Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Wo ist die Kieler Woche von einst?
Kiel Wo ist die Kieler Woche von einst?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:40 28.06.2013
Von Carsten Purfürst
Kieler Woche - zusammen mit Carsten Purfürst auf der Suche nach der eigentlichen Kieler Woche. Quelle: 27 11:57:03
Anzeige
Kiel

Doch gehen wir bei der eigentlichen Definition lieber zunächst sicher, bevor wir sie suchen, und fragen Gäste. „Die Kieler Woche ist für uns das Erlebnis schlechthin“, freut sich Hanne Schobner, die am Belgien-Stand auf dem Internationalen Markt steht, „wir sparen das ganze Jahr darauf.“ Ehemann Horst ergänzt: „Wir schlemmen und lassen es uns gut gehen.“ Und meint damit nicht die unzähligen Bratwurststände, sondern vor allem das Angebot auf dem Rathausplatz.

Hartmut Piester ist schon lange Kieler-Woche-Fan: „Das hier ist internationales Leben, überall tolerante Menschen und der Pessimismus des Kielers tritt endlich mal zurück.“ Für Ehefrau Sylvia ist das eigentlich „zu viel Gewimmel“, aber dieses sei dann doch im Gesamtbild „ganz schön“. Weitere Stimmen reichen von „Ich habe keine Ahnung“ bis zu „Wir sind nur hier wegen des Monster Slush Stands“. Merkwürdig: Niemand nennt die Segelregatta oder Windjammerparade. Auch das traditionelle Feuerwerk zum Finale bleibt unerwähnt. Also alles andere als eine eindeutige Definition der „Ki-Wo“, was unsere Suche nicht gerade erleichtert

Anzeige
Sie gilt als größtes Segelsportereignis der Welt und Volksfest der Superlative: die Kieler Woche. Ende des 19. Jahrhunderts ins Leben gerufen, hat sich das Gesicht des Mega-Events gerade in den letzten Jahren gewandelt. Jeder Quadratmeter scheint kommerzialisiert und nicht nur viele Kieler stellen sich die Frage, wo das unwiderstehliche Flair von einst hin ist. Gibt es sie eigentlich noch, diese alte „Kieler Woche“, und wenn ja: Wie sieht sie aus?

Wir ziehen los. Und treffen Vaclovas Jonusas, der an einem Stromkasten sitzt und seine selbstgebauten Vogelpfeifen anbietet. Und tatsächlich: Rund um den Internationalen Markt hört man es zwitschern, trällern, singen. Ein Klang abseits dutzender Coverbands und ausgedienter One-Hit-Wonder, irgendwie frühlingshaft-erfrischend. Weiter an der Kieler Brauerei vorbei, stoßen wir auf das Akrobaten-Duo Analog, das gerade seine Show vorbereitet.

Der Schweizer Florian Zumkehr und sein extra aus den Staaten angereister Teampartner Ethan Law sind zum ersten Mal auf der Kieler Woche. Und es ist Zumkehr, der uns einen entscheidenden Hinweis liefert: „Ich bin absolut begeistert, dass es hier die Möglichkeit gibt, Straßenkunst zu machen.“ Aha! Wir scheinen auf der richtigen Spur zu sein. Das Duo beginnt mit der Show, zu Bruce Springsteens State Trooper, das aus einer alten Box mysthisch-verstörend knarzt, locken die beiden Künstler schnell Publikum an. Erstaunen, Applaus und eine Menge Spaß – und ein erster Hauch von Kieler Woche der alten Schule.

 Weiter geht es zur Jungen Bühne im Ratsdienergarten, wo viele unbekannte Künstler ein Forum bekommen. Jugendbetreuer Sven Böge ist zufrieden: „Es läuft total gut, trotz des Wetters.“ In der alkoholfreien Zone sitzt man gemütlich auf Bänken und genießt gerade den Auftritt der junge Rockband Soundroulette. Genau wie die Spiellinie stellt die Junge Bühne eine der Oasen dar im Gemenge aus den vielen Ess- und Trinkständen, die äußerlich das Gesicht der Kieler Woche prägen. Den alten Geist der Kieler Woche, hier an der Jungen Bühne kann man ihn noch spüren.

Bisher läuft unsere Suche also durchaus erfolgreich, und an der Kiellinie haben wir es endgültig geschafft: Keine 50 Meter ohne Straßenkünstler, die hier den Parcours säumen und viel zu bieten haben. Egal ob Jagdhornbläser der Kieler Uni, Knoten- und Seilkünstler Money Talks oder Burkhard Dennenberg aus Leipzig, der als Einmannorchester in stilechtem Seemannsoutfit zu Shantys mehrere Instrumente gleichzeitig bedient. Urkomisch auch „Die Geliebten“. An Marlene Jaschke erinnernd, trutschen sich Erdmuth Knabe und Elsa Becker durchs Gewühl, die Urne mit der Asche vermeintlich verblichener Ehemänner schwenkend.

Ein kleines Ständchen für die Passanten, ein Tänzchen mit Regenschirm, eine Wohltat. Vorbei am Wasserpolo-Turnier einiger Kajakfahrer, passieren wir eine weitere Akrobatengruppe in der Nähe Reventloubrücke. Straßenmusiker haben wir leider kaum gesehen, Kleinkünstler jedoch viele. Jene haben „für den Hut gespielt“ und sich damit weit abgesetzt vom umsatzorientierten Geschehen, wo jeder Regentropfen analog einen Euro aus den Kassen zu spülen droht. Fazit: Es gibt sie noch, jene Kieler Woche abseits der Segelregatten, wie man sie einst kannte, wenn auch der Umfang ein wenig gelitten haben mag. Man muss sie nur suchen.