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Kiel Was geschah im Kieler Flandernbunker?
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17:37 06.03.2020
Von Karen Schwenke
Der Flandernbunker in Kiel hat eine bewegte Geschichte. Erika und Ferdinand Wollmann haben sich dort kennengelernt. Quelle: Uwe Paesler
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Kiel

Die Wehrmacht organisierte vom Flandernbunker aus im letzten Kriegsjahr den gesamten Ostseeraum. Genau hier übergab sie auch vor 75 Jahren das Kommando an die britischen Alliierten. Für das Ehepaar Erika (81) und Ferdinand Wollmann (86) ist das hässliche Bauwerk hingegen ein Zeichen ihrer Liebe. Denn im Schatten des Bunkers, verborgen vor den Augen der Erwachsenen, durfte er ihr als Jugendlicher einen ersten schüchternen Kuss geben. Was geschah noch in und um den fleckig-grauen Betonbau? Der Verein Mahnmal Kilian versucht die Geheimnisse zu lüften.

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Historiker und Vereinsvorsitzender Jens Rönnau sucht „händeringend nach Geschichten und Zeitzeugen“, die etwas über den Bunker erzählen. Geschichten, wie die von den Wollmanns. Hintergrund seiner Suche sind zwei Jubiläen: Zum einen wurde der Verein Mahnmal Kilian, in dessen Besitz der Bunker ist, vor 25 Jahren gegründet. Zum anderen wurde die Befehlsgewalt des Marineoberkommandos Ost am 7. Mai 1945, also vor 75 Jahren an die Briten übergeben. Beides nimmt Vereinsvorsitzender Rönnau zum Anlass für ein Buch und eine neue Dauerausstellung über den Flandernbunker. Und eben dafür braucht er Material.

Jede kleine Information über den Bunker ist willkommen

Der Verein Mahnmal Kilian sucht Zeitzeugen und Dokumente zur Geschichte der Flandernbunkers aus der Zeit vor und nach dem Zweiten Weltkrieg. Wer kann etwas berichten oder hat Unterlagen zum Bunkerbau, zu seiner Nutzung im Krieg und zum Flanderndenkmal (einer Kunstkeramik, die im Krieg entfernt wurde und seither verschwunden ist)? Dazu zählen Informationen zu militärischen Einzelheiten, Baufirmen, Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen sowie die Nutzung des Bunkers durch Soldaten und Zivilisten. Wer war Bauarbeiter? Wer war als Soldat auf dem Wohnschiff „Milwaukee? Wer hat dort als Funker gearbeitet, als Büromitarbeiter oder Marinehelfer?

Gesucht werden auch Auskünfte und Dokumente zum Kriegsende, der Zeit der alliierten Besetzung, der Flüchtlinge rund um den Bunker und auch zur Nachkriegszeit bis heute: Wer nutzte den Flandernbunker als Lagerraum? Wer weiß etwas über die Entfestigung 1950?

Der Verein hat auch Interesse an Erzählungen von Menschen, die im Bunker (heimlich) gespielt haben, an die Wände geschrieben, Graffitis gesprüht oder sogar im Flandernbunker zeitweise gewohnt haben? Zu den offenen Fragen zählt auch, von wem und wann die Wandöffnungen im Bunker zugemauert wurden? Gibt es Dokumente vom Umbau der Straße Ende der 1960er-Jahre? Haben Bundeswehrsoldaten in der Ruine Übungen gemacht? Wer hat in den 1950er-Jahren Pappeln rund um den Bunker gepflanzt sowie die Büsche und Rankpflanzen in den 1970er- und 1980er-Jahren?

Jeder, der etwas aus erster oder zweiter Hand erzählen kann, Fotos oder Unterlagen hat, kann sich unter info@Kriegszeugen.de oder Tel. 0431/2606309 melden.

Der aus Stettin stammende Ferdinand Wollmann musste als Zehnjähriger zur Hitlerjugend und wurde zwei Jahre lang von seinen Eltern getrennt. Kurz vor Kriegsende gab es dann ein Wiedersehen in Kiel mit seinen Eltern und Brüdern. „Wir wurden im Scheerlager untergebracht“, berichtet der 86-Jährige und zeigt in Richtung Mercator-Hochhaus, wo das große Flüchtlingslager einst stand.

