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Eckernförde Kirchen sind nur zu den Feiertagen voll
Lokales Eckernförde Kirchen sind nur zu den Feiertagen voll
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08:24 23.12.2019
Von Tilmann Post
Das neue Konzept der Eckernförder St.-Nicolai-Kirche mit Stühlen statt festen Kirchenbänken gefällt Sönke Funck (56) sehr gut.  Quelle: Tilmann Post
Eckernförde

An Weihnachten werden die Gotteshäuser wieder voll sein. Ähnlich wie am 24. Dezember vor einem Jahr, als der Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde mehr als 32.000 Besucher zählte – im Schnitt 216 bei jedem der 148 Gottesdienste.

Welche Bedeutung hat das Fest für Sie?

Sönke Funck: Das ist spannend, denn durch eine Operation am Knie bin ich zum ersten Mal an Weihnachten außer Gefecht gesetzt und die Arbeitsbelastung als Pastor und Propst fällt weg. Ich habe Gelegenheit, selbst noch einmal nachzudenken, was mir diese eigentümliche und zeitlose Geschichte vom Kind im Stall sagt. Diese Frage ist letztlich nicht zu beantworten, sie bleibt immer ein Stück rätselhaft. Das Urbild des Kindes in der Krippe zeigt die Bedürftigkeit nach einer Beziehung zu anderen. Weihnachten ist das Gefühl, nach Hause zu kommen, wo jemand für einen da ist. Darin kommt Gott selbst mir nahe.

Wie schafft man es, sich im Weihnachtstrubel darauf zu besinnen?

Ob der Tannenbaum steht, die Geschenke besorgt sind und das Festessen gelingt, spielt keine Rolle. Das Adventslied „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ verdeutlicht, dass wir unser Herz bereit machen müssen. Jeder einzelne muss sich den Platz dafür lassen, sonst gelingt die Begegnung mit Gott nicht. Sich diese Zeit im Jahr zu nehmen ist eine Glaubenshaltung.

Kann ein Propst dieser Glaubenshaltung gerecht werden, trotz Sorgen um Mitgliederschwund und Pastorenmangel?

Das belastet mich zu Weihnachten nicht. Ich bezeichne das auch nicht als Sorge, sondern als Herausforderung. Es geht darum, dass wir – die Pastorinnen und Pastoren im Kirchenkreis – unserer Aufgabe nachkommen können, das Evangelium zu verkünden. Und das unter heutigen Bedingungen – und nicht unter denen von 1950. Das können wir nicht in der Sprache von vor 400 Jahren tun. Sünde, Auferstehung, Erlösung, Barmherzigkeit – das sind Begriffe, von denen wir sagen, Luther habe dem Volk aufs Maul geschaut. Wer heute von Sünde spricht, denkt aber an die Tafel Schokolade, die zu viel auf der Hüfte sitzt. Die Herausforderung ist, verständlich klar zu machen, warum christlicher Glaube wichtig ist.

Kirchen-Boom an Heiligabend

Der Kirchenkreis Rendsburg-Eckernförde zählt am Heiligen Abend die Besucher aller Gottesdienste. Demnach besuchten 33.344 Menschen die 150 Feiern am 24. Dezember 2016. Viel mehr waren es 2017, als 35.332 den 156 Gottesdiensten beiwohnten. Im vergangenen Jahr zog es 32.386 Besucher in 148 Veranstaltungen.

Heiligabend 2018 haben in ganz in Schleswig-Holstein rund 392.000 Menschen die mehr als 1700 Gottesdienste in den 461 Kirchengemeinden im Land besucht. In der gesamten Nordkirche wurden in den fast 1000 Gemeinden am Heiligabend 2018 ca. 735.000 Besucher in rund 3400 Gottesdiensten gezählt.

Was müssen Sie anders machen?

Das beste Beispiel ist die Eckernförder St.-Nicolai-Kirche, die sich nach der Renovierung ihres musealen Charakters entledigt. Das ist nicht unumstritten, wie sich in den Gästebüchern nachlesen lässt. Aber die Transformation erfordert, nicht nur so manches anders zu machen, sondern auch wegzulassen. In St. Nicolai sind es beispielsweise die Kirchenbänke. Auch dadurch ist der Raum freier und transparenter. Bei Taufen etwa stehen die Stühle um das Taufbecken herum. Die Teilnehmer können sich darauf konzentrieren, dass einem Menschen Gottes Segen zugesprochen wird. Das passiert nicht im Rücken der Gemeinde, weil alle auf Bänken sitzen, die auf den Altar ausgerichtet sind. Eine andere Erfahrung ist, dass Menschen religiöse Begegnungen heute eher bei Gelegenheit suchen. Das haben wir bei der Schäferwagenkirche festgestellt, die wir im Sommer auf den Strand gestellt hatten. Dort kam es zu überraschend tiefgründigen Gesprächen, von null auf hundert, und das in Badehose. Das zeigt, die Nähe zu den Menschen ist enorm wichtig.

