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Neumünster Corona-Krise: Ein-Euro-Jobber fürchten um Existenz
Lokales Neumünster Corona-Krise: Ein-Euro-Jobber fürchten um Existenz
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16:23 20.05.2020
Von Thorsten Geil
Iris Lüder (links) betreut Ein-Euro-Jobber wie Carmen Winkler und ihre Tochter Bianca Hansen. Quelle: Thorsten Geil
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Neumünster

Der Regelsatz für Hartz-IV-Empfänger liegt derzeit bei 432 Euro. „Hier bei uns im Sozialkaufhaus Neumünster oder in anderen Einrichtungen können diese Menschen bis zu 120 Euro im Monat dazuverdienen. Wenn die Arbeitsgelegenheit (AGH) wegfällt, ist rund ein Viertel des Budgets weg, das tut dann schon weh“, sagt Iris Lüder.

Die Diplom-Sozialpädagogin kümmert sich um die Mitarbeiter im Sozialkaufhaus an der Wasbeker Straße, die vom Jobcenter geschickt werden oder auch freiwillig kommen. Hier arbeiten sie im Lager, bereiten die gebrauchten Kleidungsstücke auf, arbeiten im Verkauf oder im Fahrdienst.

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Corona-Krise: „Die Struktur des Tages war plötzlich weg"

Als Mitte März die Kaufhäuser in Neumünster und auch sonst überall geschlossen wurden, saßen die 50 AGH-Kräfte von Iris Lüder und ihrer Kollegin plötzlich wieder den ganzen Tag auf dem heimischen Sofa. Neben der finanziellen Seite hat das bei vielen Menschen weitere Probleme ausgelöst oder verstärkt. „Die Struktur des Tages war plötzlich weg. Viele Leute brauchen den Job einfach, um morgens buchstäblich aus dem Bett zu kommen“, sagt Iris Lüder. Viele Menschen hätten hier erstmals seit Jahren wieder eine Aufgabe gefunden und blühten bei der Arbeit förmlich auf.

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Unter #SHbleibtstark bündeln wir Initiativen und Hilfsangebote aus der Region, unterteilt in vier Kategorien:

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Als die Ein-Euro-Jobs wegfielen, stürzten manche Klienten richtig tief

Als die Jobs wegfielen, stürzten manche ihrer Klienten richtig tief. Da kamen Süchte wieder durch, etwa Alkohol oder auch harte Drogen; da bekamen die Depressionen plötzlich wieder die Macht über die Menschen; da konnten die Raten für Kredite nicht mehr bedient werden. Iris Lüder: „Das war eine Vollbremsung, die vielen richtig wehtat.“

Seit Ende April ist das Sozialkaufhaus zum Glück wieder geöffnet, und etwa zwei Drittel der AGH-Kräfte sind wieder am Start. Manche trauen sich noch nicht, weil sie selber zu einer Risikogruppe gehören, und viele müssen natürlich auch ihre Kinder betreuen. Aber viele sind wiedergekommen, weil sie gern arbeiten und noch lieber einen richtigen Arbeitsplatz hätten.

Iris Lüder befürchtet durch Corona einen Anstieg der Arbeitslosigkeit und dann mit etwas Zeitverzögerung mehr Zulauf bei den Jobcentern; die kümmern sich um die Langzeitarbeitslosen und vermitteln die Ein-Euro-Jobs. Das Ziel der AGH ist, die Menschen wieder an Arbeit zu gewöhnen und zu schauen, was ihnen noch fehlt, um einen regulären Job im ersten Arbeitsmarkt zu schaffen.

#SHbleibtstark: Spenden, helfen, Hilfe finden

Mit dem Projekt #SHbleibtstark will unsere Zeitung den Zusammenhalt in der Krise und darüber hinaus fördern. Auf KN-online bündeln wir alle Hilfs- und Unterstützungsangebote. Zudem haben wir gemeinsam mit der Diakonie Schleswig-Holstein eine Spendenaktion für bedürftige Familien mit Kindern gestartet. Oft fehlt das Geld für ein Mittagessen, oder es mangelt an Babykleidung, Hygieneartikeln oder anderem. Wer in Not geratenen Familien helfen möchte, kann hier spenden: Diakonisches Werk Schleswig-Holstein bei der Evangelischen Bank eG unter der IBAN: DE 48 5206 0410 0406 4038 24, Stichwort: Corona-Familienhilfe. Für eine Spendenbescheinigung geben Sie bitte Ihren Namen und Ihre Adresse an.

Unter der Nummer 0800-7662476 ist ein kostenfreies Service-Telefon geschaltet (Mo-Do von 9-12 Uhr und 13-16 Uhr, Fr von 9-13 Uhr).

„Da kommt noch einiges auf uns zu“

„Ich arbeite seit zehn Jahren mit Langzeitarbeitslosen und weiß: Das Klischee stimmt nicht. Für die Allerwenigsten gilt, dass sie schlicht keine Lust auf Arbeit haben. Die meisten wollen gern, haben aber viele verschiedene Hindernisse und Probleme, an denen wir dann arbeiten.“ Und sie weiß auch, dass ihre Klienten vor zehn Jahren im Durchschnitt noch fitter waren. Die psychischen und anderen Einschränkungen nehmen definitiv zu. „Da kommt noch einiges auf uns zu“, sagt sie.

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