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Eckernförde Die Gefahr am Meeresgrund
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17:12 11.02.2020
Von Christoph Rohde
Uwe Wichert, Experte für Munitionsaltlasten, neben einer entschärften Ankertaumine aus dem Ersten Weltkrieg. Er sagt: Bis die Ostsee komplett munitionsfrei ist, könnten 150 Jahre ins Land gehen. Quelle: Ulf Dahl/Christoph Rohde/Lina Schlapkohl
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Eckernförde

Uwe Wichert ist ein ausgewiesener Fachmann auf diesem Gebiet. Bei der Marine arbeitete er an der Beseitigung von Hinterlassenschaften des Krieges. Heute gehört er dem Expertenkreis „Munition im Meer“ des Bund-Länder-Ausschusses Nordsee/Ostsee an, der Bestände und Entsorgung genauer untersucht.

In einem Vortrag vor der Heimatgemeinschaft Eckernförde berichtete Wichert über diese Mammutaufgabe. Bis die Ostsee komplett munitionsfrei ist, könnten 150 Jahre ins Land gehen.

1500 Ankertauminen aus dem Ersten Weltkrieg

Schon im Ersten Weltkrieg wurde das Meer zum Minenfeld. Laut Wichert waren in der Kieler Bucht rund 1500 sogenannte Ankertauminen ausgelegt. Viele rissen sich los und vertrieben.

Solche Minen wurden auch bei Schönhagen und Kappeln entdeckt. Manche gingen Fischern ins Netz. Schätzungen zufolge könnten noch fünf Prozent der Minen irgendwo am Meeresgrund liegen. „Vermutlich die ein oder andere auch vor Schwansen“, so der Experte.

Schlimmer noch sind die Altlasten des Zweiten Weltkriegs. In Eckernförde war die Torpedoversuchsanstalt zum Großbetrieb herangewachsen, Flugabwehrstellungen reihten sich an den Küsten, der Wittensee war Ausweichseeflugplatz für Küstenflieger und im Dänischen Wohld lag eine chemisch-physikalische Versuchsanstalt für Treib- und Kampfstoffe.

Jede Granate war mit Sprengstoff gefüllt

Allein bei einem Fliegerangriff verschoss die Flugabwehr Tausende Schuss Munition. Das Problem: „Die Ausfallquote lag bei drei Prozent. Jeder Granate war mit 1,5 bis 1,7 Kilogramm Sprengstoff gefüllt“, erläuterte Wichert. Blindgänger könnten heute noch vorhanden sein.

Zwischen 1940 bis 1944 sind zudem im Altkreis Eckernförde 371 Bomben abgeworfen worden. Für 1945 fehlen die Zahlen. Im Seegebiet Kieler Bucht zwischen Fehmarn und Flensburg warfen die Engländer außerdem knapp 3900 Flugminen ab, um die Seewege zu blockieren. 20 Prozent der Minen dürften bis heute nach wie vor im Wasser liegen.

Munition wurde auch vor Schönhagen versenkt

Noch schlimmer wurde es für die Ostsee nach der Kapitulation am 9. Mai 1945. Unmengen von Munition mussten verschwinden. „Es gab keinen Wasserlauf, keinen Feuerlöschteich, der nicht von Waffen und Munition belastet war“, erinnerte Wichert.

Die Engländer ließen zahlreiche Flak-Granaten und andere Munition unter anderem vor Falshöft und vor Schönhagen versenken. Dafür wurden Fischkutter und kleine Handelsschiffe genutzt, die ihre gefährliche Fracht mitunter schon auf dem Weg zum Verklappungsgebiet über Bord warfen.

Im Eckernförder Noor an der ehemaligen Badeanstalt wurde ebenso Munition versenkt wie im Wittensee. In der Strander Bucht war Torpedo-Sprengstoff entsorgt worden, der später von Tauchern wieder geborgen werden musste. „Tonnenweise“, so Wichert.

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Wie viel am Grund liegt, ist noch unklar

Vieles ist nach dem Krieg wieder aus dem Wasser geholt worden, vereinzelt gibt es aber immer noch Munitionsfunde an den Küsten. Besonders bei Baggerarbeiten – etwa bei Brückenbauten an der Schlei – kommen die Altlasten wieder zu Tage.

Wie viel noch am Grund liegt, ist unklar. 2008 haben sich die Küstenländer zusammengesetzt, um alle Berichte über Munition im Meer zu bündeln und Handlungsstrategien zu entwerfen.

Hoffnung setzt Wichert auf einen automatischen Bergungsroboter, dessen Prototyp dieses Jahr zu ersten Mal zum Einsatz kommen soll. Über eine unbemannte, verankerte Plattform kann er schneller und sicherer Munition bergen als ein Taucher. „Das ist die Zukunft“, sagte Wichert.

Eine teure Sisyphusarbeit für Jahrzehnte

Der Expertenkreis setzt unterdessen seine Sisyphusarbeit fort zu dem, was versenkt und was geborgen wurde. Dabei ist eines klar: Die Folgen der Weltkriege für die Ostsee bleiben eine zeitaufwändige und teure Aufgabe für die nächsten Jahrzehnte. Mehr zur Munition im Meer finden Sie in unserem Multimediadossier "Sorgenkind Ostsee - Wie es um das Binnenmeer steht".

Was tun bei verdächtigen Strandfunden?

An den Stränden können alte Munitionsbestandteile aus Kriegszeiten angetrieben werden. Wer sie entdeckt, sollte vorsichtig sein. Bei makkaroniartigen Röhrchen handelt es sich vermutlich um Stücke von Treibladungspulver.

Teile, die wie Tonpfeifen aussehen, können auch Stangenpulver sein. „Auf keinen Fall sollten sie angezündet werden“, warnt Experte Uwe Wichert. Das gilt ebenfalls für Schießwolle, die nach 70, 80 Jahren wie ein Stein oder Holzstück aussieht.

Brandgefährlich ist Phosphor. Es ähnelt einem großen Bernstein und entzündet sich selbst, wenn es trocknet. In Schleswig-Holstein gibt es jedes Jahr ein bis zwei Funde. Der letzte Unfall mit entzündetem Phosphor hatte sich vor über fünf Jahren ereignet.

Brandbomben beinhalten laut Wichert 450 Gramm weißes Phosphor, etwa 30 Prozent dieser Bomben waren Blindgänger. Wer unsicher ist, sollte nichts anfassen, sich die Fundstelle merken, gegebenenfalls absichern und die Polizei informieren.

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