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Neumünster Der Gefangene aus Katalonien
Lokales Neumünster Der Gefangene aus Katalonien
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09:00 27.03.2018
Von Sabine Nitschke
Ein schwarzer Van der Polizei verlässt mit Blaulicht die Justizvollzugsanstalt, in die der ehemalige katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont am Vortag gebracht worden war. Sitzt Carles Puigdemont tatsächlich im Wagen? Quelle: Frank Molter
Neumünster

Das Gefängnis Neumünster ist auch ohne einen katalanischen Prominenten namens Carles Puidgemont schon ziemlich berühmt. Aus der Zeit, als es noch Zentralgefängnis Neumünster hieß. Da saß, wegen Betrugs, der Schriftsteller Hans Fallada 1923 für ein paar Monate und dann noch einmal 1925 für zweieinhalb Jahre ein. Später hat er über das Leben im Zuchthaus den Roman „Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ geschrieben.

So wie Carles Puigdemont, oder doch zumindest so ähnlich. Auf jeden Fall hat es auch der ehemalige katalanische Regionalpräsident verstanden, den Eindruck zu erwecken, dass er ein Freiheitsheld sei. Nicht aufzuhalten im Kampf für die Unabhängigkeit seiner Katalanen von der verhassten Zentralregierung in Madrid.

Kein Durchkommen mit Kamera

„So ein kleines Amtsgericht – und jetzt ist hier die Weltpresse“, konstatiert locker die blau Uniformierte am Montagmorgen vor dem Gericht. Und schiebt gleich freundlich, aber resolut hinterher: „Nein, mit Kamera kommen Sie hier nicht rein!“ 17 Kamerateams, die überwiegend aus Spanien, Frankreich, Deutschland und Dänemark kamen, haben Position vor der Hauptpforte der Justizvollzugsanstalt an Neumünsters Boostedter Straße bezogen, um möglichst Augenzeuge zu sein, wenn der ehemalige katalanische Regionalpräsident Carles Puigdemont das Gefängnis verlassen würde, um im direkt benachbarten Gerichtsgebäude dem Amtsrichter vorgeführt zu werden.

„Solch einen Presseauftrieb hat es hier zuletzt gegeben, als Kreml-Flieger Mathias Rust seine Haftstraße antrat“, erinnert sich ein Fotograf. Damals war es wärmer als am Montagmorgen mit zwei Grad. Um 7.50 Uhr kommt Anstaltsleiterin Yvonne Radetzki auf dem Weg zum Dienstantritt vorbei. Ein ganz normaler Arbeitstag wird es für sie wohl nicht werden.

Verbindungsgang zwischen JVA und Amtsgericht Neumünster?

Während sich ab 9.30 Uhr immer wieder Polizeiautos sehen lassen, haben die Journalisten ganz andere Sorgen. Es hat sich herumgesprochen, dass außer der Hauptpforte des Gefängnisses noch ein Nebeneingang in der Gerichtsstraße existiert, nur gut 50 Meter vom Eingang zum Gerichtsneubau entfernt. Spekuliert wird auch über einen unterirdischen Verbindungsgang zwischen Knast und Gericht, was sich als Quatsch erweist. Mittlerweile hat es zu nieseln begonnen. Um 11.15 Uhr, 24 Stunden nach der Festnahme am Sonntag, hat der Amtsrichter noch keine Entscheidung getroffen.

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Die Moderatorin Paula Florit vom katalanischen Fernsehsender TV3 hat ganz andere Sorgen. Sie bekam Sonntagabend auf ihrem Sofa in Barcelona den Anruf aus ihrer Redaktion, sofort nach Neumünster zu fliegen. „Das ist irgendwo in Norddeutschland, du findest das schon!“, wurde ihr gesagt. Gefunden hat sie es, nun wartet sie darauf, ihren ehemaligen Ministerpräsidenten zu Gesicht zu bekommen. „Ich habe ein kleines Baby zu Hause und hoffe, dass ich nicht zu lange hier bleiben muss“, sagt sie.

Ihrem Landsmann Guifre Jordan vom katalanischen Fernsehsender ACN ging es ähnlich: Spontaneinsatz, Barcelona, Hamburg, Mietwagen nach Neumünster. Geld spielt keine Rolle; die Festnahme von Puigdemont ist das beherrschende Thema in der Region. „Alle Katalanen verfolgen sein Schicksal, ob sie nun Separatisten sind oder nicht. Entspannter wird die Lage durch seine Festnahme jedenfalls nicht“, sagt er.

Was gibt es in der JVA Neumünster zu essen?

Eine Frage, die viele Journalisten an diesem Tag beschäftigt: Was gibt es in der JVA eigentlich zu essen? Und woher bekommt Puigdemont frische Unterwäsche? Das Innenministerium kann bei dieser Frage nicht helfen – das Personal der JVA schon. „Zwei Sorten Brot, dazu Käse, Konfitüre und zwei Sorten Wurst sind Standard, mitunter gibt es auch Brötchen“, berichtet ein Beamter. In der Untersuchungshaft könne sich der katalanische Gast aber auch Essen von außerhalb liefern lassen, gleiches gelte für Kleidung. „Und wenn er niemanden hat, hilft die Kleiderkammer aus“, berichtet ein JVA-Mitarbeiter.

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Am Nachmittag macht mehrfach die Nachricht die Runde, es werde eine Stellungnahme geben. Dann tut sich etwas, gegen halb vier. Ein Dutzend Polizisten baut sich zum Spalier links und rechts der Zufahrt auf. Zwei abgedunkelte Kleinlaster fahren auf das Gelände, begleitet von Blitzlichtgewitter und Kameralinsen. Wer drin sitzt, ist durch die abgedunkelten Scheiben nicht zu erkennen. Das andere Fahrzeug steht offenbar noch auf dem Gefängnisgelände.

Von Sabine Nitschke, Thorsten Geil und Stephan Ures

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