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Neumünster Todesschuss - Frau belastet ihren Ex
Lokales Neumünster Todesschuss - Frau belastet ihren Ex
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17:00 21.11.2019
Von Thomas Geyer
Beim Auftakt des Mordprozesses im Kieler Landgericht: Der Hauptangeklagte (41) und seine Strafverteidiger Lino Peters und Uwe Maeffert (von links). Quelle: Thomas Geyer
Kiel/Neumünster

Sieben Jahre nach dem tödlichen Kopfschuss auf einen 41-jährigen Polen in einer Wohnung am Hauptbahnhof Neumünster hat eine Zeugin den mutmaßlichen Schützen (40) vor Gericht schwer belastet: Ihr damaliger Verlobter sei in der Tatnacht im Juni 2012 betrunken nachhause gekommen und habe „erzählt, dass er jemanden erschossen hatte.“

„Wir waren zusammen und hatten zwei Kinder“, erklärte die wichtigste Zeugin des seit August laufenden Mordprozesses im Kieler Landgericht ihr jahrelanges Schweigen. „Nach dem Tod meiner Mutter war er der einzige, den ich hatte.“ Auch weil sie den mutmaßlichen Täter schützte, verliefen die Ermittlungen der Polizei damals im Sande.

Angeklagten wird heimtückischer Mord vorgeworfen

Erst im Februar 2018 wandte sich die Zeugin an die Strafverfolger. Ihr später Hinweis führte zur Festnahme des Angeklagten und eines mutmaßlichen Komplizen (37). Seitdem sitzen die Männer in U-Haft. Ihnen wird heimtückischer Mord vorgeworfen. Beide schweigen in dem Indizienprozess, für den die Schwurgerichtskammer mehr als 20 Verhandlungstage terminiert hat.  

Wie die Ex-Verlobte aussagte, verriet der Angeklagte ihr damals den Spitznamen des Getöteten. Er habe in der Tatnacht berichtet, einem „Jakusa“ im Hausflur in den Kopf geschossen zu haben. Diese Darstellung entspricht dem Szenario, das die Polizei am Tatort vorgefunden hatte.

Zwei Wochen später habe sie dem Angeklagten bei der Suche nach der Tatwaffe in der Nähe der Max-Johannsen-Brücke geholfen, so die Zeugin weiter. Diese habe er nach der Tat weggeworfen. Zudem will die Frau in seinem Auftrag eine Schachtel Patronen entsorgt haben, die er in der Küche der gemeinsamen Wohnung gebunkert habe.

Schusswaffe soll der Angeklagte beiseite geschafft haben

Die Schusswaffe hätten ihr Verlobter und sein Bruder später gefunden und beiseite geschafft. „Anschließend haben wir nicht mehr über die Sache gesprochen.“ Doch das schockierende Geständnis ließ der Zeugin keine Ruhe. Anfang 2015 trennte sie sich von dem Mann, der ständig betrunken und „nervig“ gewesen sei. 

Sie habe ein neues Leben anfangen wollen, doch die Sache habe sie belastet, so die Zeugin weiter. „Mir ging's schlecht, ich konnte schlecht schlafen.“ Bei einer Kur 2017 auf Norderney vertraute sie sich einer Seelsorgerin an. Diese vermittelte den Kontakt zur Caritas in Neumünster, wo sich die Zeugin Anfang Februar über einen Rechtsanwalt an die Polizei wandte.

Die Frage nach dem Tatmotiv bleibt

Zur bislang offenen Frage nach dem Tatmotiv kann auch die Ex-Lebensgefährtin des Angeklagten nichts beitragen: „Das weiß ich nicht.“ Doch sie berichtet von Spannungen mit polnischen Landsleuten. So habe das spätere Opfer mal mit einem Begleiter vor ihrer Wohnung randaliert. „Sie riefen, dass er rauskommen soll.“

Nach dem tödlichen Schuss hätten zwei Männer ihre Haustür am Hansaring eingetreten und eine Blumenvase vor ihrer Wohnungstür zerschlagen. Zu Prozessbeginn war die Zeugin schwanger. Mit Rücksicht auf die Gesundheit von Mutter und dem inzwischen geborenen Kind schob die Kammer ihre Vernehmung auf.

Acht Tage vor ihrer Aussage ordnete das Gericht der Zeugin einen Kieler Anwalt als Rechtsbeistand bei. Dass ihm der Vorsitzende zur Vorbereitung auf den Prozess ohne Rücksprache mit der Verteidigung Aktenmaterial zur Verfügung gestellt hatte, rügten die Anwälte des Angeklagten als rechtswidrig.  

Wurde die Zeugin beeinflusst?

Strafverteidiger Uwe Maeffert (Hamburg) sprach von einer „präparierten Zeugin“, deren Aussageverhalten durch ihren Anwalt beeinflusst sei. Dies betreffe vor allem die Aushändigung der Anklage mit dem wesentlichen Ermittlungsergebnis und Protokolle früherer Vernehmungen der Zeugin.

Der Vorsitzende Jörg Brommann räumte einen Rechtsfehler ein: Er habe es unter Zeitdruck versäumt, den Anwälten rechtliches Gehör zu gewähren. Nach diesem Bekenntnis verzichtete die Verteidigung auf einen möglichen Befangenheitsantrag. Die Zeugin durfte nach rund 90-minütiger Verzögerung aussagen.

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