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Nord-Ostsee-Kanal Ehepaar aus Kiel besorgt: Ist das Schiffsruß an den Wänden?
Lokales Nord-Ostsee-Kanal Ehepaar aus Kiel besorgt: Ist das Schiffsruß an den Wänden?
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08:00 25.12.2019
Von Kristiane Backheuer
Astrid und Jens-Uwe Köllen wohnen 100 Meter Luftlinie vom Nord-Ostsee-Kanal entfernt. Auf ihre Wand hat sich über die letzten Jahre nun ein dunkler Film gelegt. Sie vermuten, dass die Schiffsabgase Schuld sind. Quelle: Frank Peter
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Kiel

Nein, der Vogel auf der Tapete wurde nicht nachträglich per Photoshop aufs Bild gebracht. Der Aufkleber fiel tatsächlich eines Tages einfach von der Wand ab und offenbarte, dass es in der Wohnung von Astrid (63) und Jens-Uwe Köllen (56) ziemlich schmutzig ist. „Das hat uns doch sehr überrascht“, sagt das Ehepaar, das vor fünf Jahren die Wohnung im Auberg in der Wik gerade frisch gestrichen hatte. Beide rauchen nicht, besitzen mehr batteriebetriebene Kerzen als echte und sind keine Fans von Räucherstäbchen.

Selbst das Taschentuch ist schwarz

„Im Sommer ist es extrem“, sagt Jens-Uwe Köllen. „Dann kommt der ganze Qualm und Ruß durch die Fenster in die Wohnung. Auf den Tapeten ist ein schwarzer Film, und an manchem Morgen ist beim Ausschnauben alles schwarz im Taschentuch.“ Beide wollten eigentlich nur einen Leserbrief zum Theodor-Heuss-Ring schreiben. „Wir glauben nicht, dass nur diese stark frequentierte Verkehrsachse von Abgasen und Schadstoffen betroffen ist“, sagt er. „Wir hier am Kanal sind es auch.“ Beide wollen sich aber nicht beschweren. Nur darauf aufmerksam machen. Sie erzählen von einem Masseur auf der anderen Seite des Kanals, der seine Wäsche nicht mehr draußen aufhängt. Sie erzählen von einer Nachbarin in ihrem Mehrfamilienhaus, die ihre Türrahmen nicht mehr sauber bekommt.

Irgendwann fiel der Vogelaufkleber einfach von der Wand und offenbarte, dass es im Wohnzimmer ziemlich schmutzig ist. Foto: Frank Peter

Seit 1998 wohnen die beiden in der 66 Quadratmeter großen Mietwohnung. „Anfangs ist uns gar nichts aufgefallen“, sagt Astrid Köllen, die als Kassiererin bei Famila in der Wik arbeitet. Aber irgendwann nahmen sie mal einen Fotorahmen vom Enkelkind ab und entdeckten die dunklen Umrisse. „Die Schiffe bunkern Treibstoff im Kanal“, sagt Jens-Uwe Köllen. „Wenn sie in den Kanal einfahren, geben sie Gas. Andere warten, bis sie durch den Kanal durchkommen. Da kommt einiges zusammen.“ Deswegen wegziehen würden sie allerdings nicht. „Dazu ist die Wohnlage einfach viel zu schön.“

Akkurate Ferndiagnose nicht möglich

Wie gefährlich ist der dunkle Film? Martin Schmidt vom Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume des Landes Schleswig-Holstein gibt Entwarnung. „Es ist unwahrscheinlich, dass die dunklen Verfärbungen in der Wohnung vom Schiffsverkehr kommen“, sagt der Pressesprecher. „Aber wir können natürlich keine akkurate Ferndiagnose stellen.“ Das Landesamt erhebe Daten, um die Einhaltung der Grenzwerte in der Außenluft zu kontrollieren. Es werden Stickoxide, Ozon und Feinstaub gemessen, nicht allerdings Ruß. „Für Ruß gibt es keinen Grenzwert in der Außenluft“, so Martin Schmidt.

