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Eckernförde Retten bei jedem Wind und Wetter
Lokales Eckernförde Retten bei jedem Wind und Wetter
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07:41 24.07.2019
Von Christoph Rohde
Für raues Wetter in Küstengewässern gebaut: Das 9,50 Meter lange Seenotrettungsboot "Eckernförde" ist seit 2004 im Ostseebad stationiert. Quelle: Archiv-Foto: Die Seenotretter – DGzRS
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Eckernförde

Carsten Egerland dreht den Zündschlüssel. Kraftvoll fängt der 320 PS starke Motor an zu brummeln. Leinen los, dann zieht die „Eckernförde“ ruhig von ihrem Liegeplatz an der Holzbrücke durch den Hafen auf die Bucht hinaus. Egerland ist einer von 23 Aktiven, die die Station der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGZRS) im Ostseebad mit Leben erfüllen. „Wir haben rund 25 Einsätze im Jahr“, erzählt der 43-jährige Marineoffizier, während er das Rettungsboot auf die Ostsee steuert. Dazu kommen wöchentliche Kontroll- und Ausbildungsfahrten. Auch im Winter. Vergangenes Jahr hatten die Seenotretter schon im Februar ihren ersten Surfer-Einsatz.

Bilder von einer Übungsfahrt mit dem Seenotrettungsboot "Eckernförde"

Auf zehn Kontrollfahrten kommen drei Hilfseinsätze

Heute geht es trotz sommerlichen Wetters noch ruhig auf der Eckernförder Bucht zu. Die Besatzung lässt den Blick über das Wasser schweifen. Egerland ist schon seit 25 Jahren bei der DGzRS. „Alles auf und am Wasser macht mir Spaß“, verrät er seine Motivation. Anteil an dem Seenot-Engagement hat auch sein Vater Horst Egerland. Er ist seit Gründung der Eckernförder Rettungsstation 1982 dabei und steht seit 2002 als Vormann in der Verantwortung. Er weiß: „Von zehn Kontrollfahrten hast du drei Hilfseinsätze. Jede zweite Kieler Woche haben wir auf der Rückfahrt einen gehabt“.

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„Tag der Seenotretter“ am 28. Juli

Die Eckernförder DGzRS-Station stellt sich beim „Tag der Seenotretter“ am Sonntag, 28. Juli, in der Zeit von 11 bis 17 Uhr mit ihrem SeenotrettungsbootEckernförde“ vor. Der Stützpunkt wurde 1982 ins Leben gerufen, damals mit dem Rettungsboot „Umma“ (Baujahr 1971). Heute steht es im Maritimen Museum Hamburg. Bereits 1985 folgte das Rettungsboot „Carl A. Wuppesahl“ (Baujahr 1977), das zwanzig Jahre später an den Rettungsdienst Namibias abgegeben wurde. Die Eckernförder Station erhielt dafür 2004 den Neubau „Eckernförde“. Das Seenotrettungsboot wurde auf der Lürssen-Werft in Bardenfleth gebaut, ist 9,50 Meter lang und 18 Knoten (33 km/h) schnell. Es ist selbstaufrichtend und kann dank seines geringen Tiefgangs auch in flachen Gewässern navigieren. Zum Open Ship am „Tag der Seenotretter“ ist nicht nur die „Eckernförde“ zu besichtigen. An der Station an der Holzbrücke im Stadthafen gibt es auch Begrüßungsfahrten für neue Förderer der DGzRS, die Rettungsleute erklären ihre Arbeit und stehen für Fragen zur Verfügung. Filme und Informationen rund um die Seenotretter vervollständigen das Programm.

"Mann über Bord", erklingt der Ruf

Doch diesmal ist eine Übung angesetzt. „Mann über Bord“, erklingt der Ruf. Carsten Egerland ist in einem wärmenden Überlebensanzug in die Ostsee gesprungen. Klaus Hetzel hat vorher den Notsender aus der Schwimmweste genommen. „Sonst würde gleich die Zentrale in Bremen alarmiert“, erklärt er. Auch der 64-Jährige war früher bei der Marine. „Die Wasserverbundenheit, die ist geblieben“, sagt er. So wie bei Tom Miller, der als viertes Besatzungsmitglied heute an Bord ist. Der pensionierte Marineoffizier entschied sich an einem „Tag der offenen Tür“, bei der DGzRS einzusteigen. „Ich bin jahrelang zur See gefahren, dann kann man nicht plötzlich die Finger davon lassen“, sagt der 65-Jährige. „Und es ist gut, Menschen helfen zu können.“

