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Plön Klimaschutz - aber nicht zu jedem Preis
Lokales Plön Klimaschutz - aber nicht zu jedem Preis
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06:31 22.07.2019
Von Sibylle Haberstumpf
Jens Wiesemann (50) ist seit 2017 Geschäftsführer der Stadtwerke Schwentinental. Quelle: Sibylle Haberstumpf
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Schwentinental

Immer wieder steht besonders ein Unternehmen in Fokus der Stadtpolitik: die Stadtwerke Schwentinental, eine hundertprozentige Tochter der Stadt. Ihr Jahresumsatz beträgt 13,1 Millionen Euro, 33 Mitarbeiter gibt es. Geschäftsführer Jens Wiesemann, 50, ist seit dem 1. März 2017 im Amt.Die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hatte den Stadtwerken zuletzt abgesprochen, zukunftsfähig aufgestellt zu sein und forderten, das Unternehmen solle die Nutzbarmachung regenerativer Energien ausdrücklich in seinen Gesellschaftsvertrag schreiben. Mit Jens Wiesemann sprach KN-Redakteurin Sibylle Haberstumpf.

Herr Wiesemann, beziehen Sie privat eigentlich Ökostrom?

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Jens Wiesemann: Ja, schon seit gut zehn Jahren.

Und wie viele Kunden Ihrer Stadtwerke setzen auf Ökostrom?

Eigentlich alle! Unsere rund 5500 Haushaltskunden beliefern wir alle mit Ökostrom aus 100 Prozent erneuerbaren und regenerativen Energien. Die einzige Ausnahme sind wenige Gewerbekunden, die einen anderen, noch günstigeren Strommix beziehen – für sie ist der Preis das wichtigste Argument. Sowohl unser Ökostrom als auch unser Ökogas sind übrigens TÜV-zertifiziert.

Welche Projekte in Sachen Klimaschutz und Nachhaltigkeit setzen Sie derzeit um?

Als Anlagenbetreiber speisen wir erneuerbare Energien hier in Schwentinental ein. Uns gehören sieben Photovoltaik-Anlagen in der Stadt, damit erzeugen wir jedes Jahr circa 140.000 bis 150.000 Kilowattstunden Strom. Dazu kommen 80 Anlagen von Privatbetreibern.

Sind Sie damit zufrieden?

Es ist sicherlich ausbaufähig. Wir schauen, wo wir noch andere Photovoltaikanlage installieren können. Es muss aber von der Lage her passen; überall können Sie eine solche Anlage nicht aufstellen. Vielleicht klappt es am Freibad, das prüfen wir gerade. Dort werden wir übrigens, im Zuge der Sanierung des Bades bis 2021, einen weiteren großen Beitrag zum Klimaschutz leisten: Wir leiten das Spülabwasser aus dem Freibad künftig nicht mehr über das Schmutzwasser nach Kiel ab, wo es sehr aufwändig gefiltert und wieder zurückgebracht werden muss, sondern speisen es durch moderne Umwelttechnik direkt gefiltert in die Schwentine ein. Das ist nachhaltig und zudem sparen wir Abwasserkosten.

Welche Maßnahmen gibt es noch?

Wir bauen an der Jahnstraße am Freibad ein neues Blockheizkraftwerk (BHKW). Anders als sein Vorgänger ist es ein Hocheffizienz-BHKW. Wir werden hier deutlich weniger Erdgas verbrauchen, um Wärme zu erzeugen, und können deutlich mehr Strom damit produzieren. Der CO2-Ausstoß wird dort also auch deutlich geringer. Als nächstes Projekt werden wir die alte Gasheizung im Feuerwehrgerätehaus in der Bahnhofstraße entfernen und dort ein BHKW bauen. An die Wärme werden wir die Feuerwehr anschließen. Aber wir werden auch Kunden aus den umliegenden Straßen umstellen, die zurzeit noch Öl oder Gas als fossile Heizquelle haben. Auch das wird zu einer deutlichen CO2-Einsparung führen. Mit dem Bau werden wir im Oktober beginnen.

