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Kiel Mieter wehren sich gegen geplanten Abriss
Kiel Mieter wehren sich gegen geplanten Abriss
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07:23 01.02.2020
Von Karen Schwenke
Diese Woge-Mieter wehren sich gegen den geplanten Abriss ihrer Wohnhäuser in der Lornsenstraße. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
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Kiel

„Nur umziehen, wenn Sie wirklich wollen.“ Mit diesem Slogan wirbt die Wohnungs-Genossenschaft Kiel (Woge) für das lebenslange Wohnrecht ihrer Mitglieder.

Der Rotklinkerbau aus den 1950er-Jahren liegt nur wenige Meter von der Holtenauer Straße entfernt und damit in gefragter Lage. Von innen und außen macht er einen gepflegten Eindruck. Die Mieter der 40 Wohnungen zahlen hier im Schnitt 5,69 Euro pro Quadratmeter. „Mit dem Abriss vernichtet die Woge günstigen Wohnraum und will teuren Neubau schaffen, das ist nicht der Sinn einer Genossenschaft“, kritisieren mehrere Mieter bei einem Treffen. Die meisten wollen anonym bleiben. Sie „haben Angst, aus der Genossenschaft ausgeschlossen oder von der Woge schlechter behandelt zu werden, wenn ein Umzug nötig wird“.

Mieter in Kiel berichten von Schlafstörungen und Existenzängsten

Die Mieter, darunter Rentner, Alleinerziehende und Angestellte, sind sich einig: „In dieser Gegend werden wir uns keine anderen Wohnungen mehr leisten können.“ Bei einem Rundgang durch die Häuser und Wohnungen berichtet eine Seniorin (82), die seit über 50 Jahren hier lebt, unter Tränen: „Ich kann nur noch mit Schlafmitteln schlafen, und wenn ich morgens aufwache, ist mein erster Gedanke, dass ich hier ausziehen muss.“ Auch andere Mieter erzählen nach und nach von Schlafstörungen und Beruhigungsmitteln. Sie sagen: „Wir haben echte Existenzängste.“

Hier sehen Sie weitere der Häuser in der Lornsenstraße 52 bis 60.

Auf Nachfrage betonen die Woge-Vorstände Sven Auen und Anja Wiese Verständnis für die Sorgen der Mieter. „Wir sind ja keine Unmenschen.“ Es sei in 20 Jahren das erste Mal, dass Genossenschaftsmitglieder gegen ihren Willen aus einem Haus mit scheinbar guter Bausubstanz ausziehen müssten.

Die Woge-Chefs bestätigen, dass das Gebäude tatsächlich laufend instandgehalten wurde. Aber sie sprechen auch von Verbesserungspotenzial: Wärmedämmung, Fenster, Haustüren und Leitungen seien nicht mehr zeitgemäß. Daher habe man zunächst eine Gebäudemodernisierung beschlossen inklusive einer Aufstockung um ein fünftes Geschoss. Doch bei der Detailplanung hätten sich Probleme in der Statik und Mehrkosten offenbart.

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Neubau oder Modernisierung kosten rund 5,3 Millionen Euro

Die geschätzten Kosten für die Modernisierung erhöhten sich auf 5,3 Millionen Euro und damit annähernd auf die für einen Neubau, erklärt Vorstandsvorsitzender Auen. Unwirtschaftlich daran sei, dass die Investition nach dem Gesetz nur mit zwei Euro pro Quadratmeter auf die Miete umgelegt werden könne, obwohl sieben Euro nötig wären, um das Vorhaben zu finanzieren. Deshalb hätte sich der Vorstand entschieden, „das Gebäude zurückzubauen und an selber Stelle einen Neubau zu errichten“. Konkrete Planungen gebe es aber noch nicht, der Bau sei erst in fünf, sechs Jahren realisierbar, erklärt Wiese.

