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Eckernförde Warum sich Thomas Thee mehr Mut wünscht
Lokales Eckernförde Warum sich Thomas Thee mehr Mut wünscht
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09:35 10.02.2020
Von Cornelia Müller
Thomas Thee aus Tüttendorf erhielt im Februar 2017 eine Organspende und feiert diesen zusätzlichen Geburtstag jedes Jahr. Der 33-Jährige kam mit nur einer Niere auf die Welt, die geschädigt war. Zehn Jahre war er an der Dialyse, bevor ihm in der Uniklinik Kiel eine Spenderniere eingesetzt konnte. „Das war wie zwei Sechser im Lotto“, sagt der Fußballfan. Quelle: Cornelia D. Mueller
Tüttendorf

Thomas Thee ist „gar nicht glücklich“, sagt er, über die erweiterte Entscheidungslösung für Organtransplantationen. Er glaubt, dass die Bereitschaft zur Organspende nach dem eigenen Tod deshalb weiter gering bleiben wird in Deutschland, "oder nur sehr langsam wächst".

Herr Thee, der 15. Februar 2017 war für Sie ein neuer Geburtstag. Da haben Sie die Niere eines Organspenders erhalten. Sie sagen, dass damit ihr zweites Leben begann.

Thomas Thee: Absolut! Ich feiere in dieser Woche quasi meinen dritten Geburtstag. Ich bin glücklicher als jeder Lottogewinner.

Aber enttäuscht sind Sie, dass der Bundestag für die Entscheidungslösung bei den Organspenden gestimmt hat.

Ich hätte mir wirklich mehr Mut gewünscht, so dass jeder, der kein Organspender sein will, aktiv widerrufen muss. Man hätte sich ja auf ein Alter 25 oder 30 Jahren festlegen können, ab dem die Widerspruchslösung greift. So hätte sich jeder bis dahin damit beschäftigen müssen.

Glauben Sie, dass die Bereitschaft zur Organspende dadurch wirklich gestiegen wäre?

Ja, ganz sicher. In anderen europäischen Ländern läuft es so. Deutschland importiert mehr Spenderorgane als wir selber geben können – aufgrund der unterschiedlichen Rechtslage. Auch das ist eine ethische Frage. Der Fokus sollt doch darauf liegen, wie man lebensbedrohlich Erkrankten helfen kann, wenn es medizinisch möglich ist.

Zur Person

Studium und Beruf trotz Dialyse

Thomas Thee wuchs in Wulfshagenerhütten in der Gemeinde Tüttendorf auf. Er wohnt in Tüttendorf selbst. Die Großeltern hatten einen Hof. Gern hätte er vor dem Studium der Agrarwissenschaft auf einem Hof gelernt. „Aber das hätte ich körperlich nicht bewältigt“, sagt er. So ging er gleich ins Studium, macht den Bachelor und Master mit Bravour. Auch war er Chef der Jungen Union Gettorf. Heute arbeitet er im Landwirtschaftsministerium, Referat Grundsatzangelegenheiten. Bei der Kommunalwahl 2018 war er CDU-Spitzenkandidat seiner Gemeinde. Der 33-Jährige ist nun erster Bürgermeister-Vize. Seine Leidenschaft gehört dem Fußballclub Borussia Dortmund, dem Treckerfahren, seiner Freundin.

Kliniken sind auch am Limit bei den Organtransplantationen

Offen bleibt, ob Kliniken gut genug ausgestattet sind, wenn mehr Transplantationen möglich wären.

Das sind sie nicht. Das Personal auf den Intensivstationen hat schon heute zu wenig Zeit, um alles abzuklären, wenn ein Patient stirbt. Das muss sich dringend ändern.

Verstehen Sie Angst von Menschen, die denken, ihnen würden Organe im Zweifel zu früh entnommen?

Wir Deutschen sind zu angstbesetzt. Der Tod muss von zwei unabhängigen Ärzten bestätigt werden. Das Risiko ist extrem gering. Wenn man sich damit befasst, dass ein Teil von einem selbst in einem anderen Körper weiterleben darf, wenn man in der Ganzheit nicht mehr lebensfähig ist, ändert sich vermutlich der Blickwinkel. Ich bin sehr dankbar, dass ich mit der Niere eines anderen das Leben noch einmal geschenkt bekam.

Wie lange haben Sie darauf gewartet?

Zehn Jahre. Ich machte 2006 in Gettorf Abitur. Zum Jahresende war ich an der Dialyse. Das war bitter, aber es hatte sich schon abgezeichnet.

Sie hatten von Geburt an schwerwiegende Nierenprobleme.

Als Baby wäre ich fast gestorben. Ich hatte nur eine Niere, und die war bereits geschädigt. Zum Glück konnte ich trotzdem noch eine fast normale Kindheit erleben. Ab dem zwölften Lebensjahr musste ich Tabletten gegen Bluthochdruck nehmen. Und ich musste alle drei Monate ein Blutdruckmessgerät für 24 Stunden tragen. Meine Leidenschaft, den Sport, konnte ich trotzdem noch ausüben. Das war damals das Wichtigste.

Tüttendorfer Thomas Thee musste dreimal pro Woche zur Dialyse

Manche erinnern sich: Floorball-Spieler Thomas Thee vom GTV war oft in der Zeitung. Wie änderte sich ihr Leben mit der Dialyse?

Radikal. Zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr will man sich ausprobieren, frei sein, zu Hause ausziehen. All war nur sehr eingeschränkt möglich. Dreimal pro Woche hing ich in Kiel für viereinhalb Stunden an der Dialyse. Danach war ich kaputt. Ich musste kaliumarm und phosphatreduziert essen. Obst, Gemüse, Kartoffeln, Eiweißprodukte – alles war betroffen. Und die Dialyse filtert Vitamine aus. Ich bekam haufenweise Tabletten dagegen.

