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Neumünster Nachts geht in der City die Angst um
Lokales Neumünster Nachts geht in der City die Angst um
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08:00 08.03.2014
Von Günter Schellhase
Ute Flader geht aus Angst vor Pöbeleien nicht mehr gerne in die Kneipen. Quelle: fpr: Frank Peter
Neumünster

Düster, grau und wenig einladend ist der Skaterpark. Daniel Krahne zeigt unter der Max-Johannsen-Brücke Kunststücke auf seinem BMX-Rad. Der 21-Jährige ist arbeitslos und füllt mit den Sprüngen seinen Tag, denn in der Nacht traut er sich nicht mehr aus dem Haus. Krahne lebt in der Christianstraße in der Innenstadt und beobachtet oft Schlägereien. „An den Wochenenden ist es besonders schlimm, besonders in und vor den Kneipen“, sagt der gelernte Kfz-Mechaniker. Klein Istanbul nennen die Neumünsteraner die Gegend zwischen Christianstraße und Kieler Straße.

 Hier reihen sich Wettbüros an An- und Verkaufsläden sowie orientalische Märkte, stadtauswärts stehen viele Läden leer. „Mit Sicherheit bin ich schon bestohlen worden, aber überfallen noch nicht“, sagte Velj Özal (44), der türkische Spezialitäten verkauft. Ute Flader (49) nimmt kein Blatt vor den Mund: „Wenn man das Rad nur Minuten aus den Augen lässt, ist es weg.“ Sie feiert gerne, aber nicht mehr in dieser Stadt, denn in den Kneipen ist es ihr zu gefährlich. „Am meisten Angst habe ich um meine Tochter, wenn sie in die Disco geht. Alleine lasse ich sie nicht mehr aus dem Haus“, sagt sie.

 „Viel los hier“, meint auch der Chef eines An- und Verkaufsladens voller Hifi-Verstärker und Mobiltelefone. „Ich habe eigentlich keine Hehlerware, ausschließen kann ich das aber nicht“, sagt der Mann, der anonym bleiben möchte. In der Stadt werde viel geklaut, gerade von jugendlichen Kiffern, die so ihren Stoff finanzieren würde. „Neumünster eben“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Davon hat Gudrun Linne auch schon gehört. „Ich bin erst Ende 2013 hierher gezogen. Aber nachts gehe ich nicht mehr aus dem Haus, schon gar nicht zum Bahnhof“, sagt die 55-Jährige.

 „Wir haben eine hohe Quote an Sozialhilfeempfängern und Arbeitslosen“, erklärt der Erste Stadtrat Günter Humpe-Waßmuth. Um die Jugendlichen vor dem Abgleiten in die Kriminalität zu bewahren, hat die Stadt das Jugendamt um sechs Stellen aufgestockt und die Schulsozialarbeit intensiviert. Oberbürgermeister Olaf Tauras weiß um die schwierigen Rahmenbedingungen: „In Zusammenarbeit mit der Polizei müssen wir die Gründe für die hohe Kriminalitätsrate genau analysieren“, sagt Tauras: Im präventiven Bereich sei Neumünster aber gut aufgestellt.

 Die Polizei registriert die meisten Straftaten in der Innenstadt, in der die Beamten in den relevanten Zeiten Präsenz zeigen. „Die Zahlen der Raubüberfälle, Körperverletzungen und Diebstähle sind im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen“, sagt Polizeichef Bernd Lohse. Zugenommen hätten hingegen die Tageswohnungseinbrüche. Die Jugendkriminalität ist ebenso wie in anderen Städten ein großes Problem: „Unser Ermittlungsgruppe Jugend betreut derzeit 24 Intensivtäter“, sagt Lohse. Der Anteil der Tatverdächtigen unter 21 Jahren beträgt 21,4 Prozent. Den Löwenanteil stellen die Jugendlichen und Heranwachsenden.

 Die Beamten einer speziellen Ermittlungsgruppe beobachten das Milieu und kämpfen gegen die Drogenkriminalität. Auch die Rocker haben die Polizisten stets im Auge und setzen im Rahmen der Null-Toleranz-Strategie permanent Personal ein. Doch Bandidos und Konsorten verhalten sich derzeit ruhig. Nach Meinung von Lohse verfälscht die Zahl der Asylsuchenden, die ohne Visum einreisen, die Statistik. „Mangels Visums wird bei der Aufnahme der Straftatbestand der illegalen Einreise mit Tatort Neumünster festgestellt“, erklärt der Polizeichef. Die 2153 in 2013 erhobenen Taten entsprächen 85 Prozent des Landesanteils. „Nach Bereinigung dieser Fallzahlen liegt Neumünster absolut im Trend der anderen Städte“, sagt Lohse.

 Das empfinden die Neumünsteraner in den Wohnvierteln rund um die Innenstadt auch: Margitta (66) und Reinhard (64) Kickbusch aus der Böcklersiedlung haben keine Angst: „Wir merken hier nicht, dass Neumünster herausragend kriminell ist.“