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Kiel Will Sky nur abzocken?
Kiel Will Sky nur abzocken?
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12:49 15.03.2012
Von Jan von Schmidt-Phiseldeck
Stefan zu Putlitz, Inhaber von "Das Wirtshaus" Quelle: jan
Kiel

Zu Putlitz wehrte sich, schaltete einen Anwalt ein. Dann erwirkte Sky beim Amtsgericht Flensburg eine einstweilige Verfügung wegen Urheberrechtsverletzung – Streitwert 25000 Euro. Zu Putlitz’ Anwalt glaubt: Diese Form der Kundenakquise hat System – bundesweit.

 Nach Recherchen unserer Zeitung ist dieser Fall tatsächlich keine Ausnahme. Immer wieder setzt Sky über beauftragte Agenturen Kontrolleure in Gaststätten und Bars ein, um zu überprüfen, ob den Gästen mit geborgter Sky-Code-Karte Fernsehübertragungen der Bundesliga präsentiert werden. Einige dieser Fälle wurden im vergangenen Jahr vor Gericht bereits verhandelt, etliche Anwälte bieten betroffenen Gastwirten via Internet Hilfe an.

 Für Stefan zu Putlitz ist klar: „Das ist doch Abzocke.“ Laut Schreiben der Berliner Anwaltskanzlei, das unserer Zeitung vorliegt, hat ein Kontrolleur im Auftrag von Sky am 27. Januar um 21.40 Uhr den Raucherraum des „Wirtshauses“ betreten. Grund: Nach einer Datenfilterung war das Restaurant nicht als Pay-TV-Abonnent geführt. Er machte zwei Fotos, die dokumentieren sollen, dass auf dem Fernseher im Raucherbereich die Bundesligapartie Hannover 96 gegen 1. FC Nürnberg gezeigt wurde.

 Dem 46-jährigen Gastronomen wurde nun am 6. Februar per Anwalts-Brief zwei Optionen angeboten: Entweder 3000 Euro Strafe, oder 1200 Euro „Strafgebühr“ plus ein gewerbliches Pay-TV-Abo. Zu Putlitz schaltete Christian Wolff, Kieler Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht ein. „Ich habe nie Sky im Wirtshaus ausgestrahlt und war deswegen jetzt auch richtig sauer auf Sky“, sagte er. Zwei Tage später stand ein Gebietsverkaufsleiter von Sky im „Wirtshaus“, wollte ein Abo verkaufen. Derweil hatte Anwalt Wolff die Berliner Kanzlei JBB gleich zweimal angeschrieben, ebenfalls auf Unterlassung und Schadensersatz wegen entstandener Anwaltskosten abgemahnt. Eine Antwort blieb aus – bis zum 6. März. An diesem Tag teilte die Kanzlei JBB mit, beim Landgericht Flensburg eine einstweilige Verfügung gegen zu Putlitz wegen Unterlassung erwirkt zu haben. Grund für die Annahme des Falles per Eilantrag war die eidesstattliche Versicherung des Kontrolleurs, der seine Angaben gerichtskundlich hinterlegt hatte.

Für zu Putlitz ist das eine Farce: "Die Bilder, die der Kontrolleur bei uns gemacht hat, zeigen nicht unseren Laden. Ich weiß nicht, woher die stammen. Will man bei Sky etwa so Kunden gewinnen?" Dass Kontrollen “bis zu 4000 wöchentlich“ stattfinden, will Sky-Sprecherin Britta Krämer auch gar nicht bestreiten. "Häufiger würden Fälle auch vor Gericht verhandelt. "Wir sichern uns deswegen zum Beispiel vorher über eidesstattliche Versicherungen der Kontrolleure ab." Menschliches Versagen oder ungewollte Fehler seien dabei nicht auszuschließen; "wir wollen ja auch nicht, dass Gastwirte zu Unrecht verdächtigt werden", sagte Krämer.

Für Medienrechtler Christian Wolff steckt mehr dahinter: „Diese Geschichte ist eine Welle, die durchs Bundesgebiet schwappt. Das könnte System haben.“ Hintergrund ist aus seiner Sicht die unklare Rechtslage des Anbieters: „Fußball ist kein urheberrechtlich geschütztes Werk.“ Noch in diesem Monat, vermutet Wolff, wird es zur ersten mündlichen Verhandlung kommen. Mit „99,9-prozentiger Wahrscheinlichkeit“ werde dies auch die letzte sein: „Das ist ein Selbstgänger, das Verfahren geht einfach von falschen Voraussetzungen aus.“ Das hofft auch Stefan zu Putlitz: „Diese ganze Veranstaltung hat mich bereits viel Nerven, Zeit und Geld gekostet.“