Sie durften nur wenig trinken. Auf Partys sind sie damit sicher aufgefallen.

Immerhin war Alkohol erlaubt. Aber Bier war zu viel Flüssigkeit. Cola oder Wasser gingen auch nicht. Also nahm ich dann gleich einen Kurzen. Aber das geht ja nicht den ganzen Abend. Ständig erklärte ich mich. So stand bei anderen manchmal nur meine Krankheit im Mittelpunkt. Das war teilweise ziemlich nervig.

Dennoch meisterten Sie das Bachelor- und Masterstudium hervorragend, bekamen eine Stelle im Landwirtschaftsministerium, waren Vorsitzender der Jungen Union. Wie haben Sie das bloß geschafft?

Ich bin von Natur aus ziemlich agil. Trotzdem hat es extrem angestrengt. Irgendwann war es zu viel. Ich bekam eine Angststörung. Fünf Jahre Psychotherapie haben mich wieder aufgerichtet.

Die Wartezeit auf ein Spenderorgan nagt am Gesundheitszustand

Wie haben Sie die zehn Jahre Wartezeit bewältigt?

Die ersten Jahre steckte ich noch weg. Je länger es dauerte, desto mehr hatte ich das Gefühl: Es ist alles ungerecht. Andere, teilweise deutlich ältere Mitpatienten bekamen eine Niere. Bei mir passte genetisch keine. Mir war dennoch klar, dass das passende Spenderorgan ein Treffer ein Sechser im Lotto ist. Deshalb habe ich nie aufgegeben.

Haben sie gejubelt, als die erlösende Nachricht kam?

Es war ein Mittwoch um 8.25 Uhr im Büro. Mein Arzt rief an und sagte, es könne losgehen, ich müsste um zehn Uhr in der Uniklinik sein. Ich habe gar nicht nachgedacht, wollte nur einen klaren Kopf zu behalten, das Nötigste regeln. Mein Chef aber fiel mir um den Hals. Um kurz nach zehn Uhr war ich auf Station. Um 21 Uhr lag ich nach über vier Stunden OP auf dem Zimmer.

Ab da hat alles geklappt?

Bei mir lief es erst nicht. Heutzutage ist man zwei Wochen im Krankenhaus nach einer Nierentransplantation. Ich war vier Wochen drin. Das Organ war in einem Schockzustand, es gab Rückschläge. Die Ärzte sagten, ich bräuchte Geduld. Doch ich zweifelte nach zehn Tagen, ob eine Transplantation mein Leben wirklich verbessern würde. Ich habe das erste Mal in dieser ganzen Zeit geweint. Trotzdem wurde ja alles gut. Wie schön.

Heute genießt der Tüttendorfer Kommunalpolitiker sein Leben mehr denn je

Führen Sie wieder ein ganz normales Leben?

Es hat sich unglaublich schnell verändert. Ich nahm gleich eine eigene Wohnung. Ich konnte wieder Vollzeit arbeiten. Das politische Ehrenamt als stellvertretender Bürgermeister wäre vorher kaum möglich gewesen. Seit einem Jahr habe ich auch eine Partnerin. Ich mache Sport im Fitnessstudio, fahre viel Rad und sitze gern auf dem Trecker. Mein Akku ist wieder voll.

Können Sie diese Lebensqualität immer noch schätzen?

Zum großen Teil ja. Im Restaurant zu bestellen, worauf ich Lust habe, genieße ich besonders. Auch dass ich nach Feierabend 30 Kilometer Rad fahren kann und am nächsten Tag okay bin, ist toll. Die Schranken im Kopf spüre ich trotzdem noch manchmal. Dann vergesse ich, dass ich frei bin. Viele Medikamente muss ich auch jetzt noch nehmen. Und ich weiß, dass die Niere irgendwann abgestoßen werden kann. Bis dahin werde ich mein Leben genießen und hoffe, dass die Medizin dann eine Lösung hat.

Organspende in Deutschland

Die Fakten zur Organspende in Deutschland

In Deutschland gilt eine Entscheidungslösung für Organspenden. Automatisch darf niemand nach dem Tod zum Spender werden. Der Bundestag hat aber Änderungen verankert, die Aufklärung und Spendenbereitschaft forcieren sollen. Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte richtet ein Online-Register ein. Wer einen Personalausweis oder Reisepass beantragt, bekommt Infomaterial und einen Organspenderausweis mit, den er ausfüllen kann oder nicht.

Hausärzte dürfen Patienten alle zwei Jahre ergebnisoffen beraten. Organ- und Gewebespenden werden stärker in der ärztlichen Ausbildung zu verankert. Der Erste-Hilfe-Kurs für den Führerschein vermittelt künftig auch Grundkenntnisse zum Thema. Einwilligen zur Organentnahme und die Entscheidung auf eine Vertrauensperson übertragen darf man ab dem 16. Lebensjahr treffen. Widerspruch kann ab 14 erklären. 2022 tritt das neue Gesetz in Kraft.

9500 Menschen warten in Deutschland auf ein Spenderorgan. 2018 wurden in 955 Fällen Organe von Bundesbürgern gespendet. 2017 waren es 797. 901 Menschen von der Warteliste starben. Laut repräsentativer Umfrage haben 39 Prozent der Bürger Bereitschaft zur Organspende dokumentiert. In Spanien werden, bezogen auf Europa, prozentual am meisten Organe gespendet.

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