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Plön Hanna Kempfert übersetzt Rezeptbuch
Lokales Plön Hanna Kempfert übersetzt Rezeptbuch
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06:00 20.07.2019
Von Astrid Schmidt
Hanna Kempfert muss sich konzentrieren, um die alten Rezepte aus der Deutschen Kurrentschrift zu übertragen. Selbst die Fachfrau in Sachen Schriften kommt bei manchen Worten ins Grübeln. Quelle: Astrid Schmidt
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Schönberg

Hanna Kempfert ist eine gebürtige Probsteierin und seit Generationen mit der Geschichte der Region verwurzelt. Es ist in Schönberg allgemein bekannt: Die Frau weiß vieles über die Sitten und Bräuche der Probstei und hat eine Vorliebe für alles, was alt und traditionell ist. Als Kempfert im Auftrage ihrer Enkeltochter Clara, die die Probstei-Liebe ihrer Oma geerbt hatte, für eine Geografie-Arbeit über die Probsteier Korntage mit Hagelstein sprach, kam ihm die Idee: Der Bäckermeister, den sein Imagefilm bekannt gemacht hatte, fragte die 78-Jährige, ob sie nicht das von früheren Bäckergenerationen vererbte Backbuch der Familie übersetzen könnte. „Das Buch ist in Sütterlin geschrieben oder sowas, das kann keiner von uns lesen“, meinte er.

 Rezepte sind in deutscher Kurrentschrift geschrieben

Das ließ sich die Probstei-Kennerin nicht zweimal sagen. Doch mit einem Blick auf die eng beschriebenen und schon sehr vergilbten Seiten des Büchleins wusste sie sofort: „Das ist kein Sütterlin, das ist deutsche Kurrentschrift." Bereits ihre Großtante und ihre Großmutter hatten ihr früher in dieser „schönen Schrift“ Postkarten geschrieben, die sie zu entziffern versuchte. Das war für sie damals schon in jungen Jahren Ansporn, sich mit diesen Schriften näher zu beschäftigen. „Ich musste doch wissen, was in meiner Post steht“, erzählt sie. Später nutzte sie ihre Kenntnisse und ihre Vorliebe für Überliefertes für ihre Arbeit im Probstei-Museum, dessen Vorsitzende sie von 2000 bis 2010 war. Allerdings, so räumt sie ein, fordert sie dieses Backbuch aus dem Hagelsteinschen Besitz kräftig heraus.

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Von "Sanitätszwieback" spricht heute keiner mehr

„Man muss sich erst einmal einlesen und sich äußerst konzentrieren“, erklärt die Seniorin. Kaum länger als eine Stunde am Stück kann sie daran arbeiten. „Dann braucht man eine Pause“, meint sie. An manchem Wort tüftelt sie. Am schlimmsten ist das E“, meint sie. Außerdem sind Ausdruck und Satzbau des Niedergeschriebenen ebenso veraltet wie die Schrift selbst. „Viele Ausdrücke kennt man heute gar nicht mehr“, erklärte sie. So ist die Rede von Canehl statt von Zimt. Man „koche weißen Hutzucker zum starken Faden" oder auch der Ausdruck „Sanitätszwieback“ wirkt heute eher befremdlich.

„Wenn man die Rezepte und Empfehlungen liest, dann merkt man erst, was die Technik der heutigen Hausfrau für Erleichterungen bringt“, meint Kempfert. Allein schon die Zubereitung von Stachelbeermus nach dem Hagelsteinschen Buch dauerte mehrere Tage und war mit sehr viel Aufwand verbunden, wie Kempfert herausgefunden hatte. Sie entziffert Rezepte für die Fritz-Reuter-Torte, Apfelsinencreme, für Marmeladen und Glasuren. Der Inhalt begeistert sie selbst immer wieder.

Doch zum reinen Übertragen von Kurrentschrift in unsere heutige Schreibschrift kommt eine weitere Herausforderung. „Ich will das auch alles auf Computer bringen“, kündigte sie an. Dafür will sie nun erst einmal etwas Nachhilfe in PC-Bedienung nehmen, doch der Ehrgeiz treibt sie an. „Der Bäcker soll das auch richtig verwenden können, da ist es auf dem PC schon besser“, so Kempfert.

Bilder zur Übersetzungsarbeit von Hanna Kempfert.
Silke Rönnau 19.07.2019
Hans-Jürgen Schekahn 19.07.2019
Silke Rönnau 19.07.2019