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Kiel Wieviel Klimawandel steckt im Wetter?
Kiel Wieviel Klimawandel steckt im Wetter?
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14:00 31.05.2019
Von Kristiane Backheuer
Da braut sich etwas zusammen: Die Methode der Kieler Wissenschaftlerin Friederike Otto will erklären, wie stark bestimmte Wetterextreme durch Menschen beeinflusst sind. Quelle: Uwe Paesler
Kiel

Die Physikerin und promovierte Philosophin Friederike Otto hat eine Methode entwickelt, mit der sie die Schuldigen für Hitzewellen, Hochwasser und Stürme benennen kann. „Nicht jedes Wetterextrem ist ein Beweis für den Klimawandel“, sagt die 36-Jährige, die seit 2011 in Oxford/England arbeitet und inzwischen amtierende Direktorin des Environmental Change Institute der dortigen Uni ist.

Sie mischt die Klimaforschung auf

Friederike Otto ist eine vielbeschäftigte Frau. Sie zählt zu einer Handvoll Wissenschaftlern weltweit, die in Echtzeit berechnen können, ob ein bestimmtes Wetterereignis durch den Klimawandel mitverursacht wurde oder eben nicht. Gerade hat sie im Ullstein-Verlag ihr Buch „Wütendes Wetter“ herausgebracht. Zwischen einer Tagung und dem nächsten Kongress erreichen wir die Kielerin für ein Interview am Telefon.

Ist das noch Wetter? Oder schon Klima? Auf diese Frage hat Friederike Otto meistens eine Antwort. Die Wissenschaftlerin, die in Schönhagen bei Westensee (Kreis Rendsburg-Eckernförde) aufgewachsen ist und das Kieler Humboldt-Gymnasium besucht hat, hat mit ihren Berechnungen im Grunde die gesamte Klimaforschung auf den Kopf gestellt. „Meteorologen können zwar Wettervorhersagen treffen“, sagt sie. „Aber niemand konnte bisher konkret sagen, ob wir Menschen bei bestimmten Wetterextremen unsere Finger mit im Spiel haben.“ Ihr „World Weather Attribution Team“, das Zuordnungs-Team, macht aber nun genau das. „Als wir das Projekt 2014 gründeten, kam das einer Revolution in der Klimawissenschaft gleich“, sagt sie. Einem diffusen Bauchgefühl, dass mit unserem Wetter irgendetwas nicht stimmt, stellt sie nun konkrete Fakten entgegen.

Wie schlimm steht es wirklich ums Klima?

Wie sie das schafft? „Mithilfe vieler Rechner, einer Fülle an Beobachtungsdaten sowie Statistik“, sagt sie. Grundlage ihrer Berechnungen sind Klimamodelle und die Wetteraufzeichnungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte. Dazu untersucht sie in Tausenden Simulationen, wie ein Wetter in einer fiktiven Welt ohne Treibhausgase ausgesehen hätte. Anschließend werden beide Wetterwelten miteinander verglichen. „Daraus ergibt sich die Rolle der globalen Erwärmung“, erzählt sie.

Durch das jahrhundertelange Verbrennen fossiler Energieträger sei die Atmosphäre bis heute um ein Grad aufgeheizt und die Zirkulation von Hoch- und Tiefdruckgebieten verändert worden. „Inzwischen hat jeder Sturm mit dem Klimawandel zu tun“, sagt Friederike Otto. „Die Frage ist nur: wie sehr? Und ob der Klimawandel den Sturm geschwächt oder gestärkt hat – denn beides ist möglich. Und genau da beginnt unser Job.“

Steht es wirklich so schlimm ums Klima? „Das Wetter braucht niemandem in Deutschland plötzlich Angst zu machen“, sagt sie. „Aber global werden wir die Folgen des Klimawandels deutlich zu spüren bekommen.“ Es seien vor allem Menschen der unteren Gesellschaftsschichten, die unter Dürreperioden, Überschwemmungen und Stürmen leiden würden. „So wird der Klimawandel soziale Ungleichheit und Spannungen verstärken“, ist sich Friederike Otto sicher. „Wir stehen gerade an der Schwelle zu dieser neuen Zeit des extremen Wetters. Die gute Nachricht ist: Wir können noch etwas tun.“

Klimanotstand in Kiel - "ein extrem gutes Signal"

Dass ihre Heimatstadt Kiel den Klimanotstand ausgerufen hat, ist auch bis nach England vorgedrungen. „Das ist ein extrem gutes Signal“, sagt sie. „Aber es hängt davon ab, ob es nur ein Wort bleibt, oder ob sich tatsächlich etwas ändert.“ Kleine Maßnahmen würden in ihren Augen nicht viel bringen. „Stattdessen müssen wir schnell und konsequent etwas für unser Klima tun“, sagt sie. „Den Ausbau von Radwegen zu beschleunigen, ist wichtig, reicht aber nicht. Wenn jedes neue Gesetz und jede Maßnahme hingegen auf den Betrag zur CO2-Neutralität geprüft wird, dann ist der Klimanotstand wirklich ein Erfolg.“

Jeder Einzelne kann eine Menge tun

Begeistert ist sie von der Fridays for Future“-Bewegung. „Als Politiker kann man den Klimawandel eigentlich nicht mehr ignorieren.“ Und was kann jeder Einzelne tun? „Eine ganze Menge“, ist Friederike Otto überzeugt. „Machen Sie Ihren Abgeordneten Druck. Ist Ihnen der Klimawandel wichtig, überlegen Sie, wen Sie wählen. Prüfen Sie Ihren Stromanbieter, Ihr Fortbewegungsmittel und auch die Beteiligungen Ihres Rentenfonds. Ist dort eine Öl-Gesellschaft enthalten, fordern Sie eine Änderung.“

Die Daten des diesjährigen Kieler Sommers erwartet sie schon mit Spannung. Der europäische Hitzesommer 2018, so hat sie herausgefunden, ist nämlich durch die Erderwärmung fünfmal wahrscheinlicher geworden als ohne. Und: Bei zwei Drittel der Wetterereignisse weltweit, die die Kielerin und ihr Team bisher untersucht haben, war tatsächlich der Klimawandel beteiligt.

Wer die World Weather Attribution mit Wetterdaten unterstützen möchte, kann sich hier informieren.

Friederike Otto, „Wütendes Wetter“, Ullstein-Verlag, 18 Euro, ISBN 978-3-550-05092-3

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