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Eckernförde Rundgang auf den Spuren der Nazi-Zeit
Lokales Eckernförde Rundgang auf den Spuren der Nazi-Zeit
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19:44 12.05.2019
Von Kerstin von Schmidt-Phiseldeck
Alfred Leuschner nahm die Teilnehmer der Exkursion „Auf den Spuren des Faschismus in Eckernförde“ mit auf eine Zeitreise: hier der Gedenkstein am Petersberg. Quelle: Kerstin v. Schmidt-Phiseldeck
Eckernförde

Denn das Nazi-Erbe prägte vor allem Schleswig-Holstein auch noch Jahrzehnte nach Kriegsende, erklärt Leuschner gleich an der ersten Station, dem alten Rathaus. Dort regierte von 1933 bis 1937 „der jüngste Nazi-Bürgermeister Deutschlands“, erklärt der 69-Jährige: Helmut Lemke wurde mit 25 Jahren auf Vorschlag der NSDAP ernannt.

Vom Nazi zum Ministerpräsidenten

Als Bürgermeister sorgte er dafür, „dass viele Oppositionelle in Haft kamen – und noch anderes“, erklärt Albert Leuschner, der Mitglied im örtlichen Gewerkschaftsvorstand und des Runden Tisches gegen Rechts ist. Dennoch macht Helmut Lemke nach dem Krieg in Schleswig-Holstein, einem Zufluchtsort vieler Alt-Nazis, Karriere in der CDU: Er wird Kultus- und Innenminister, schließlich von 1963 bis 1971 Ministerpräsident, danach Landtagspräsident.

Helmut Lemke hatte viel Einfluss

„Und das ist nie hinterfragt worden“, fragt eine Rundgang-Teilnehmerin ungläubig. „Nein“, erklärt der Gewerkschaftler: Zwar sei es bekannt gewesen, dass Lemke Nazi war, doch dieser habe „hohen Einfluss“ gehabt. Auch Albert Leuschner machte noch in den 1980er-Jahren bei Forschungsprojekten die Erfahrung: „Ab Oberamtsmann ging damals die Tür zu.“ Das habe sich erst Anfang der 90er-Jahre geändert.

Sechs Erinnerungsorte

Unter den Teilnehmern des Rundgangs, den auch Gruppen auf Anmeldung buchen können, ist Nicolas Alvord: Der 18-jährige US-Amerikaner lebt seit September als Austauschschüler in Deutschland, besucht die Peter-Ustinov-Schule in Eckernförde. Es sei nicht so einfach, im Internet etwas über die Geschichte der Stadt zu erfahren, erzählt er. Nun verfolgt er den Rundgang zu insgesamt sechs Erinnerungsorten.

Stolpersteine für Eckernförde

Seine Gastmutter ist Lehrerin, wurde durch die Stolpersteine-Aktion auf den Rundgang aufmerksam: Am 20. Mai verlegt der Künstler Gunter Demnig in Eckernförde sechs Steine, zur Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus. Sechs Schulen und Schulklassen aus Eckernförde haben dafür Patenschaften übernommen.

An drei der Opfer erinnert auch der Gedenkstein am Petersberg, ebenfalls eine Station des alternativen Stadtrundgangs. Richard Vosgerau war ein führender Sozialdemokrat und Gewerkschaftssekretär. 1944, erklärt Alfred Leuschner, kommt dieser bei der reichsweiten Verhaftungswelle „Gewitteraktion“ ins KZ Neuengamme.

Briten versenken irrtümlich KZ-Schiffe

Anfang Mai 1945 wird er, wie mehr als 7000 weitere Menschen, überwiegend KZ-Häftlinge aus Neuengamme, Opfer eines folgenschweren Irrtums: Britische Bomber versenken in der Lübecker Bucht vor Neustadt in Holstein zwei Schiffe, weil sie irrtümlich glauben, diese transportierten Kriegsmaterial.

„Es ist gut, sich mit Regionalgeschichte zu befassen“, findet Lehrerin Susanne Drewniok, deren Schüler ebenfalls an der Stolpersteine-Aktion beteiligt sind. Die Steine werden auch an Hermann Ivers und Heinrich Otto erinnern, die beide KPD-Mitglied waren. Ivers gehört zu den Opfern medizinischer Versuche zur Nazi-Zeit, erklärt Albert Leuschner: Er wurde wohl vorsätzlich mit Syphilis infiziert und starb daran.

Besondere Rolle der Fischer

Heinrich Otto war ein Eckernförder Fischer, der 1940 im KZ Dachau ermordet wurde. Die Fischer spielten eine besondere Rolle in der Nazi-Zeit, denn sie waren die einzigen, die ohne große Kontrolle aufs Meer hinaus durften, erläutert Leuschner. So brachten sie häufig Material wie Widerstandsschriften heraus und herein. Heinrich Otto nahm vor seiner Verhaftung 1936 auch zahlreiche Politemigranten mit nach Dänemark.

Nazis hatten noch lange Einfluss

Der Rundgang mit Albert Leuschner führt noch weiter: zu den Zwangsarbeitergräbern auf dem Borbyer Friedhof, zum Gedenkstein am Mühlenberg für gestrandete Jüdinnen vor Bookniseck. Erinnert wird auch an die Rolle der Torpedoversuchsanstalt in der Nazi-Zeit, ebenso die Rolle der Kirche. Die Teilnehmer hören gebannt und nachdenklich zu. Susanne Kagelmann interessiert sich schon seit Langem für Geschichte, erzählt sie. Trotzdem sei viel Neues, Erschreckendes dabei: „Auch wie lange die Nazis danach noch in der Politik waren.“

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