Sie beheizen das Blockheizkraftwerk mit Ihrem Erdgas statt mit typischen erneuerbaren Energien wie beispielsweise Holzpellets…

Weil wir erst prüfen müssen, ob das zu realisieren ist. Für einen BHKW-Betrieb in dieser Größenordnung müssten zum Beispiel sehr viele Pellets gelagert werden, die brauchen Platz. Um die CO2-Einsparung zu gewährleisten, müssten sie aus der Region, im Idealfall von der Stadt, kommen. Wir könnten es – als Projekt – ohne die Erdgas-Einspeisung machen. Aber dann muss allen Beteiligten klar sein, dass wir daran wenig bis gar nichts verdienen würden.

Werden Sie regenerative Energien wie Photovoltaik oder Erdwärme ausbauen?

Ja. Es ist unstrittig, dass wir für den Klimaschutz etwas machen müssen. Wir können es aber nicht zu jedem Preis. Der Ausbau muss im Verhältnis stehen. Dort, wo es tragfähig ist, machen wir es.

Es gibt seit dem Frühjahr eine kostenlose E-Tankstelle im Ostseepark. Was kommt in Sachen E-Mobilität noch?

Dieses Jahr sind zwei weitere E-Ladesäulen geplant. Eine barrierefreie auf unserem Stadtwerke-Gelände am Seebrooksberg und eine im Gewerbegebiet. Der genaue Standort ist noch nicht klar. Die Ladesäule im Ostseepark wird übrigens stark genutzt, das wissen wir aus wöchentlichen Berichten. Dahinter steht ein Konzept: Wir kooperieren mit den Stadtwerken Kiel unter dem Namen ‚stromfahrer.de‘. Dafür gibt es eine kostenlose App. Man braucht sich nur einmal zu registrieren und kann dann alle E-Tankstellen regionsübergreifend nutzen, die da aufgelistet sind. Zum Beispiel kann man sich unsere E-Ladesäule darüber auch online reservieren.

Was sind die Vorzüge Ihrer Stadtwerke?

Wir sind ein zu 100 Prozent kommunaler Anbieter. Viele Leistungen und viel Geld bleiben dadurch hier in der Region. Jedes Jahr sind das circa 2,2 Millionen Euro. Das kommt der Stadt zugute durch Gewerbesteuer, durch Konzessionsabgaben, und den örtlichen Unternehmen durch Aufträge. Wir tragen im Rahmen der Daseinsvorsorge auch den jährlichen Freibad-Verlust, durchschnittlich beträgt dieses Minus pro Jahr etwa 275.000 Euro. Außerdem machen wir unheimlich viel Sponsoring, unterstützen Vereine und Institutionen in Schwentinental im fünfstelligen Bereich. Das könnten wir nicht, wenn wir wie andere Unternehmen etwa eine Mehrheitsbeteiligung hätten und die Gewinne abfließen würden.

Trotzdem bekommen Sie auch Gegenwind. Die Grünen in der Schwentinentaler Stadtvertretung kritisieren die Stadtwerke kontinuierlich. Zum Beispiel stellten sie im Juni öffentlich infrage, dass die Stadtwerke zukunftsfähig aufgestellt seien. Auch forderten sie in einem Antrag, dass Sie die Nutzbarmachung regenerativer Energien ausdrücklich in Ihr Programm schreiben sollten. Stört Sie so etwas?

Ja, das stört mich. Wir tun aus meiner Sicht das absolut Mögliche. Noch klimafreundlicher kann man kaum sein. Um den Antrag der Grünen aufzugreifen: Darin sollte der Klimaschutz über allem stehen. Das heißt, wir müssten immer in erneuerbare Energien investieren, egal ob es wirtschaftlich wäre oder nicht. Das machen wir vielleicht fünf Jahre so – und dann gibt es die Stadtwerke nicht mehr, weil sie kein Geld mehr haben. Denn ich glaube nicht, dass die Stadt das dauerhaft nachschießen kann. Grundsätzlich müsste die Politik also erst mal klären: Wer ist bereit, die Mehrkosten zu tragen? Die würden nämlich definitiv anfallen.

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