Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Anmelden
Kiel Der Mann der großen Gesten
Kiel Der Mann der großen Gesten
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 28.06.2013
Von Thomas Richter
Manchmal scheint Ben Becker mit seiner Gestik seinen Gesang überholen zu wollen. Quelle: Frank Peter
Anzeige
Kiel

„Alles geht in Rauch auf - Du auch“, heißt es in dem Lied Ode an Bruno, das Schauspieler Ben Becker am Dienstag zur Eröffnung seines gut besuchten Konzerts „Den See“ auf der Krusenkoppel ins Mikro massiert. Mit schwarzem Anzug, schwerem Ring, rauchender Kippe und patiniertem Bariton gibt er mit dieser Verbeugung vor einem zu früh verstorbenen Freund gleich die emotionale Marschrichtung seines insgesamt dritten Auftritts bei einer Kieler Woche an.  „Ein Abend voll melancholischer Schönheit, trauriger Lieder und mit einer leeren Packung Zigaretten“, sollte es werden.

Er liebt die große Geste, wirft affektiert den Kopf zur Seite oder nach hinten, gestikuliert wild mit den Armen, greift sich bebend ans Herz und vors Gesicht, geht in die Knie oder rennt aufs Publikum zu. Genau das ist der Zauber eines Ben Becker. Zur Kieler Woche gab der Schauspieler ein Konzert auf der Krusenkoppel.

Und wurde es auch. Über die Brücken von Berlinerzählt über die ebenfalls früh dahingeschiedene erste große Liebe Beckers. Drei Sekunden ist dramatisch düster, Nackt fotografieren dagegen ein ironisches Flehen und Schwarze Frau gerät beinahe zum politischen Manifest für friedlichen Widerstand und Toleranz. Es geht ums Verlassen und ums Verlassen werden, um unerfüllte Sehnsüchte, Träume und den Frieden eines Selbstmörders. Viele Songs sind von Becker und seinem musikalischen Leiter Yoyo Röhm geschrieben und von Letzterem für die brillante Band arrangiert worden.

Anzeige

Der Stil changiert zwischen Chanson, Pop, etwas Rock und duftet – gerade durch den prominenten weiblichen Backgroundsgesang -  etwas nach dem erhabenen Kitsch europäischer Filmmusik der 70er- Jahre. Francis Lai oder Ennio Morricone lassen grüßen. Dieser Sound funktioniert auch bei den sehr gelungenen Interpretationen fremder Kompositionen. Streckt sich Becker bei Trent Reznors (Nine Inch Nails) Hurt spürbar mächtig aber nicht erfolglos nach der eigentlich unerreichbaren Fassung von Johnny Cash, findet er auch für andere traurige Schönheiten aus den Federn von Nick Cave, Leonard Coen oder Rio Reiser einen eigenen, stets passenden Ton.

Manchmal scheint seine Gestik seinen Gesang allerdings überholen zu wollen. Er liebt die große Geste, wirft affektiert den Kopf zur Seite oder nach hinten, gestikuliert wild mit den Armen, greift sich bebend ans Herz und vors Gesicht, geht in die Knie oder rennt aufs Publikum zu. Genau das ist aber der Zauber eines Ben Becker. Hier agiert keiner, dem irgendein Show-Choreograf  fluffige Dance-Moves diktiert. Derartige ästhetische Gefälligkeiten interessieren den Berliner nicht.  Man mag das manieriert finden oder sich am beträchtlichen Pathos einer solche Darstellung reiben. Vielleicht hat Ben Becker sich mit dieser kruden Mischung aus Ekstase, Rebellion, Melancholie, Sarkasmus und Traurigkeit ja auch nur eine passende Bühnenfigur für sein Programm erschaffen. Aber wenn dem so sei. Dann Chapeau, es wirkt.