überragt er mit einer Höhe von 47 Metern das Original um Längen. „Gagarins Kapsel hatte einen Durchmesser von 1,60 Meter“, erklärt Samborskaja und lacht. Zu übersehen sein wird Russland also auch bei dieser Kieler Woche nicht – zumindest am Himmel, wenn der Wind es zulässt.