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Plön Heikendorferin kämpft um einen Rollstuhl
Lokales Plön Heikendorferin kämpft um einen Rollstuhl
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16:32 24.04.2018
Von Merle Schaack
Alice Hagemann hat von ihrer Krankenkasse einen Rollstuhl bekommen, mit dem sie in ihrer Wohnung in einer betreuten Wohneinrichtung in Heikendorf nicht klarkommt. Eine Sachbearbeiterin riet ihr, umzuziehen. Quelle: Merle Schaack
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Heikendorf

Ihre Wohnung in der Anlage für Betreutes Wohnen hat Alice Hagemann aufwendig dekoriert. „Man will es sich ja nett machen“ sagt sie. Seit Jahren ist sie zu 100 Prozent schwerbehindert. Verpfuschte Operationen – die erste davon nach einem Bandscheibenleiden im Alter von 20 Jahren – hätten dafür gesorgt. Ein Bein kann sie nicht mehr bewegen. Seit einer Krebserkrankung hat sie außerdem einen Tremor in beiden Armen und Händen, die dadurch unkontrollierbar zittern.

Aber Alice Hagemann hat sich arrangiert. Möglichst viel versucht sie selbst zu regeln. Dafür bräuchte sie jedoch zwei Rollstühle: Einen wendigen für ihre Wohnung und einen elektrischen, mit dem sie selbstständig ins rund zwei Kilometer entfernte Ortszentrum fahren und Arzttermine wahrnehmen kann.

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Als ein Rollstuhl kaputt ging, gab es keinen Ersatz

Drei Jahre lang hatte sie das. Allerdings nur, weil ihre Krankenkasse, die AOK Bremen, versäumt hatte, den alten Rollstuhl wieder mitzunehmen, als sie den elektrischen bekam. Erst als ihr Zimmerrollstuhl kaputt ging und Hagemann einen neuen beantragte, erfuhr sie, dass ihr nur einer zustehe.

Das Problem: Der elektrische Rollstuhl, ein gebrauchtes Modell, ist zu groß für ihre Wohnung. Wenn sie damit in die Küche fährt, gehen die Schranktüren nicht mehr auf. Steht er im Bad, ist nicht genug Platz für die Mitarbeiter des Pflegedienstes, auf deren Hilfe sie angewiesen ist.

Mit dem Zimmerrollstuhl hingegen könnte sie ohne fremde Hilfe nicht mehr die Wohnung verlassen, müsste immer ein Behindertentaxi rufen. „Ohne Fahrtkosten sind das allein zwölf Euro zusätzlich für die Rampe“, sagt Sibylle Berghammer, die das BIG Seniorendomizil leitet. Die könnte Hagemann von ihrer Frührente jedoch kaum bezahlen. „Ein bisschen Mobilität muss einem doch zugestanden werden“, findet sie und kritisiert die Krankenkasse. „Ich fordere ja nicht zwei Rollstühle, um Blumen reinzustellen.“

Empfohlener Umzug zu teuer

Nach einer Reihe von Telefonaten und Auseinandersetzungen mit verschiedenen Sachbearbeitern der Krankenkasse sowie Verzögerungen durch bei der AOK verschwundene Anträge bekam Alice Hagemann – so erzählt sie es – am Telefon zu hören, sie müsse sich halt eine neue Wohnung suchen oder sich besser organisieren, wenn sie mit ihrem elektrischen Rollstuhl in ihrer jetzigen nicht klarkäme. Ansonsten könne sie ja auch klagen.

Aussagen, die sie als Frechheit empfindet. „Man hat das Gefühl, die Leute, die da entscheiden, machen sich gar keine Vorstellung davon, wie mein Alltag aussieht“, sagt sie. Sie sei ja „nicht gerade feinmotorisch unterwegs“ und eine Wohnung mit ausreichend Platz für ihren derzeitigen Elektro-Rollstuhl sei für sie unbezahlbar. Um zu klagen fehle ihr die Energie. „Als schmerzkranker Mensch ist der Alltag schon eine Herausforderung. Manchmal ist man froh, einfach den Tag rumgebracht zu haben.“

Keine Leistungspflicht laut Gerichtsurteil

Die AOK verweist auf ein Urteil des Bundessozialgerichtes. Es besagt, dass für Krankenkassen keine Leistungspflicht für einen dauerhaft behinderten Versicherten allein wegen der Besonderheiten seiner individuellen Wohnverhältnisse besteht. „Das ist leider alles, was wir tun können“, sagt ein Sprecher der AOK Bremen. Für einen zweiten Rollstuhl sei das Amt für soziale Dienste zuständig. „Wir helfen Frau Hagemann gerne, dort einen Antrag zu stellen.“

Eine Aussage, über die Sibylle Berghammer nur müde lächeln kann. Längst hat sie es dort versucht. „Aber die zahlen nur, was die Krankenkasse auch zahlen würde“, sagt sie. Hagemann bleibt also nur zu sparen, damit sie in ihrer Wohnung bleiben kann. Oder darauf zu hoffen, dass sich ein großzügiger Spender findet.

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