Dafür brauchen Pastoren Zeit. Wie passt das zum Regionenprozess, an dessen Ende die Pfarrer gleich für mehrere Gemeinden zuständig sein sollen?

Der Prozess bedeutet nicht, dass wir die Stellen nur ausdünnen, während die Aufgaben gleich bleiben. Ich spreche übrigens nicht gerne von einem Pastorenmangel, denn wir fallen perspektivisch auf den Personalstand von Ende der 1970er-Jahre zurück. Wir kommen vom höchsten Niveau, das wir je in dieser Kirche hatten.

Die Menschen sind an dieses Niveau gewöhnt.

Ja, aber Pastorinnen und Pastoren werden zugeschüttet mit Aufgaben, für die sie als Theologen nicht ausgebildet sind. Etwa mit der Geschäftsführung von Kirchengemeinden, die es als Arbeitgeber, Anstellungsträger oder Eigentümer von Gebäuden mit immer komplexeren gesetzlichen Vorgaben zu tun haben. Wenn sich eine Pastorin oder ein Pastor während der Arbeitszeit mit der Berufsgenossenschaft der Friedhofsgärtner oder mit dem Brandschutz der Krippengruppe herumschlägt, läuft in der Aufgabensteuerung etwas falsch. Seit der letzten Kirchenvorstandswahl haben wir mehr deutlich jüngere Mitglieder als vorher, die mitten im Beruf stehen und eine Menge Kompetenzen mitbringen. Wenn wir ihnen mehr Verantwortung übertragen, können sich die Pastorinnen und Pastoren wieder auf Gottesdienste, Seelsorge und Konfirmanden konzentrieren.

Lesen Sie auch: Aus 37 Kirchengemeinden werden acht Regionen

Die Transformation betrifft auch die Gottesdienste, richtig?

Wir haben künftig nicht mehr genug Pastorinnen und Pastoren, die in jeder Kirche sonntags predigen können. Das wollen aber auch gar nicht mehr so viele Menschen. Es sitzen ja nur zwischen drei und 30 da. Künftig werden ganze Regionen gemeinsam den Gottesdienst feiern, nicht mehr nur jeweils eine Gemeinde. Mit 80 oder 100 Leuten macht das auch für alle mehr Spaß. Das muss nicht unbedingt mit viel längeren Wegen für die Gemeindeglieder verbunden sein. Wer auf dem Land fünf Kilometer von der Kirche entfernt wohnt, kann auch sechs Kilometer in die andere Richtung in den Nachbarort fahren.

Werden Gotteshäuser geschlossen?

Ich bin mir sicher, dass wir uns von einzelnen, ausgewählten Kirchen trennen müssen. Das tut mir in der Seele weh. Es hat aber keinen Sinn, eine Kirche in Betrieb zu halten, wenn sie nur sonntags für eine Stunde von drei Leuten besucht wird. Was dann damit geschieht, ist eine zweite Frage. Eine denkmalgeschützte Kirche aus dem 13. Jahrhundert kann man nicht verkaufen, aber bei moderneren Häusern ist das durchaus möglich. Diese Diskussion wird derzeit sehr breit geführt. Unser Gebäudebestand hat sich in den vergangenen 50 Jahren gegenüber den 400 Jahren davor verdoppelt. In den späten 1960er-Jahren wurden als Folge des Flüchtlingszustroms zum Beispiel überall Kapellen zwischen die Dorfkirchen gebaut. Das hatte damals seinen Grund, den es heute nicht mehr gibt. Dafür können wir aber nicht den letzten Euro raushauen, der uns dann für die inhaltliche Arbeit fehlt. Das ist ein hochsensibles Thema, deshalb handelt es sich um lange Prozesse, die oft mit viel Widerstand und Aufschrei einhergehen. An einigen Stellen kommen wir aber nicht darum herum.

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