Lesen Sie auch: Dicke Schiffe, dicke Luft? Die Seefahrt und ihre Abgase

Eine vergleichbare Messstelle am Nord-Ostsee-Kanal, die die Feinstaub-Belastung misst, steht in Brunsbüttel an der Cuxhavener Straße nahe der Schleuse. „Hier liegen die Jahresmittelwerte mit einem Wert von 20 Mikrogramm pro Kubikmeter unter dem vorgeschriebenen Grenzwert von 40 Mikrogramm“, so Martin Schmidt. In Kiel sei die nächste Messstation im Bremerskamp an der Uni. Hier wurden Werte von 15 Mikrogramm gemessen. „Damit gehört der Bremerskamp zu den Orten mit vergleichsweise geringer Feinstaubbelastung in Deutschland“, sagt Schmidt. Die an einem Ort auftretende Belastung hänge natürlich auch von nahen und fernen Schadstoffquellen und der Windrichtung ab. Der Auberg, in dem Astrid und Jens-Uwe Köllen wohnen, liege nicht in der Hauptwindrichtung vom NOK. Aber in der Nähe seien die Holtenauer Hochbrücke, Hafen- und Industriegebiet. „Schadstoffquellen für Ruß können alle Verbrennungsprozesse sein wie Holzverbrennung, Schiffe, Kraftfahrzeugverkehr, Dieselloks und anderes“, gibt Martin Schmidt zu bedenken.

Doch nur ein „Fogging“-Effekt?

Entwarnung kommt auch vom Bundesumweltamt, das vom „Phänomen der schwarzen Wohnungen“ in der Heizphase spricht. „Hierbei handelt es sich um graue bis schwarze schmierige Ablagerungen, die sich an Wänden, Decken und Einrichtungsgegenständen finden“, heißt es dort. Der sogenannte „Fogging“-Effekt. Verantwortlich hierfür seien Farben und Lacke, Fußbodenkleber, PVC-Bodenbeläge, Vinyltapeten, Kunststoff-Dekorplatten und Holzimitat-Paneelen. Da im Winter weniger gelüftet werde, treten diese Erscheinungen erst in der Heizperiode auf. „Eine gesundheitliche Gefährdung geht von den Schwarzstaubablagerungen nicht aus“, heißt es aus dem Bundesumweltamt.

Astrid und Jens-Uwe Köllen nehmen das mit großem Interesse auf. „Wäre schön, wenn das stimmt“, sagen sie. Zunächst aber werden sie Weihnachten feiern und dann die Wände neu streichen. Eine gesundheitliche Gefährdung geht von den Schwarzstaubablagerungen nicht aus.

Schadstoffe in der Luft sind schädlich

Dass Schiffsabgase grundsätzlich gesundheitsgefährdend sind, darauf weist Prof. Thomas Bahmer vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) hin. Der Lungen- und Asthmaspezialist hatte gerade im September ein Symposium in Berlin zum Thema „Luftschadstoffe“ besucht. „Insbesondere die aus schlecht gefilterten Abgasen stammenden Stickoxide erhöhen das Risiko für Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems und damit das Sterblichkeitsrisiko“, fasst der Mediziner eines der Ergebnisse zusammen. Luftverschmutzung ist laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) der wichtigste umweltbedingte Risikofaktor weltweit. Allein der Feinstaub-Belastung werden deutschlandweit rund 600000 verlorene Lebensjahre pro Jahr zugeschrieben. Obwohl Deutschland die Schadstoffwerte in den letzten Jahrzehnten stetig gesenkt habe, sei die gesundheitliche Bedeutung der Luftverschmutzung anhaltend hoch, so die WHO. Gesundheitsschädliche Effekte von Luftschadstoffen seien sowohl in der Allgemeinbevölkerung als auch bei Patienten mit verschiedenen Grunderkrankungen gut untersucht und belegt, so der Kieler Prof. Thomas Bahmer. Unter anderem würden die Schadstoffe Auswirkungen auf Lungenfunktion und Lungengesundheit, auf die Sterblichkeit, das Herz-Kreislauf-System, auf metabolische Prozesse und die fetale Entwicklung haben. Besonders Kinder, ältere und kranke Menschen seien gefährdete Bevölkerungsgruppen. „Primäres Ziel muss es sein, Luftschadstoffemissionen in ihrer Gesamtheit möglichst gering zu halten“, sagt der Fachmann. 

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