Mit einem kräftigen Griff wird der "Verunglückte" an Bord gezogen

Die „Eckernförde“ liegt inzwischen neben dem Über-Bord-Gefallenen. An der Bordwand öffnet sich eine Klappe, über die mit einem kräftigen Griff der „Verunglückte“ zurück an Deck gezogen wird. Das Ganze hat nur wenige Minuten gedauert. Doch jetzt wird es kniffliger. Die Segeljacht von Olaf Petzold, einem der beiden Stationsärzte der Eckernförder Seenotrettungsstation, hat eine Verletzte an Bord. Knochenbruch, lautet das Übungsszenario. Das Seenotrettungsboot nimmt Kurs auf die „Boa Vida“. Eine Leine wird übergeworfen. Während die „Eckernförde“ an der Segeljacht längsseits festmacht, umrunden schnelle Motorboote das Päckchen, ohne vom Gas zu gehen. Die Retter schütteln nur den Kopf.

Dienst wird durch Spenden finanziert

Rund 1000 Seenotretter, darunter 800 Freiwillige, wachen an Nord- und Ostsee über die deutschen Küstengewässer. Im vergangenen Jahr retteten sie 38 Menschen aus akuter Seenot, 318 Personen aus drohender Gefahr und brachten 369 Erkrankte oder Verletzte von Seeschiffen und Inseln sicher an Land. Dazu kamen über 1000 Hilfeleistungen. 56 Schiffe und Boote wurden vor dem Totalverlust bewahrt. Von den 55 Stationen liegen drei an der Eckernförder Bucht: Olpenitz mit dem Rettungskreuzer „Fritz Knack“, Damp mit dem Rettungsboot „Nimanoa“ und Eckernförde mit dem RettungsbootEckernförde“. Als einer der modernsten Seenotrettungsdienste der Welt finanziert sich die Arbeit der DGzRS ausschließlich über Spenden und freiwillige Zuwendungen. Bekannt sind die kleinen Sammelschiffchen, von denen es rund 13 000 gibt. Aber auch selbst wählbare, jederzeit kündbare Förderbeiträge sind möglich sowie Online-Spenden. Immerhin muss die Hilfsorganisation 34 Millionen Euro pro Jahr für ihre Aufgaben zusammenbringen. „Das ist jedes Mal wieder eine neue Herausforderung“, sagt Sprecher Ralf Baur. Infos: www.seenotretter.de

Eine Schleifkorbtrage wird an Bord des Seglers gebracht

Eine spezielle Schleifkorbtrage mit Vakuumeinsatz, der die Verletzte fixiert, wird an Bord des Seglers gebracht. Dort hat sich Petzolds Tochter Anna Lina (10) bereiterklärt, die Verunglückte zu mimen. Kurz darauf und einige beherzte Handgriffe später ist sie samt Trage sicher auf der „Eckernförde“ angekommen. Das Seenotrettungsboot ist für solche Fälle ausgestattet. Defibrillator, Reanimation, Wundbehandlung können hier im Notfall geleistet werden. Jedes Jahr frischen die ehrenamtlichen Seenotretter ihre Erste-Hilfe-Kenntnisse wieder auf.

Ein Angler kam nicht mehr sicher an Land zurück

Die Übung hat geklappt. Doch wurde die „Eckernförde“ in 2019 auch schon zu ernsthaften Einsätzen gerufen. Im Februar holte die Crew einen Angler vor Aschau aus der Ostsee. Der Urlauber aus Nordrhein-Westfalen hatte nicht mit steigendem Wasser gerechnet und befürchtete, mit seiner Wathose nicht mehr sicher an Land zu kommen. Im Mai hatte sich eine Segeljacht aus dem Borbyer Bojenfeld losgerissen und war auf den Strand getrieben. Die „Eckernförde“ und der Rettungskreuzer „Fritz Knack“ zogen sie heil zurück ins Wasser. Nur kurz darauf ereignete sich eine zweite Strandung, als ein Segler bei Nebel die Orientierung verloren hatte.

Betrunkene Segler riefen die Rettungsleitstelle

Oft sind es technische Ausfälle wie Ruder- und Motorschäden, zu denen die Seenotretter gerufen werden. Dazu kommen entkräftete Surfer, Stand-up-Paddler oder fest sitzende Boote. In die Rubrik „Kurioses“ fällt hingegen ein Einsatz im April: Vier betrunkene Segler hatten die Seenotleitstelle in Bremen angerufen, weil sie den Liegeplatz wechseln wollten und dazu nicht mehr in der Lage waren. Letztlich wurde daraus noch ein richtiger Einsatz, weil eine leck geschlagene Jacht eine Pumpe benötigte.

Auf dieser Kontrollfahrt aber müssen die Männer der „Eckernförde“ nicht eingreifen. Das Wasser ist ruhig, wenige Boote sind draußen. „Für uns ist so’n Wetter gut“, sagt Vormann Horst Egerland und zieht an seiner Pfeife.

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