Heute lebt er mit seiner Frau im 30 Kilometer entfernten Stolpe. Um von ihren Erinnerungen zu berichten, sind die beiden zu Gast im Flandernbunker. Sie erzählt aus der Zeit, als sie im Scheerlager mit rund 2000 anderen Flüchtlingen in Baracken wohnten – mit wenig Privatsphäre. Am Flandernbunker waren sie ungestört für sich. „Hier haben wir geknutscht“, sagt er. Sie sagt: „Ich habe stillgehalten.“

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Zu der Zeit war der Bunker noch von den britischen Alliierten genutzt und verschlossen. Dahinter standen drei Container, in denen Flüchtlinge wohnten. Die drei standen laut Rönnau schon zu Zeiten der Nationalsozialisten und wurden als Büros genutzt. Denn der Bunker war 1943/44 nicht für die Zivilbevölkerung gebaut worden, sondern als Schutzraum für die Soldaten der 5. U-Boot-Flottille, deren Wohnschiff „Milwaukee“ im nahegelegenen Tirpitzhafen seinen Liegeplatz hatte. Und es diente den Seestreitkräften als Notfall-Kommandozentrale.

Flandernbunker in Kiel war Kommandantur für den gesamten Ostseeraum

„Mindestens im letzten Kriegshalbjahr war es dann die einzige Kommandantur für den gesamten Ostseeraum“, berichtet Rönnau. Wenn keine Bomben fielen, arbeiteten die Marinesoldaten und -mitarbeiter allerdings nicht in dem fensterlosen kalten Bunker, sondern in den drei Bauwagen.

Vielleicht haben sie dabei auch einige Berichte auf einer Mercedes-Schreibmaschine verfasst, ein Modell Baujahr 1920 mit austauschbarem Tastenfeld und Schriftsatz. Das jedenfalls wäre nicht ausgeschlossen, denn diese Schreibmaschine galt damals als High-Tech: „Und die neueste Technik war immer gerade das Beste für das Militär“, meint Rönnau. Karin Simon aus Kronshagen hat ein solches Exemplar seit 1977 bei sich im Keller und stiftet es jetzt dem Verein für die Dauerausstellung in dem Bunker. Ihr Mann Friedemann Simon, ehemaliger wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Informatik der Kieler Universität, vermutet, dass hierauf auch Berichte an das oberste Heereskommando verfasst wurden.

Befehle an die U-Boot-Flotte seien hingegen auf Enigma-Maschinen geschrieben worden, diese enthielten eine besondere Verschlüsselungstechnik. Die Deutschen waren sich sicher, dass niemand den Code knacken konnte. „Man verschlüsselte den Befehl also mit Hilfe der Enigma-Maschine, dieser wurden dann per Funklangwelle an die U-Boote übertragen. Doch die Briten hatten den Code geknackt und konnten abhören. Dann ging es ganz schnell abwärts mit der deutschen U-Boot-Flotte.“

Zur Geschichte des Flandernbunkers gehören auch Hakenkreuze

Der geschichtsinteressierte Friedemann Simon – er hat in Kiel das Computer-Museum aufgebaut – spendiert auch ein historisches Stück Bürogeschichte: ein Kurbeltelefon, Baujahr 1944. Beim Räumen seines Uni-Büros tauchte das Telefon wieder auf, berichtet Simon. Außerdem gibt es noch einen alten grünen Handtacker, vermutlich aus den 30er-Jahren, in dem noch eine Feindrahtklemme feststeckt. Diesen spendet die Wiker Ortsbeiratsvorsitzende Ulrike Pollakowski, sie hat ihn von ihrem Großvater geerbt. Jens Rönnau und seine Mitstreiter sind dankbar für diese Stücke, sie sind als Exponate für die Dauerausstellung zur Bunkerhistorie gedacht.

Für Rönnau ist dabei ganz wichtig: Der Bunker soll so original bleiben, wie er ist. „Wir lassen sogar die Hakenkreuze an den Wänden, die hier Jugendliche hingeschmiert haben. Das gehört zur zweiten Geschichte des Bunkers – also der Geschichte bis heute. Auch die wollen wir erzählen und suchen Zeitzeugen.“

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