Bernd Delfs der letzte Soldat von Neumünster ging 2003
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14:29 29.08.2019
Von Thorsten Geil
2002: Der letzte Spieß des 1996 aufgelösten Stabs- und Fernmeldebataillons 6, Bernd Delfs (Mitte), freute sich mit Erich Garber (rechts), einem seiner Vorgänger, und Ralf Maas über den Austausch von Erinnerungen bei einem Ehemaligen-Treffen.
2002: Der letzte Spieß des 1996 aufgelösten Stabs- und Fernmeldebataillons 6, Bernd Delfs (Mitte), freute sich mit Erich Garber (rechts), einem seiner Vorgänger, und Ralf Maas über den Austausch von Erinnerungen bei einem Ehemaligen-Treffen. Quelle: Richard Einmal
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Neumünster

33 Jahre lang war Bernd Delfs als Soldat bei der Bundeswehr. Er schaffte das Kunststück, seine komplette Dienstzeit ohne Versetzungen an nur einem Standort zu verbringen. Er war in Neumünster in der Scholtz- und der Hindenburg-Kaserne stationiert, musste nur die letzten drei Jahre in die Nachbargemeinde Boostedt in die Rantzau-Kaserne fahren.

Scholtz-Kaserne

Die Scholtz-Kaserne wurde 1937 eingeweiht. Während des Zweiten Weltkriegs waren Ersatztruppenteile untergebracht, danach zogen amerikanische und polnische Einheiten hier ein, bis die Kaserne 1957 an die Bundeswehr übergeben wurde; die brachte hier über Jahrzehnte Panzertruppen unter. Die wurden anschließend nach Boostedt verlegt, und anschließend war die Kaserne für viele Jahre die Heimat der Logistiktruppen im Nachschubbataillon 6. 1997 wurde die "Scholtz" aufgegeben.

Oliv war im Stadtbild von Neumünster allgegenwärtig

Delfs (66) kennt noch sehr gut die Zeiten, als Oliv im Stadtbild allgegenwärtig war. Auf den Straßen, an jeder Supermarktkasse, beim Mittagstisch in der Pizzeria - überall waren Soldaten zu sehen. "Ich bin in all den Jahren auf der Straße in Uniform nie blöde angequatscht worden. Soldaten waren überall akzeptiert und buchstäblich in die Gesellschaft integriert", sagt Delfs.

Interaktive Karte: Standorte der ehemaligen Kasernen

Die Frau des Kommandeurs lud zum Kaffee

Damals zogen meist die Familien mit um, wenn der Ehemann und Vater versetzt wurde; das ist heute oft anders, nicht nur bei der Bundeswehr. Die Familien wurden häufig warmherzig empfangen. "Dann hat sich beispielsweise die Frau des Kommandeurs darum gekümmert, dass der Frau des neuen Offiziers sofort Hilfe angeboten wurde, man lud sie zum Kaffee ein, half mit Kontakten", sagt Delfs.

Überhaupt hat die Bundeswehr nach seiner Erfahrung viele Menschen zusammengebracht, die sich sonst nicht begegnet wären, sich sogar aus dem Weg gegangen wären. Das war im Dienst aber nicht möglich, denn in einer Einheit muss man zusammenhalten, um die Aufgaben erledigen zu können.

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"Mit den Turnschuh-Jungs war es nicht immer leicht"

Darum findet Delfs auch die Abschaffung der Wehrpflicht falsch, denn darüber hatte die Armee immer den Austausch mit der zivilen Welt. Als Kompaniefeldwebel und Ausbilder hatte Delfs viel mit den jungen Männern zu tun, die meist keine Lust auf Bundeswehr hatten. "Die Turnschuh-Jungs mit langer Matte auf Kampfstiefel und Kurzhaarschnitt umzustellen - das war nicht immer leicht", sagt er. Aber es sei die Mühe wert gewesen.

Bernd Delfs ist in Neumünster sehr bekannt, nicht zuletzt als SPD-Ratsherr (seit 1986) und stellvertretender Stadtpräsident. Manchmal konnte er darum seine Wehrpflichtigen foppen. "Mich kennen hier halt viele Leute. Da wurde mir auch mal zugetragen, wenn Soldaten sich in der Stadt irgendwo daneben benommen hatten. Dann habe ich die am nächsten Tag erschreckt, weil ich davon wusste", sagt er grinsend.

Fotostrecke: Einblicke in die Kasernen in Neumünster

130 Jahre war Neumünster eine Garnisonsstadt, aber der letzte Soldat zog 2003 aus. Die drei Kasernen werden heute ganz unterschiedlich genutzt - oder auch nicht.

Ein Wehrpflichtiger blieb in Neumünster hängen und wurde OB

Viele ehemalige Wehrpflichtige, die damals oft aus Nordrhein-Westfalen in den Norden geschickt wurden, sind buchstäblich in Neumünster hängen geblieben. Das prominenteste Beispiel ist der langjährige Oberbürgermeister Hartmut Unterlehberg (1991 - 2009), der hier seine Ehefrau kennenlernte und blieb.

Allein in der Hindenburg-Kaserne

Als die Hindenburg-Kaserne 2003 offiziell geschlossen wurde, blieb Stabsfeldwebel Bernd Delfs dort noch etwa ein Jahr für die Abwicklung und die Ordnung zuständig. "Den halben Tag habe ich schon in Boostedt Dienst gemacht, aber die andere Hälfte war ich völlig allein in der Hindenburg-Kaserne", sagt er.

Hindenburg-Kaserne

Die Hindenburg-Kaserne an der Färberstraße wurde 1935 erbaut. Nach dem Zweiten Weltkrieg waren (bis 1958) dort britische Einheiten, die Bundeswehr stationierte danach unter anderem den Stab der größten Division ihres Heeres, die 6. Panzergrenadierdivision. Nach deren Abzug zog die Panzerbrigade 18 "Holstein" dort ein. Die Hindenburg-Kaserne wurde 2003 als letzte der drei Kasernen in Neumünster geschlossen.

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