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Nord-Ostsee-Kanal Nord-Ostsee-Kanal erleidet Kollaps
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15:50 07.03.2013
Von Deutsche Presse-Agentur dpa
Stillstand an den Schleusentoren in Brunsbüttel. Quelle: FB
Brunsbüttel

Es ist ein GAU mit Ansage für die meistbefahrene künstliche Wasserstraße der Erde: Die Schleusen in Brunsbüttel sind derart heruntergekommen, dass nur noch kleine Frachter den Nord-Ostsee-Kanal befahren können. „Das ist ungefähr so, als dürften auf dem Frankfurter Flughafen keine Airbusse landen und auf der Autobahn zwischen Hamburg und Berlin keine Lkw fahren“, sagte Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Reinhard Meyer (SPD) am Donnerstag der Nachrichtenagentur dpa. Die Landesregierung spricht von einem Skandal. Ministerpräsident Torsten Albig (SPD) verlangte umgehend per Brief an Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) Soforthilfe vom Bund. Im Norden ist das Fiasko ein Riesen-Aufreger.

Wenn Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Anfang April zur Nationalen Maritimen Konferenz nach Kiel kommt, muss sie sich angesichts der beispiellosen Situation auf eine angespannte Stimmung gefasst machen. Der Bund sei schuld, heißt es im Norden fast unisono. Manche meinen, die Mittel zur Sanierung wären längst geflossen, läge der Kanal in Bayern. Dass aber die führende Industrienation Deutschland nicht in der Lage ist, einen so wichtigen Kanal in Schuss zu halten, entsetzt viele.

Von den zwei großen und zwei kleinen Schleusenkammern in Brunsbüttel hält — noch — eine kleine durch. Das ist ein Novum in der über 100-jährigen Kanalgeschichte, eine Überraschung ist es aber nicht. Zwar können zwei Drittel der Schiffe, die den Kanal benutzen wollen, das weiter tun. Aber es fehlen zwei Drittel der Fracht. 104 Millionen Tonnen wurden 2012 von 35 000 Frachtern auf dem 98,637 Kilometer langen Kanal befördert. Das zweitbeste Ergebnis aller Zeiten hängt mit dem Boom im Ostseeraum zusammen.

Die Schleusensanierung und der Bau einer dringend erforderlichen fünften Schleusenkammer sind längst überfällig, aber nicht in Gang gekommen. Deshalb sagten Experten das Desaster seit langem voraus. „Die Schleuse ist kurz vor dem Zusammenbruch; wir stehen vor einem GAU — für Schleswig-Holstein, Hamburg und Deutschland insgesamt“, warnte vor zwei Jahren der Ältermann der Kanal-Lotsenbrüderschaft in Kiel, Stefan Borowski. „Wir sind bestürzt und traurig über so viel Ignoranz gegenüber unseren Problemen“, sagt Borowskis Brunsbütteler Kollege Michael Hartmann, nachdem das Desaster eingetreten ist. 3500 Arbeitsplätze hängen allein in Schleswig-Holstein am Kanal.

Die volkswirtschaftlichen Schäden — der Hamburger Hafen und die Exporte aus Süddeutschland sind direkt betroffen — sind enorm. Den Schaden für die maritime Wirtschaft infolge des Stillstands bei Sanierung und Kanalausbau schätzte Minister Meyer auf 200 Millionen Euro — das war vor der aktuellen Sperrung. Ein Drittel des Hamburger Umschlags für den baltischen Raum geht über die „nasse Autobahn“. Wenn alles läuft, kann eine der beiden großen Kammern in zwei Wochen wieder große Pötte schleusen. Bis dahin müssen sie 460 Kilometer weiter um Skagen herum — das kostet mindestens zehn Fahrtstunden mehr, erhöht den Treibstoffverbrauch und belastet die Umwelt.

Die Schleusenmodernisierung und die Begradigung des Kanals wird eine Menge Geld kosten, aber nicht einmal ein Fünftel von „Stuttgart 21“: Der Neubau der fünften Schleusenkammer in Brunsbüttel kostet rund 360 Millionen Euro. Weitere 590 Millionen Euro kommen für die Sanierung der beiden großen Schleusen sowie die vier Kammern in Kiel hinzu. Weitere 300 Millionen Euro sind für die notwendige Verbreiterung der sogenannten Oststrecke sowie die Vertiefung um einen auf zwölf Meter nötig. Macht insgesamt 1,25 Milliarden Euro.

„Der Super-GAU, vor dem wir immer gewarnt haben, ist da“, sagt der Vorsitzende des Nautischen Vereins Kiel, Jürgen Rohweder. Seine Prognose von vor zwei Jahren „Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern viertel nach“, ist zu seinem Entsetzen eingetreten. „Ramsauer hat durch seine Untätigkeit die Existenz des Kanals aufs Spiel gesetzt.“

Viel Hoffnung aus Berlin kam am Donnerstag nicht: „Diesen Zustand werden wir in den kommenden sieben Jahren leider häufiger erleben“, kündigte der Parlamentarische Staatssekretär Enak Ferlemann an. Bis dahin soll die neue Schleusenkammer fertig sein. Für manche im Norden wirkte das wie eine Provokation. Wegen des Schleusen-Infarkts könnten Reedereien zunehmend überlegen, ihre großen Schiffe um Skagen in Nordjütland herum in die Ostsee nach Danzig, Helsinki und St. Petersburg zu beordern oder die Container in Rotterdam statt Hamburg auf kleinere Feederschiffe (to feed: füttern, versorgen) umzuladen. Das würde den Hamburger Hafen empfindlich treffen.

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