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Neumünster Als die DDR-Bürger in die Stadt kamen
Lokales Neumünster Als die DDR-Bürger in die Stadt kamen
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14:13 31.07.2019
Von Thorsten Geil
Flüchtlinge in Neumünster: Staatssekretär Torsten Geerdts steht am Schleusberg 22. Genau hier stand vor 30 Jahren die Erstaufnahme für DDR-Übersiedler in einer ehemaligen Gaststätte. Das Haus ist längst abgerissen. Quelle: Thorsten Geil
Neumünster

„Im Sommer 1989 bekamen wir beim DRK plötzlich von Sozialminister Günther Jansen die Ansage: ,Ihr seid jetzt auch zentrale Aufnahmestelle für DDR-Übersiedler.’ Damit begann die spannendste Zeit meines Berufslebens“, sagt Geerdts – genau 30 Jahre danach.

Flüchtlinge in Neumünster: "Ich hatte noch nie einen DDR-Bürger gesehen"

Er erinnert sich noch gut, dass sie in ihrem DRK-Büro am Schleusberg alle gelacht haben. Zwar waren die Nachrichten voll davon, dass DDR-Bürger über Ungarn abhauten und viele dann in Einrichtungen in Bayern landeten. „Aber wir waren sicher, dass die nie in Schleswig-Holstein ankommen würden. Ich hatte jedenfalls noch nie einen DDR-Bürger gesehen“, sagt Torsten Geerdts (56).

Doch dann kamen sie plötzlich – und zwar reichlich, in Wellen. Ähnlich wie heute wurden sie auf die Bundesländer verteilt, und wer nach Schleswig-Holstein sollte, musste sich zunächst in Neumünster melden. „Die klingelten dann zu jeder Tages- und Nachtzeit bei uns, und wir haben ihnen als erstes ein Bett und eine Mahlzeit besorgt. Die waren ja oft völlig fertig von der Reise“, sagt Geerdts.

"Schlange von 200 Metern"

Irgendwann einmal waren nachts alle Menschen versorgt, und Geerdts fuhr nach Hause. Als er nach ein paar Stunden Schlaf wieder zur Arbeit fuhr, traute er seinen Augen nicht. „Da standen die Menschen schon wieder mit ihren Koffern in einer Schlange bis zur Stadthalle – das waren fast 200 Meter.“

Das DRK war bester Kunde der Hotellerie für Flüchtlinge in Neumünster

Schnell reichten die regulären Unterkünfte nicht mehr aus, und das DRK war bester Kunde der Hotellerie: Sämtliche Betten in der Region wurden gemietet. Dann waren auch die voll, und das Jugendgästehaus im Haus der Jugend wurde belegt, Stockbetten im Keller aufgestellt. Selbst die einfachen Holzhütten im Kinderferiendorf wurden mit Übersiedlern belegt. „Später haben wir die Leute dann landesweit in Jugendherbergen untergebracht“, sagt Geerdts.

Nach dem Fall der Mauer am 9. November, als alle die DDR verlassen konnten, wurde es richtig hektisch beim DRK, und jetzt änderte sich auch das Publikum etwas. Wer vor der Wende gekommen war, der hatte noch etwas riskiert; es waren alles freiheitsliebende Menschen, viele davon gut ausgebildet und bereit, im Westen hart zu arbeiten. Später kamen dann auch mehr und mehr Leute, die sich vom Wechsel in den Westen einfach ein schönes Leben erhofften.

Flüchtlinge in Neumünster waren „Brüder und Schwestern aus dem Osten“

Geerdts erinnert sich noch gut an die überwältigende Hilfsbereitschaft der Einheimischen, die ihre „Brüder und Schwestern aus dem Osten“, wie es damals oft hieß, willkommen hießen. Viele Neumünsteraner kamen zu Weihnachten vorbei und luden einfach ein paar wildfremde Menschen zu sich nach Hause unter den Weihnachtsbaum ein.

"Eine Rechnung haben wir nie bekommen"

Auch die Wirtschaft half und spendete reichlich. Geerdts: „Irgendwann hatten wir das Büro voller Menschen und keine Vorräte und Sanitärartikel mehr. Da hat der Supermarkt Bilka nachts für uns geöffnet, und wir konnten einpacken, was wir brauchten. Eine Rechnung haben wir nie bekommen.“

"Hier wurde Geschichte geschrieben"

Für Torsten Geerdts war es eine höchst intensive Zeit: „Wir wussten, dass hier Geschichte geschrieben wurde. Und es war toll, da mittendrin zu sein“, sagt er.

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1989 kamen enorm viele Flüchtlinge aus der DDR nach Neumünster. Wer vor der Wende am 9. November abhaute, musste noch fliehen und viel riskieren.
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