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Plön Eine Frau am Ende des Weges
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09:29 23.11.2019
Von Sibylle Haberstumpf
"Gutes tun im Advent" für Hospizverein Preetz: Hospizhelferin Jann Chistlein im Dialog mit einer Patientin. Quelle: Ulf Dahl
Preetz

Krebs seit 2013. In der Schulter, an der Halswirbelsäule. Schmerzen, Operationen, drei Chemotherapien und Bestrahlung. Nun ist es genug. „Der Krebs geht nicht weg. Noch eine Chemo, das habe ich abgelehnt“, sagt die 78-Jährige, die in einem Ort bei Preetz lebt und die wir Anna Wagner nennen.

Es ist nicht ihr richtiger Name, sie möchte in der Anonymität bleiben. Ihr rechter Arm ist taub. Am linken trägt sie eine Gehstütze. Lächelt aber. Streckt uns freundlich den Zeigefinger zur Begrüßung entgegen. Wir sitzen bei Anna Wagner im Wohnzimmer, der Blick geht auf ein Waldstück. Seit 1970 wohnt sie hier.

„Ja, ich denke an den Tod“

Und wir reden. Dass sie schwerst krank ist, ist kein Geheimnis. Wie lange wird sie noch leben? „Die Ärzte können es nicht sagen.“ Die Schmerzen sind ihr weitgehend genommen, medikamentös sei sie gut eingestellt, sagt sie. Und: „Ja, ich denke an den Tod. Aber das überwiegt nicht.“ Warum sollte es auch? Sie hat anderes zu tun.

Spazieren gehen und reden mit Janne Christlein zum Beispiel. Die 55-Jährige kommt ein- bis zweimal pro Woche. „Wir laufen durch den Wald und reden über alles. Es geht um Reisen, Politik, Kinder, Enkel, Landwirtschaft. Das macht Spaß“, sagt Anna Wagner.

Janne Christlein ist ehrenamtliche Hospizbegleiterin. Sie arbeitet freiberuflich als Übersetzerin, ist leidenschaftliche Hobby-Jägerin mit Hund, Mutter von Teenager-Zwillingen – und ihre Herangehensweise an das Thema Sterben ist, wie sie selbst sagt, pragmatisch. „Je normaler man damit umgeht, desto besser. Klar, keiner spricht gern darüber. Aber wenn uns allen eines blüht, dann ist es ja wohl der Tod.“

Hospizbegleitung ist nicht konfessionell gebunden

Im Hospizverein Preetz hat sich Christlein zur ehrenamtlichen Hospizhelferin ausbilden lassen. Geräte oder Medikamente bringt sie keine mit, wenn sie Anna Wagner besucht. „Unser Beistand ist rein auf der emotionalen Ebene“, erklärt sie. Eine Bibel bringt Christlein auch nicht mit. Nein, beim Hospizverein müsse man nicht nachweisen, dass man ein guter Christ sei.

Hospizbegleitung ist nicht konfessionell gebunden. Und sie ist sehr unterschiedlich, weil auch die Bedürfnisse der Patienten individuell sind. Christlein räumt ein: Manch andere Begleiterin – fast alle in der Preetzer Hospizarbeit sind weiblich – gehe die Sache vielleicht spiritueller an. Aber, sagt die 55-Jährige und lacht: „Wenn ich versuchen würde, einen auf fromm zu machen – das ginge schief!“

„Ich empfinde die Beschäftigung mit dem Thema als befreiend“

Für Anna Wagner ist das genau richtig. Die beiden Frauen reden viel und vertraut. „Wir hatten sofort einen guten Draht zueinander“, sagt Christlein. Beide haben auch die gleichen Ansichten. So vieles, was mit Krankheit, Alter und dem Sterben zu tun habe, sei unnötig mit einem Tabu behaftet. Aus ihrer Sicht sollte das anders sein – und war es früher auch, erinnert sich Anna Wagner.

„Ich bin auf dem Land groß geworden, meine Eltern hatten einen Bauernhof. Irgendwann ist das Leben halt vorbei.“ Christlein ergänzt: „Ich empfinde die Beschäftigung mit dem Thema als befreiend.“ Oft wundert sie sich, „welche Schwierigkeiten Menschen haben, auf Schwerkranke zuzugehen“. Die Normalität bleibe oft auf der Strecke.

Sie habe es schon erlebt, dass Bekannte lieber minutenlang in ihrem Auto sitzen blieben, nur um den Kontakt zu vermeiden. „Ich glaube manchmal, die Leute haben Angst, sich anzustecken, selbst wenn sie wissen, dass man keine ansteckende Krankheit hat“, meint Anna Wagner dazu. Die meisten seien schlichtweg unsicher – „aber daran kann man arbeiten“, sagt Hospizhelferin Christlein.

Besuche in der Wohnung der Patienten, in den Alten- und Pflegeheimen und in der Klinik Preetz

„Man sollte sich fragen: Was würde ich denn wollen, wenn ich so krank wäre?“, sagt sie und gibt selbst die Antwort: Man sollte die Menschen so behandeln wie immer, nicht verkrampfen, nicht anders mit ihnen sprechen als sonst.“ Viele fühlten sich im Umgang mit Todkranken hilflos und unwohl. „Aber diese Situationen muss man auch mal aushalten.“

Anna Wagners Schwiegertochter hatte sich vor einigen Monaten an den Preetzer Hospizverein gewandt. Zurzeit betreuen von hier aus etwa 50 Hospizbegleiter pro Jahr rund 100 Menschen – Tendenz steigend.

Die Begleitung konzentriert sich auf Besuche in der Wohnung der Patienten, in den Alten- und Pflegeheimen und in der Klinik Preetz. Es gibt einen Trauerstammtisch, Trauersprechstunden und sogar regelmäßige Wanderungen für Trauernde.

Janne Christlein bekommt von Freunden manchmal zu hören: „Hättest dir ja auch ein lustigeres Hobby suchen können.“ Aber es ist ja nicht nur ein Hobby, sagt sie. Sondern? „Es ist eine schöne, bereichernde Sache.“ Sie weiß, es ist ein Weg auf Zeit, den sie gemeinsam mit Anna Wagner geht. „Aber ich hoffe, er dauert noch lange.“

Spendenaktion "Gutes tun im Advent" von "KN hilft": So können Sie helfen

Der Verein „KN hilft“ sammelt Spenden für die Hospizarbeit in den Kreisen Rendsburg-Eckernförde, Plön, Segeberg sowie in den Städten Kiel und Neumünster. Ein Spendenkonto bei der Förde Sparkasse ist eingerichtet. Unter dem Stichwort „Gutes tun im Advent“ können Sie spenden auf das Konto DE05 2105 0170 1400 2620 00. Möchten Sie nicht, dass Kieler Nachrichten oder Segeberger Zeitung Sie als Spender erwähnen, so schreiben Sie bitte hinter den Verwendungszweck den Hinweis „kein Name“. Spenden können Sie bis zum Ende des Jahres. Zusätzlich unterstützen die Kieler Nachrichten die Sammelaktion: Von jeder Ausgabe, die der Verlag am 21. Dezember im Einzelhandel verkauft, fließen 20 Cent direkt auf das Spendenkonto. Außerdem geht der Gewinn aus dem Verkauf der KN-Adventskalender-Lose an den Hospizverband. Der Verband wird das Geld an Einrichtungen und Vereine im Verbreitungsgebiet von Kieler Nachrichten und Segeberger Zeitung weiterleiten.

Lesen Sie alle Beiträge über die Spendenaktion "Gutes tun im Advent" zugunsten der Hospizarbeit.

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