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Neumünster Mit diesen Hürden müssen Stotterer leben
Lokales Neumünster Mit diesen Hürden müssen Stotterer leben
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19:36 04.10.2019
Von Kristiane Backheuer
Nur Mut: Beim Bundeskongress der Stotterer möchte Tim Hollenhorst (29) andere Betroffene ermuntern, ohne Scham zu sprechen. Viele Menschen versuchen oft, ihren Sprachfehler zu kaschieren. Sie beteiligen sich wenig an Gesprächen; sie schreiben lieber Mails, anstatt zu telefonieren; sie deuten auf die Speisekarte, um eine Mahlzeit zu bestellen. Quelle: Uwe Paesler
Neumünster

Drei Tage lang tauschen sich noch bis Sonntag rund 200 stotternde Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet in Neumünster aus. Sie geben sich Tipps, erzählen von ihren Erfahrungen, probieren Sprechtechniken aus und lachen.

Bundeskongress in Neumünster mit Sketchen und Musik

Die stotternde Theatergruppe „Block-Busters“ ist mit dem Stück „Sprachasyl“ dabei. Heute gibt es einen großen Galaabend mit Musik, Tanz und Sketchen. Sich selbst auf die Schippe zu nehmen, fällt den Betroffenen leicht. „Nur so funktioniert’s“, sagt Klaus Liebisch

Unsensible Lehrer und Hänseleien in der Schule

Der 67-Jährige aus Niedersachsen stottert, seit er vier ist. „Es war eine harte Zeit“, sagt er und erzählt von triezenden Mitschülern, Hänseleien, unsensiblen Lehrern und der Angst, nie eine Frau zu finden.

„Zum Glück hatte ich keine Redeangst“, sagt er. „Ich hab‘ so lange gestottert, bis das Wort rauskam.“ Seine Eltern ignorieren das Problem. „In der Pubertät hab’ ich dann Eigeninitiative ergriffen“, sagt er. Medikamente, Hypnose, Akupunktur. Das volle Programm. Aber nichts hilft. 

Erst als Klaus Liebisch 44 Jahre alt ist, findet er die richtige Logopädin. „Ich habe dort gelernt, deutlicher zu artikulieren und langsamer zu sprechen“, sagt der Elektromeister. „Dann klappt’s.“

Doch was so einfach klingt, war harte Arbeit. Elfeinhalb Jahre lang hat er geübt, geübt und immer wieder geübt. „Inzwischen bin ich zu 90 Prozent symptomfrei“, sagt er.

Jungen sind doppelt so häufig betroffen

Mehr als 800.000 Menschen in Deutschland stottern laut Bundesvereinigung „Stottern & Selbsthilfe“ (BVSS). Das ist rund ein Prozent der Gesamtbevölkerung. Die Betroffenen wollen etwas sagen, können es aber nicht fließend aussprechen. Häufig entwickeln Stotternde Begleitsymptome wie eine Verkrampfung der Gesichtsmuskulatur oder eine zusätzliche Körperbewegung beim Sprechen.

Die Ursachen sind noch nicht ausreichend erforscht. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es zu 70 bis 80 Prozent genetisch bedingt ist, ob ein Kind stottert. Die Sprechbehinderung beginnt meist ohne offensichtlichen Anlass im Alter zwischen zwei und fünf Jahren, selten später. Dabei sind Jungen etwa doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. In allen Kulturen gibt es Stotterer. Sogar 4000 Jahre alte Schriftstücke berichten von stotternden Menschen.

Zur Interessenvereinigung BVSS mit Sitz in Köln gehören deutschlandweit sieben Landesverbände und rund 90 Selbsthilfegruppen. Mehr unter www.bvss.de

Beim Stottern rudern die Arme und wackelt der Kopf

Mit Grauen erinnert er sich an das Training vorm Spiegel. „Da sah ich das erste Mal selbst, wie mich die Leute sehen: Ein Mann, der mit rudernden Armen und wackelndem Kopf versucht, Worte zu sprechen.“ Inzwischen hält der Familienvater Vorträge und macht anderen Mut. 

Ed Sheeran lernte sein Stottern mit Singen zu besiegen

Ähnlich wie Klaus Liebisch ist es auch vielen berühmten Persönlichkeiten ergangen. Der Sänger Ed Sheeran stotterte als Kind, bis er lernte, dass ihm das Singen hilft.

Auch "Mr. Bean" und Dieter Thomas Heck waren Stotterer

Dieter Thomas Heck bekämpfte seinen abgehackten Redestil mit Schnellsprechen, Rowan Atkinson schlüpfte in die Rolle des „Mr. Bean“ und vergaß seinen Sprachfehler. „Wenn ich mit dem Mikro auf der Bühne stehe“, sagt Klaus Liebisch, „bin ich nicht der Stotterer, sondern der Redner.“ 

Mit mangelnder Intelligenz hat der Sprachfehler übrigens rein gar nichts zu tun. Auch, wenn manche Schulkarriere darauf hindeuten könnte. „Meine Beteiligung am Unterricht war immer schlecht“, erzählt Frauke Hüttmann (57) aus Elmshorn, die den Landesverband „Stottern & Selbsthilfe Nord“ leitet. „Aus Angst, dass ich wieder stottere, hab’ ich lieber gar nichts gesagt.“

Auf einer Sprachheilschule macht sie schließlich ihren Realschulabschluss, will anschließend Kosmetikerin oder Krankenschwester werden. Doch das Arbeitsamt redet ihr die Wünsche aus. Zu viel Kundenkontakt für so einen Sprachfehler, sagen die Fachleute.

Nach der Meisterprüfung keine Meisterstelle: "Nicht zumutbar"

Auch Klaus Liebisch bekommt nach der Meisterprüfung keine Meisterstelle. „Nicht zumutbar“, so die Aussage. Dabei schnitt er bei einer Studie über Stotterer mit einem überdurchschnittlichen IQ von 122 ab.

Sonnabendvormittag werden einige Teilnehmer vom Bundeskongress in der Neumünsteraner Innenstadt einen Infostand aufbauen. „Wir möchten gerne die Befangenheit im Umgang mit stotternden Menschen abbauen“, sagt Frauke Hüttmann.

Sie selbst bekam ihr Stottern übrigens dank einer Selbsthilfegruppe in den Griff und möchte anderen Mut machen: „Kommt aus Eurer selbst gewählten Isolation heraus.“ 

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