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Kiel Lehrerin trifft tot geglaubten Schüler
Kiel Lehrerin trifft tot geglaubten Schüler
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19:00 17.07.2019
Von Niklas Wieczorek
In einem leeren Gutshaus unterrichtete Ingelene Rodewald 25 Schüler, darunter Drittklässler Herbert Geßwein (3.v.li.) und Oberstufler Horst Geßwein (sitzend). Quelle: Archiv I. Rodewald
Kiel

Jens Rönnau vom Verein Mahnmal Kilian wird das Treffen moderieren und ist bereits gespannt, wie beide von früher berichten: "Frau Rodewald ist fit und hat alle Daten präsent", sagt er anerkennend über die 97-Jährige aus Kiel, die in Strande lebt. Die Autorin mehrerer Bücher ist nicht nur seit mehr als zehn Jahren Mitglied im zugehörigen Geschichtsverein des Bunkers, sondern war auch immer wieder für eigene Veranstaltungen dort zu Gast. "Sie hat einen irren Fundus", so Rönnau.

Ingelene Rodewald aus Kiel war während des Zweiten Weltkriegs Lehrerin im besetzten Polen.

Die Nazis wollten die Region germanisieren

Ein Teil dessen ist auch das autobiografische Werk "...und auf dem Schulhof stand ein Apfelbaum", in dem sich Rodewald mit ihrer Zeit in Zalasewo, dem damaligen Reichelsfelde, auseinandersetzte. Völlig überraschend war sie nach ihrer ersten im März 1942 bestandenen Lehrerprüfung in Hamburg zum 1. April dorthin geschickt worden. Der kleine Ort bei Posen in der heutigen Woiwodschaft Großpolen wurde nach dem Überfall der deutschen Truppen ein Bestandteil der Stadt Schwaningen (später Schwerszens, heute Swarzedz). Die Nationalsozialisten bezeichneten die Region als Reichsgau Wartheland und führten eine harte Germanisierungspolitik durch. Nicht-Deutsche, vor allem Polen und Juden, wurden deportiert. Viele von ihnen starben in Ghettos oder Vernichtungslagern.

In der Schule entstand eine fürsorgliche Gemeinschaft

Nach eigenem Bekenntnis war Ingelene Rodewald geschockt, als sie ins Warthegau musste, hatte sich eigentlich auf eine Stelle in Den Haag beworben. In Reichelsfelde unterrichtete sie eine einklassige Schule mit 25 Schülern – alle in einem Raum. Nach ihren Worten entstand eine fürsorgliche Gemeinschaft, weil sich alle gegenseitig halfen. Das war auch deswegen notwendig, weil die NS-Politik hier auch nach ihrem Verständnis Volksdeutsche und Umsiedler unterbrachte, die keineswegs alle Deutsch sprachen, so Rönnau. Zwei von Rodewalds Schülern waren Horst und Herbert Geßwein. Deren Familie lebte allerdings schon seit Generationen dort. Der Vater war damals Bauernführer des Dorfes.

Polen, Preußen, NS-Gau: Großpolen im Spiel der Mächte

Das Gebiet des heutigen Großpolens, so der Name der Woiwodschaft (Verwaltungseinheiten ähnlich deutscher Bundesländer), war über Jahrhunderte ein Spielball der Mächte. Lange polnisch, fiel es Ende des 18. Jahrhunderts an Preußen – zeitweise als Südpreußen, teilweise als Provinz Posen. In Teilen und nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Territorium wieder polnisch bis zur deutschen Besatzung 1939. In der gemischten Bevölkerung war ein eher geringer Teil deutscher Abstammung. Dennoch wurde das ab 1940 von den Nationalsozialisten "Reichsgau Wartheland" benannte Gebiet anhand der Politik der "Deutschen Volksliste" germanisiert und vermeintlich deutsch besiedelt: Unter anderem aus dem heutigen Estland oder Lettland sowie Bessarabien (heute Republik Moldau) wurden vor Jahrzehnten ausgewanderte deutsche Familien hier mit vorher meist zwangsenteignetem Gut versorgt. Über diese "Volkstumsbrücken" sollte ein größeres deutsches Kerneuropa entstehen.

Entsetzen über das Massaker auf dem Schulhof

Dass der damalige Drittklässler Herbert jetzt vor Kurzem Rodewalds Buch in die Hand bekam, ist ein Grund für das Treffen am Sonnabend. Denn aus Brandenburg reist er mit seinem Neffen Bodo an, Sohn von Horst. Ein anderer Grund ist, dass die Mutter der Geßweins mit ihren Kindern 1945 rechtzeitig fliehen konnten. Denn im September 1944 holte Georg Rodewald, Ingelenes Mann, sie nach Kiel zurück – während die Rote Armee bereits bis zur Weichsel vorgerückt war. All das für sie gerade noch rechtzeitig: Denn als Racheakt für das von Nazi-Deutschland im Osten verursachte Leid wurden die deutschen Schüler und Familien auf dem Schulhof erschlagen und ihre Leichen verscharrt. Mit dem Entsetzen darüber endet das Buch Rodewalds.

Veranstaltung am Sonnabend, 20. Juli, 16 Uhr; Flandernbunker (Kiellinie 249); Eintritt frei, Spenden erbeten. Tel. 0431/2606309, info@kriegszeugen.de, www.mahnmalkilian.de

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