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Ostholstein Mutter hortete gefährliche Arzneien
Lokales Ostholstein Mutter hortete gefährliche Arzneien
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18:44 18.09.2019
Die vierfache Mutter, die wegen Misshandlung angeklagt ist, geht zum Saal 315 am Landgericht Lübeck.
Die vierfache Mutter, die wegen Misshandlung angeklagt ist, geht zum Saal 315 am Landgericht Lübeck. Quelle: Rainer Jensen/dpa
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Lübeck

Die Mutter, die ihren Kindern schwere Krankheiten angedichtet haben soll, hat offenbar eine erhebliche kriminelle Energie entwickelt. So berichtete eine Amtsärztin des Kreises Ostholstein am Mittwoch von Medikamenten im Wert von mehr als einer Million Euro, die die Angeklagte im Keller ihres Hauses hortete. Andere Zeuginnen berichteten von ungerechtfertigten Zahlungen wegen sogenannter Verhinderungspflege, die die Angeklagte kassiert habe. Die 49-Jährige muss sich seit August wegen der Misshandlung von Schutzbefohlenen und gewerbsmäßigem Betrug vor dem Landgericht Lübeckverantworten.

„Bei jedem Treffen kam die Mutter mit einer anderen schweren Erkrankung, an der ihre Kinder angeblich litten“, sagte die 56 Jahre alte Leiterin des Jugendärztlichen Dienstes des Kreises. Zusätzlich zur Bluterkrankheit, der Glasknochenkrankheit, Rheuma und Asthma sollte einer der Söhne auch an der chronischen Darmentzündung Morbus Crohn und an Autismus leiden, sagte die Zeugin am Mittwoch. Tatsächlich litten die Kinder nach Aussagen von Gutachtern an keiner dieser Krankheiten.

Arzt hatte sich auf Angaben der Mutter verlassen 

Ein Arzt aus Isernhagen bei Hannover berichtete, bei mindestens einem der fünf Kinder habe eine leichte Störung der Blutgerinnung vorgelegen. „Da die Mutter der Kinder berichtete, ihre Kinder litten auch an der Glasknochenkrankheit, habe ich ihnen zur vorbeugenden Behandlung das Medikament „Wilate“ verordnet“, sagte der Mediziner. Bei der Diagnose der Glasknochenkrankheit habe er sich weitgehend auf die Angaben der Mutter verlassen, räumte er auf Nachfrage des Gerichts ein.

Eine Einheit dieses Präparats kostete nach Angaben des Zeugen 1000 Euro. Bei einer Durchsuchung im Haus der Angeklagten seien große Mengen dieses Medikaments gefunden worden, sagte Staatsanwältin Renate Hansen. Insgesamt wurden bei der Durchsuchung Medikamente im Wert von mehr als einer Million Euro gefunden.

„Die waren durch unsachgemäße Lagerung teilweise verdorben und gefährlich für die Kinder“, sagte die Amtsärztin. „Die Mutter forderte immer ein Maximum an Therapie und Betreuung, auf Alternativvorschläge ging sie nicht ein.“ 

Was sind die Motive der Mutter?

Die Motive der Mutter sind nach wie vor unklar. Neben dem Wunsch nach Anerkennung - sie ließ sich in verschiedenen TV-Talkshows als Supermutter feiern - scheint es ihr auch ums Geld gegangen zu sein. Zwei Mütter behinderter Kinder sagten aus, die Angeklagte habe für sie Anträge auf Verhinderungspflege gestellt. „Als Grund meiner Abwesenheit gab sei eine Fortbildung an, was aber gar nicht stimmte“, sagte eine der Zeuginnen. Ihre Bedenken habe die Angeklagte mit dem Hinweis zerstreut, diese Leistung stehe ihr schließlich zu, sagte die Zeugin weiter aus. Das Geld - insgesamt mehr als 9600 Euro - ging zum größten Teil auf das Konto der Angeklagten.

Der Prozess wird in der nächsten Woche fortgesetzt, ein Urteil wird im November erwartet.

Von RND/dpa

Julia Carstens 17.09.2019
KN-online (Kieler Nachrichten) 16.09.2019