Auch der künftige Mietpreis der Neubauwohnungen stehe noch nicht fest. Bei einem vergleichbaren Woge-Neubauprojekt in der nahegelegenen Schauenburgerstraße soll die Miete ungefördert im Schnitt zehn Euro pro Quadratmeter kosten (Bezugsjahr 2021). Auen weist den Vorwurf zurück, günstigen Wohnraum zu zerstören: „Trotz der derzeitigen Baukonjunktur wollen wir moderate Mietpreise anbieten.“ Wiese betont: „Wir arbeiten nicht gewinnmaximierend.“

Projekte der Wohnungsgenossenschaft Kiel

Die Wohnungsgenossenschaft Kiel, kurz Woge, ist 1996 aus dem Postbauverein hervorgegangen. Sie hat derzeit 3800 Mitglieder, 25 Mitarbeiter und 2400 Wohnungen an 13 Standorten, darunter 1100 in Kiel und Kronshagen. Derzeit baut die Woge in der Schauenburgerstraße. 2020 soll zudem Baustart der Woge-Neubauprojekte am Uhlenrader Eck und in der Holtenauer Straße 258-262 sein. Mieter müssen drei Geschäftsanteile zum Preis von 480 Euro besitzen, diese werden laut Vorstand mit vier Prozent pro Jahr verzinst. Weitere Unternehmensgewinne würden vollständig in die Instandhaltung, Modernisierung und den Neubau von Immobilien investiert.

Werden die Mieter aus dem Quartier verdrängt?

Mieter in der Lornsenstraße sehen das anders und werfen der Woge Profitstreben vor. „Viele von uns können diese Neubaumieten nicht zahlen.“ Sie befürchten, aus dem Quartier verdrängt zu werden. Ein Alleinerziehender stellt fest: „Früher habe ich mich zur Mittelschicht gezählt. Jetzt gibt es aber nur noch arm und reich. Ich werde mir als Normalverdiener den Wohnraum hier nicht mehr leisten können. Dafür verdiene ich zu wenig, aber zu viel für eine kommunale Förderung.“

Nicht nur die geringen Mieten, auch die zentrale Lage und die Hausgemeinschaft wollen viele nicht missen. „Wir sind alles Genossenschaftsmitglieder, wir haben unsere Genossenschaftsanteile bezahlt. Warum nimmt man uns bei so einer Entscheidung nicht mit, sondern agiert über unsere Köpfe hinweg?“, fragt eine 52-Jährige und die 80-jährige Erika Schuldt sagt: „Es sind so wunderschöne Wohnungen, es wäre eine Katastrophe sie abzureißen.“ Die Rentnerin ist die einzige, die mit Namen in der Zeitung stehen will. Sie ist sich mit den anderen einig, die einzig akzeptable Lösung wäre es, den Wohnblock stehen zu lassen und die Miete nur moderat zu erhöhen.

Woge will bei der Wohnungssuche helfen

Doch das ist keine Option für den Woge-Vorstand. „Wir sind unseren Mitgliedern schuldig, dass wir die Genossenschaft betriebswirtschaftlich ordentlich führen“, argumentiert Auen, und Wiese weist darauf hin, dass man für die Betroffenen neue Wohnungen suchen werde. 15 betroffene Mietparteien hätten einen dafür nötigen Bewerbungsbogen schon ausgefüllt. Andere Mieter verweigern das, da sie befürchten, mit einem Suchauftrag Fakten zu schaffen.

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Sie trauen der Woge nicht, sondern gehen lieber an die Öffentlichkeit und holen sich Unterstützung von der Politik, etwa von der Kielerin Özlem Ünsal (SPD). Die Landtagsabgeordnete nimmt nach eigenen Worten die Sorgen der Mieter ernst: „Genossenschaften stehen für ein erfolgreiches Modell zur Schaffung und zum Erhalt bezahlbaren Wohnens: Mieter sind keine Mieter im eigentlichen Sinne, sondern Mitglieder auf Augenhöhe mit Mitspracherecht. Das Ergebnis solcher Prozesse darf am Ende nicht lauten, dass soziale und finanzielle Schieflagen für die Betroffenen und in der Folge für unsere Stadtquartiere entstehen.“

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