Neumünster: Corona und die Jugend - Freunde fehlen und Masken nerven
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Neumünster Teenager in der Krise: Freunde fehlen und Masken nerven
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Neumünster: Corona und die Jugend - Freunde fehlen und Masken nerven

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08:10 14.12.2020
Von Jann Roolfs
Jugendliche spielen draußen Basketball, auf Vereinssport und Treffen bei Freunden müssen sie verzichten. 
Jugendliche spielen draußen Basketball, auf Vereinssport und Treffen bei Freunden müssen sie verzichten.  Quelle: Jann Roolfs
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Neumünster

Was der 13-jährige Leon gleich nach Corona unternehmen will? „Auf jeden Fall schwimmen gehen. Ins Kino!“, dann denkt er noch an den Indoor-Spielplatz Hollis. „Übernachtungspartys!“, fällt ihm Lors, 13, ins Wort. Die beiden spielen mit einem anderen Leon, ebenfalls 13, Basketball an einem Korb in Neumünster Einfeld. „Wir sind mehr draußen“, erklärt der erste Leon, wie sie ihre Freizeit unter den Pandemie-Auflagen verbringen. Oder sie treffen sich online zum Spielen, ergänzt Lors.

Besuche der Freunde fehlen

Was fehlt den Jugendlichen? Der zweite Leon vermisst vor allem die Besuche seiner Freunde bei sich. Treffen finden jetzt draußen statt und mit weniger Altersgenossen. Lors sagt tatsächlich „damals“, wenn er aufzählt, was jetzt nicht mehr stattfindet: Klassenausflüge ins Kino oder zum Hollis. Lors betreibt Vereinssport: Fußball, Ringen und Boxen. Darauf muss er ebenso verzichten wie die beiden Leons auf Basketball im Verein.

Schule? „Die Maskenpflicht nervt“, stellt Lors fest. Leon 1 schimpft über die Aufteilung des Pausenhofes: „Ab der sechsten Klasse hat man gar nichts mehr“, keine Spielmöglichkeiten, sondern nur noch „Feld“. Lors berichtet von strengen Sanktionen: „Wenn die Maske unter die Nase rutscht, muss man nach Hause oder zwei Seiten schreiben“.

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Sorgen um den kleinen Bruder

Bereitet Corona ihnen Sorge oder gar Angst? „Das ist eine Krankheit wie andere“, gibt sich Leon 1 gelassen. Lors sorgt sich ein bisschen um seinen kleinen Bruder, der erst ein paar Monate alt ist. Aber dann sagt er: „Ich glaube, dass Corona eine erfundene Krankheit ist“.

In der Nähe des Basketballfelds sitzt Dorothea „Dodo“ von Ahrentschild im Jugendfreizeitheim Einfeld. Dort leistet die Erzieherin in normalen Zeiten klassische offene Jugendarbeit: Ihre Tür steht nachmittags offen, es kommt, wer mag. Aber im zweiten Lockdown darf sie keine Angebote mit Freizeitcharakter machen: „Offene Jugendarbeit findet nicht statt“, stellt sie fest. „Für unsere Arbeit ist das megaschwer“. Wo sonst an einem Nachmittag 25 Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 15 ein- und ausgehen, darf sie im Moment nur feste Gruppen für höchstens acht Grundschulkinder mit Masken anbieten.

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„Das größte Problem ist: Wir haben viele Kontakte verloren“

Hinterlässt die Pandemie bei den Jugendlichen Spuren? „Das weiß ich ja nicht, weil ich sie nicht treffen darf“, sagt Dodo. Sie setzt sich zwar aufs Fahrrad und besucht die bekannten Treffpunkte oder Familien, aber beim Klönen unterwegs erfährt sie nur Alltagsgeschichten: „nicht, wie es ihnen wirklich geht“. Das Resümee der Erzieherin: „Das größte Problem ist: Wir haben viele Kontakte verloren“.

Ähnlich geht es Katharina Sachau-Knopp, der Leiterin des Projekthauses in der Innenstadt. Auch sie musste ihr sonst offenes Haus stark einschränken und ist mehr unterwegs als früher. Einige ehemalige Stammgäste hat sie auf der Straße getroffen; aber: „Einige, vor allem Ältere, habe ich nicht wiedergesehen“.

Kein Anlass zu großer Sorge

Persönliche Daten eintragen, Maske aufsetzen, eingeschränkte Aktivitäten – das schreckt ab und bedeutet das Gegenteil von offener Jugendarbeit. „Es fehlt der zwanglose Rahmen ohne Regeln“, konstatiert Thomas Wittje, der Leiter des Neumünsteraner Kinder- und Jugendbüros. Trotzdem sieht Wittje „momentan keinen Anlass zu großer Sorge“. Dass Kontakte verloren gehen, würde er „nicht unterschreiben wollen“; die Mitarbeiter in der offenen Jugendarbeit seien jetzt anders gefordert.

„Wir sind ja hier, wir sind ansprechbar“, betont Katharina Sachau-Knopp aus dem Projekthaus. Ihre Beobachtung: Viele junge Leute hätten sich mit den Auflagen und Umständen arrangiert. Andere meiden von sich aus oder auf Anweisung ihrer Eltern Menschengruppen. Einige treiben Sorgen oder Ängste um, sie suchten Gespräche und Orientierung.

Auch bei Dorothea von Ahrentschild klingelt es ab und zu, und dann gibt sie eine Advents-Basteltüte „to go“ heraus. Aber das spricht vor allem Kinder an. Was ihr fehlt, ist die Beziehungsarbeit: der teilweise langwierige Aufbau von Vertrauen, bis die Jugendlichen mit dem herausrücken, was sie beschäftigt. Dann kommen irgendwann die Momente, in denen sie sich öffnen, zum Beispiel beim gemeinsamen Kochen: „Beim Schnippeln kann man wunderbare Gespräche führen. Das geht nicht, wenn ich ihn nur ganz kurz sehe“. Das kennt auch Sachau-Knopp bei wichtigen Angelegenheiten: „Thematisiert wird das eher beiläufig“.

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