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Kiel Wasser marsch statt „Knüppel frei“
Kiel Wasser marsch statt „Knüppel frei“
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08:15 25.09.2012
Von Günter Schellhase
lok Falckwache Quelle: Polizei
Kiel

1921 herrschten Arbeitslosigkeit und Inflation: Nach einem Polizeibericht hatten sich damals mehr als 1000 Männer und Frauen in der Nähe des Bahnhofs zusammengerottet, weil sie die Hotels und größeren Geschäfte plündern wollten. Die Lebensmittel waren mehr als knapp – geistige Väter, so heißt es im Bericht eines Beamten der Falckwache, seien die damaligen Erwerbslosenausschüsse gewesen. Ein Polizist war Posten am Bahnhof, wo er sofort umzingelt wurde. „Mit vorgehaltener Pistole zog ich mich zurück und wurde mit Steinen und Salzsäureflaschen beworfen. Säurespritzer zerfraßen meine Hosenbeine und Schuhe.“

 Als ihm Oberwachtmeister K. zu Hilfe kam, machte die Menge keine Anstalten, sich zu zerstreuen. K. ließ die Karabiner in Anschlag bringen und gab den Befehl zu feuern. Keiner der Beamten schoss jedoch, da niemand die Ausführung des Befehls verantworten konnte. Die Führer des Erwerbslosenzuges bemühten sich nämlich, die tobende Menge zur Vernunft zu bringen und schlugen auf die eigenen Leute ein. „Die Beamten hatten die Fehlentscheidung erkannt, zumal sie wussten, dass der Oberwachtmeister ein wenig qualifizierter Polizist und der Situation nicht gewachsen war“, steht in dem historischen Dokument.

 In den 1970er und 80er Jahren gingen die Menschen gegen Atomkraft und den Vietnamkrieg auf die Straße. Uwe Storm war damals der Revierleiter der Falckwache und erinnert sich: „Wenn die tobende Menge an der Holstenbrücke oder auf dem Berliner Platz randalierte und uns angriff, hieß es ,Knüppel frei’. Dann ging die Schlacht los, Mann gegen Mann“. Dem vorangegangen waren aber mindestens fünf Aufforderungen, die Krawalle zu unterlassen. Flogen trotzdem Steine in die Schaufenster und in Richtung der Polizisten, bildeten die Beamten eine Kette und rückten nur mit Lederjacke, Schutzhelm und Schlagstöcken gegen die außer Kontrolle geratene Menge vor.

 Damals verließen einzelne Beamte die Kette, um sich Demonstranten zu schnappen, die sie dabei beobachten hatten, wie sie zum Beispiel Steine warfen. „Diese Kollegen begaben sich in Gefahr und mussten wieder aus der Menge geholt werden“, erzählt der heute 74-Jährige. Er selbst fand sich während einer Kundgebung plötzlich unter fünf Demonstranten wieder: „Die Kollegen haben mich dann herausgezogen. So unbeliebt kann ich nicht gewesen sein.“ Diese Einsätze hätte die Beamten als Team zusammengeschweißt.

 Eine derartiges Vorgehen gegen gewalttätige Demonstranten ist heute undenkbar. Es gilt der Grundsatz: Lieber hoch gewinnen, als knapp verlieren. Die Polizei versucht, zahlenmäßig überlegen zu sein und hält die Demonstranten mit Wasserwerfern sowie Spezialkräften im Zaum. „Unsere Ausrüstung besteht aus Feuer hemmendem Material. Zu dem Vollkörperschutz mit Brust und Rückenpanzer zählen auch Oberschenkelpolster. Die schusssichere Weste tragen wir darunter. Auch die Helme wurden weiterentwickelt“, erzählt Kai Kramm, aktueller Leiter der Falckwache. Schon am Tag vor einer Kundgebung treffen sich Anmelder und Polizei zu Kooperationsgesprächen – was wird geduldet, was nicht?

 Teams der Polizei drehen von der ersten Minute an Filme, damit sie bei möglichen Ausschreitungen Beweise für folgende Prozesse haben. Das war damals unmöglich, weil die älteren, schweren Ausrüstungen im wuseligen Geschehen nicht zu händeln waren. „Und wenn wir in der Menge Straftäter entdecken, gehen mehrere speziell für diese Einsätze ausgebildete Kollegen der Beweissicherungs- und Festnahmeeinheit ins Gewühl und holen diese Personen heraus“, sagt Kramm. Einzelaktionen wie damals gibt es nicht mehr.