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Kiel Dankbar für ein gutes Leben
Kiel Dankbar für ein gutes Leben
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07:00 24.12.2014
Von Niklas Schomburg
Das Team der Schmerz- und Palliativstation sorgt dafür, dass sich die Patienten so wohl wie möglich fühlen. Quelle: Sonja Paar
Kiel

Regina Hutfilz sitzt auf der Kante ihres Bettes und erzählt. Von ihrem Leben, von der Flucht im Zweiten Weltkrieg, von den Kindern und Enkelkindern. Sie wirkt entspannt und glücklich, sie lacht viel, und ihre Augen strahlen, wenn sie von ihrer Familie berichtet. Dabei ist Regina Hutfilz sehr krank. Sie hat Krebs, weit fortgeschritten, einen Tumor in ihrem Kopf. „Ich weiß ganz genau, dass meine Lebenszeit begrenzt ist“, stellt die 76-Jährige fest. Sie sagt es, als würde sie über das Wetter sprechen. „Ich habe keine Angst. Ich bin hier bestens versorgt.“

 Hier: das bedeutet auf der Schmerz- und Palliativstation des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH). Am Schwanenweg in Kiel werden Menschen mit sogenannten lebensbegrenzenden Krankheiten behandelt – Menschen, die bald sterben werden. Es wird für sie gesorgt, wenn es zu Hause oder auf anderen Stationen nicht mehr möglich ist. Dr. Dieter Siebrecht und sein Team aus Ärzten, Physiotherapeuten, Seelsorgern, Musik- und Kunsttherapeuten, Schwestern und Pflegern kümmert sich um die Patienten. „Wir wollen ihnen eine möglichst hohe Lebensqualität ermöglichen“, sagt Siebrecht. Das ist wichtiger als es zunächst klingt. Denn viele werden gar nicht mehr nach Hause zurückkehren. Für sie ist die Station ein Zwischenstopp – auf dem Weg ins Hospiz.

 Diesen Weg wird auch Regina Hutfilz nehmen: Sie zieht ins Hospiz nach Wellsee, wo sie ihre letzten Tage verbringen wird, vielleicht sind es auch Wochen, vielleicht auch Monate. Wenn alles klappt, erlebt sie Weihnachten aber in ihrer Familie, ihre beiden Töchter wollen sie abholen. Dass sie in der Vorweihnachtszeit im Krankenhaus sein muss, sei für sie kein Weltuntergang. „Ich hole mir Weihnachten hierher“, sagt sie. In ihrem Zimmer hängen zwei Sterne, die ihre Nichte für sie gebastelt hat. „Meine Familie bedenkt mich immer“, sagt Regina Hutfilz und zeigt zum Beweis auf die Blumen, Fotos und Karten auf der Fensterbank. Sie empfängt sehr oft Besuch, ihre Enkel kommen immer vorbei, wenn sie können. Mit der Familie habe sie über ihre Krankheit ausgiebig gesprochen, „mittlerweile kommen damit alle gut klar“, sagt sie. „Es ist in Ordnung so, wie es ist.“

 Auf der Station gibt es zwölf Zimmer mit 18 Betten, aktuell sind nicht alle belegt. Das Team versucht, den Patienten ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten – und dabei soll auch Weihnachten nicht zu kurz kommen. Im Patienten-Wohnzimmer steht ein großer Christbaum, den Tresen zieren Tannengrün und Weihnachtsschmuck. Auch einen Adventskranz gibt es. „In der Weihnachtszeit kommen zur Krankheit noch die Stille und eine besondere Emotionalität hinzu. Die müssen wir auffangen“, sagt der Palliativmediziner Siebrecht. Die Station nimmt auch Angehörige auf, die die Zeit zum Beispiel mit ihren Partnern verbringen wollen. „Man merkt, dass die Patienten gern zu Hause wären. Deshalb versuchen wir, das Zuhause ein Stück weit hierher zu holen.“

 Regina Hutfilz sieht ihrem Tod gelassen entgegen. „Wenn die Schmerzen kommen, kann ich dagegen ja ein Mittel nehmen“, sagt sie. Sie ist eine lebensfrohe Frau, das ist deutlich zu spüren. „Ich bin eigentlich schon immer grundlegend zufrieden gewesen. Vielleicht kommt das durch den Krieg, da lernt man bereits als Kind, aus allem das Beste zu machen.“ In ihrem Leben sei sie viel herumgekommen: Sie arbeitete als Kinderpflegerin beim ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Ernst Albrecht, dem gerade gestorbenen Vater der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Mit der Politikerfamilie war sie auch in Luxemburg und Brüssel, als Albrecht bei der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft arbeitete. Sie verließ das Haus, nachdem sie ihren Mann kennengelernt hatte. 45 schöne Ehejahre hatte sie mit ihm verbracht, bevor er vor neun Jahren starb. Seitdem lebt sie allein, aber in ständigem Kontakt zu ihren Töchtern und dem Rest der Familie.

 Am großen Tisch im Aufenthaltsraum sitzen mehrere Patienten, sie lesen oder unterhalten sich. Im Hintergrund laufen bekannte Weihnachtslieder im Radio, der aufwendig geschmückte Baum leuchtet und glänzt. Ruth Peters hat Besuch von ihrem Mann bekommen, er sitzt neben ihr und trinkt Kaffee. Der 85-Jährige kommt jeden Tag zu seiner Frau auf die Station, zu Hause wäre er ja doch nur allein. Ruth Peters will die Feiertage zu Hause verbringen – wenn denn alles so klappt wie geplant. Planungssicherheit gibt es für die Patienten hier nicht. Die Krankheit bestimmt die Tage – und ihre verbleibende Anzahl.

 An den Weihnachtsfeiertagen sind nur Patienten auf der Station, die akut Pflege bedürfen. Für sie gibt es Gottesdienste, auch direkt auf der Station. Mehrere Pastoren begleiten die Menschen in der schweren Situation. „Die Weihnachtszeit ist emotional besonders aufgeladen“, sagt Pastorin Renate Ebeling. Sie ist eine von zwei evangelischen Seelsorgerinnen im UKSH, zudem betreut ein katholischer Priester die Patienten. Die Theologin weiß, dass sie sich nach ihrem Zuhause sehnen. „Alles, was in der Familie nicht in Ordnung ist, der Kummer darüber, kommt in der Weihnachtszeit zum Vorschein.“

 Weihnachten habe für sie eine besondere Bedeutung, sagt Regina Hutfilz: Neben ihrem christlichen Glauben sei ihr vor allem das Zusammensein mit der ganzen Familie zum Fest wichtig. Daheim liegen jede Menge Weihnachtssachen, darunter auch viele Erzgebirgsengel. Die habe sie nicht mitnehmen wollen, aber bereits eine Verwendung gefunden: „Wenn ich nicht mehr da bin, sollen sich meine Enkel von den Sachen etwas aussuchen.“

 Über den Tod habe sie sich schon oft Gedanken gemacht und zuletzt mit ihrer Pastorin sogar über die eigene Trauerfeier gesprochen. „Nicht, dass meine Familie nachher gar nicht weiß, wie ich das haben wollte“, sagt sie und lacht. Nach Weihnachten wolle sie auf den März hinarbeiten – ihre zweite Tochter zieht dann aus dem Allgäu zurück nach Kiel. „Ich weiß nicht, ob ich das noch erlebe, aber ich freue mich darauf“, sagt Regina Hutfilz. Sie lächelt und schaut zu den Fotos und dem Weihnachtsstern auf dem Fensterbrett. „Man ist für vieles dankbar, was man noch machen kann“, sagt sie. Heute erlebt sie Heiligabend.