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10:41 21.01.2020
Von Hans-Jürgen Schekahn
So könnte das Barackenlager im Konzentrationslager Hohwacht, ein Außenkommando des KZ Neuengamme, 1945 ausgesehen haben.
So könnte das Barackenlager im Konzentrationslager Hohwacht, ein Außenkommando des KZ Neuengamme, 1945 ausgesehen haben. Quelle: Repro Peter Braune/Archiv
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Hohwacht

Die Baracken des Lagers dienten zunächst der Wehrmacht, die hier Soldaten an der Flak ausbilden ließ. Dann geriet das Gelände, das sich damals im Besitz der Stadt Lütjenburg befand, in den Blick der Rüstungsindustrie und der Nazi-Führung. Die Kieler Firma Anschütz produzierte spezielle Kreiselkompasse für Schiffe und Flugzeuge, die auch in der berüchtigten V2-Rakete zum Einsatz kamen. Alliierte Bomber zerstörten die Anschütz-Fabrikhallen im Spätsommer 1944. Fast gleichzeitig trafen Bomben Werkstätten auf dem Gelände des Konzentrationslagers Buchenwald, wo KZ-Häftlingen ebenfalls Kreiselkompasse montierten.

Eintreffen der KZ-Häftlinge am Lütjenburger Bahnhof

Es war ein spezielles Kommando von 200 Gefangenen, die die SS aus verschiedenen anderen Lagern nach Buchenwald geholt hatte. Es waren ausgesuchte Techniker und Ingenieure aus einem Dutzend verschiedener Länder, die in Konzentrationslagern gelandet waren. Nach einem Zwischenaufenthalt im KZ Neuengamme stiegen sie im August 1944 am Lütjenburger Bahnhof aus und marschierten mit ihren Wachen – ältere Wehrmachtssoldaten, die zur SS abkommandiert waren – nach Hohwacht. Schon im Januar 1945 lief die Produktion der Kreiselkompasse an der Ostsee an. 

Ende April räumte die SS das Lager

Die Gefangenen arbeiteten und lebten auf dem neun Hektar großen, mit Stacheldraht umzäunten Areal. Sie teilten sich die Schlafbaracken vermutlich mit rund 300 Zwangsarbeitern. Ende April räumte die SS das Lager vor den vorrückenden britischen Einheiten. Die KZ-Häftlinge mussten zunächst nach Rathmannsdorf am Nord-Ostsee-Kanal marschieren, später weiter nach Kiel. Hier setzten sich ihre Bewacher ab. Die Häftlinge gingen nun in Richtung Hamburg und Neumünster, bis sie auf britische Truppen stießen. Wie viele Menschen in Hohwacht damals ihr Leben verloren haben, ist nicht bekannt.

Letzte Baracke 1967 abgerissen

In der Nachkriegszeit dienten die Baracken verschiedenen Zwecken. Unter anderem gab es eine Produktionsstätte für Lederknöpfe. Das letzte Gebäude wurde 1967 abgerissen. Es existiert noch ein Straßenstück aus Lagerzeiten, das heute Ringstraße heißt. Sie besteht aus Betonplatten und liegt in einem Wohngebiet. Auf ihr mussten die Gefangenen zum Appell eintreten. Seit 2003 sind die Reste des Platzes als Kulturdenkmal eingestuft. 

Lagertor stand etwa an der Stelle der heutigen St.-Jürgen-Kirche

Auf dem Gelände des Lagers stehen heute neben vielen Einfamilienhäusern Hotels, die Gemeindeverwaltung, die Feuerwehr und die Tourist-Info. An der Stelle der St.-Jürgen-Kirche lag einst das Tor zum Lager. 

Namen der KZ-Insassen und der Zwangsarbeiter bekannt

Man kennt die Namen fast aller KZ-Insassen von Hohwacht. Historiker entdeckten die Namen von 190 Gefangenen des Außenkommandos im National Archive in Washington. Auch die Identitäten der Zwangsarbeiter sind bekannt. Angaben zu ihnen tauchten im Gemeindearchiv wieder auf.

Bernd Romig hielt die Erinnerung wach

Die Geschichte des Lagers in Hohwacht drohte wie so vieles aus der Nazi-Zeit verdrängt zu werden. Dagegen stemmte sich einer. 1985 begann der ehemalige Kapitän Bernd Romig zu forschen und die Ergebnisse öffentlich zu machen. Auch gegen Widerstände in Hohwacht. Seinem unermüdlichen Einsatz ist es zu verdanken, dass die Gemeinde 1999 im Kurpark einen Gedenkstein aufstellte, der an die Gefangenen erinnert. Romig starb 2010.

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