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Kiel IfW verlieh Weltwirtschaftlichen Preis
Kiel IfW verlieh Weltwirtschaftlichen Preis
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14:01 22.06.2014
Von Jörn Genoux
Die Preisträger des Weltwirtschaftlichen Preises (l-r) der US-Ökonom Richard Thaler, Liberias Präsidentin und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson Sirleaf und die indische Biotechnologie-Unternehmerin Kiran Mazumdar-Shaw zeigen ihre Medaillen, rechts steht IfW-Präsident Dennis Snower. Quelle: vr
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Kiel

Die Präsidentin Liberias, Ellen Johnson Sirleaf (75), erhielt zusammen mit der indischen Unternehmerin Kiran Mazumdar-Shaw (61) und dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler Richard Thaler (68) den Weltwirtschaftlichen Preis. Alle drei haben jeweils auf ihrem Feld große Veränderungen bewirkt, und "Widerstände überwunden", so Kiels Oberbürgermeister Ulf Kämpfer.

"Alle drei Preisträger haben in ihrem beruflichen Wirken stets den Menschen, sein Verhalten und sein Wohlbefinden in den Fokus gestellt", sagte Prof. Dennis Snower, der Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW). Das IfW verleiht den Preis zusammen mit der IHK zu Kiel und der Landeshauptstadt Kiel an international herausragende Persönlichkeiten, die auch jeweils über ihre Fachgrenzen hinaus gewirkt haben.

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Sie fühle sich tief geehrt durch den Preis, sagte Sirleaf bei der Preisverleihung. "Ich widme den Preis dem Volk von Liberia, das mir vertraut hat", sagte die Staatspräsidentin. Mit dem Preis werde auch der demokratische Wandel in Afrika anerkannt. Es sei ihr Ziel und das vieler anderer Afrikaner, ein stabiles und friedliches Afrika zu schaffen, dass teilnehme an der globalen Entwicklung.

Ellen Johnson Sirleaf habe sich in ihrer politischen Karriere "vehement" für die Sicherheit und Rechte der Menschen im Allgemeinen und der Frauen im Besonderen eingesetzt, stellte Snower fest. "Auch Kiran Mazumdar-Shaw gibt uns ein leuchtendes Beispiel dafür, wie erfolgreiches unternehmerisches Handeln und ein Einsatz für weniger privilegierte Menschen vereinbar sind", so der IfW-Chef. Richard Thaler schließlich habe als "Urvater der Verhaltensökonomie" Grundannahmen der Wirtschaftswissenschaften erschüttert, die auf einem eigennützigen und rationalen Verhalten von Menschen aufbauen, sagte Snower über seinen Kollegen.

Dieses neue Denken sei inzwischen in der Ökonomie und an den Universitäten angekommen, stellte Staatssekretärin Brigitte Zypries (SPD) fest, die für Wirtschaftsminister und Vizekanzler Sigmar Gabriel (SPD) eingesprungen war und die Festrede hielt. Gabriel nahm an der Trauerfeier für den überraschend verstorbenen Publizisten Frank Schirrmacher teil. "Wir müssen umdenken und die Spielregeln der Wirtschaft neu gestalten", sagte sie mit Blick auf die negativen Folgen der Globalisierung. Ohne sozialen Ausgleich können es keine stabile Ordnung geben.

Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) gratulierte dem IfW zum Doppeljubiläum: Vor 100 Jahren wurde das Institut gegründet, zehn mal wurde der Weltwirtschaftliche Preis bisher verliehen. Kritisch äußerte sich der Ministerpräsident zum seiner Ansicht nach fehlenden Pioniergeist in Deutschland. "Warum sind andere Gesellschaften so viel mutiger und dynamischer", fragte Albig. Es brauche besipielsweise wenig Überzeugungsarbeit, chinesische Studenten zum Austausch an die Hochschulen in Schleswig-Holstein zu locken; hiesige Studenten hätten hingegen nur wenig Lust auf den Weg nach China.

Die drei Preisträger hätten mit ihren Arbeit den Grundstein für Lösungen und Fortschritt gelegt, sagte Kiels OB Ulf Kämpfer (SPD). "Gesellschaft und Politik sind gefordert, Entscheidungen zu treffen, die zu Verbesserungen für die Menschen führen", so der OB. Diese Entscheidungen würden allerdings "an mancher Stelle weniger Begeisterung als die heutige Preisverleihung auslösen".

Ellen Johnson Sirleaf ist seit 2006 Staatspräsidentin Liberias. Die Wirtschaftswissenschaftlerin war zuvor unter anderem Finanzministerin ihres Landes und arbeitete für die Weltbank und die Vereinten Nationen. 1980 musste sie nach einem Militärputsch ihr Land verlassen. Unter ihrer Präsidentschaft gelang es, Liberia nach Jahren eines blutigen Bürgerkrieges aus dem Chaos herauszuführen. Dafür und für ihren Einsatz für Menschen- und Frauenrechte erhielt sie 2011 zusammen Leymah Gbowee (Liberia) und Tawakkul Karmanaus (Jemen) den Friedensnobelpreis.

Kiran Mazumdar-Shaw studierte Brauwesen in Australien. Sie arbeitete für australische und indische Brauereien, bevor sie 1978 zum irischen Biotech-Unternehmen Biocon ging. Im selben Jahr gründete sie mit wenig Kapital und gegen große Widerstände Biocon India. Biocon setzte sich am Weltmarkt durch und ist heute Indiens führendes Biotech-Unternehmen. Mazumdar-Shaw ist die reichste Frau Indiens. Sie gründete eine Stiftung, der unter anderem sieben Kliniken gehören, die Zehntausende Menschen versorgen, die sonst keinen Zugang zu moderner Medizin hätten.

Richard Thalergehört zu den Wissenschaftlern, die den Menschen wieder in den Mittelpunkt der ökonomischen Forschung gerückt haben. Die klassische Wirtschaftswissenschaft geht vom rational denkenden Individuum aus, dem Homo oeconomicus. Doch Thaler hat nachgewiesen: Im wahren Leben verhalten sich die meisten Menschen alles andere als rational. Er wurde damit zu einem der Begründer der sogenannten Verhaltensökonomie.

Der undotierte Preis wird seit 2005 jährlich verliehen. Im vergangenen Jahr wurden die frühere norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland, der afrikanische Mobilfunkunternehmer und Stifter Mo Ibrahim sowie der US-Ökonom und Nobelpreisträger Joseph E. Stiglitz ausgezeichnet. In den Vorjahren hatten beispielsweise frühere Regierungschefs wie Wim Kok (Niederlande) und Helmut Schmidt, die ehemalige Präsidentin Mary Robinson (Irland), der weltbekannte Ökonom Paul Krugmann sowie die Unternehmer Ingvar Kamprad (Ikea), Dietmar Hopp (SAP) und Liz Mohn (Bertelsmann) die Auszeichnung erhalten.