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Rendsburg Begeisterter Empfang für die Bahn
Lokales Rendsburg Begeisterter Empfang für die Bahn
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18:20 04.01.2015
Von Heike Stüben
 Die Feiernden in Bredenbek konnte Lokführer Andreas Staal schon von weitem gut erkennen. Quelle: Sven Janssen
Rendsburg/Kiel

Der Anruf von der Bahn kam am Sonntag um halb sieben und Andreas Staal war sofort hellwach. Der Lokführer, der eigentlich den Premierenzug steuern sollte, war erkrankt. Ob Andreas Staal einspringen könne? „Was für eine Frage! Natürlich ist das etwas Besonderes, eine neue Bahnlinie zu eröffnen“, erzählt Staal, als er um halb elf auf dem Bahnhof Rendsburg erst einmal ein Foto von seinem Premierenarbeitsplatz mit der Fahrzeugnummer 648952 macht. Auf dem Bahnsteig drängen bereits die Fahrgäste in die beiden Triebwagen. Mitten drin: Drei Familienväter mit ihren fünf Kindern aus Bredenbek und Bovenau. „Wir werden endlich an die Welt angeschlossen“, freut sich Stefan Arndt. Er ist in der Nähe des Bahnhofs in Bredenbek-Kronsburg großgeworden und hat miterlebt, wie der Ort dort 1980 vom Zugverkehr abgehängt wurde. Jetzt, sagt er, werde die Fehlentscheidung endlich revidiert. „Wir profitieren alle von der neuen Linie, weil unsere Kinder jetzt morgens eine halbe Stunde später los müssen zur Schule. Das entspannt die Lage in den Familien“, sagt auch Reiner Wallus.

Dass es jetzt neben der schnellen Verbindung – 31 Minuten von Rendsburg nach Kiel – nun auch noch eine 42-minütige Verbingung mit sieben Haltepunkten gibt, soll aber vor allem den Berufspendlern zugute kommen. Umsteigen vom Auto auf die Bahn? Das war auf der Eröffnungsfahrt zwar Thema, doch festlegen wollte sich kaum jemand. „Ich arbeite in Kiel-Wellsee, müsste also am Bahnhof in den Bus. Das lohnt sich zeitmäßig erst, wenn es eine Stadtregionalbahn geben würde“, meinte etwa Dirk Stehen aus Bovenau. Für Sven Putzke aus Schacht-Audorf wäre die Bahn durchaus eine Alternative. „Voraussetzung ist aber, dass der Fahrplan mit meinen wechselnden Arbeitszeiten kompatibel ist“, sagt der Familienvater, der bei der Berufsfeuerwehr in Kiel arbeitet.

Dass sich Gewohnheiten wie das Autofahren nicht von heute auf morgen ändern, weiß auch Berhard Wewers, Geschäftsführer der NAH.SH. „Von der Bahnlinie Segeberg-Neumünster wissen wir, dass das ein, zwei Jahre dauert, aber dann übertrifft die Nutzung unsere Prognosen.“ Bartelt Brouer, Bürgermeister von Bredenbek, warb jedenfalls vehement fürs Umsteigen: „Man kann viel Geld sparen, denn viele Arbeitgeber unterstützen ihre Mitarbeiter mit einem Jobticket. Einfach mal nachfragen!“

Die Bahn fährt auf der Strecke Kiel-Rendsburg fünf neue Haltestellen an. Wir zeigen Ihnen hier die Fotos der Eröffnung.

Unbestritten war am Sonntag bei den gut 400 Fahrgästen der Eröffnungsfahrt aber der Freitzeitnutzen, den die neue Linie für Menschen aus und um Schülldorf, Bredenbek, Achterwehr, Meldsdorf und Kiel-Russee bringt. „Das ist eine klare Verbesserung“, meinten Edeltraud und Jürgen Schmidt, die in Melsdorf mit vielen anderen den Zug willkommen hießen. „Gerade für junge Leute ist das jetzt einfacher, nach Kiel etwa zur Kieler Woche zu kommen.“ Jürgen Liebsch, Bürgermeister von Bovenau, erwartet auch eine Entlastung für die Kieler: „Viele werden jetzt mit dem Zug zu den THW-Spielen fahren.“ Lars Doose hält zumindest den neuen Bahnsteig in Achterwehr für überdimensioniert. Die Folge: Der Garten der Familie ist abends nun flutlichtbeleuchtet.

Beim Fahrgastverband Pro Bahn begrüßt man die neue Linie ausdrücklich. Der Landesvorsitzende Stefan Barkleit wünscht sich aber noch Verbesserungen – Stundentakt auch am Sonntag, bessere Busanbindung in Melsdorf und Felde, durchgängige Zweigleisigkeit – und fordert wie Wewers mehr Geld vom Bund für weitere Linien wie Kiel-Schönberg. Der CDU-Bundestagsabgeordnete Johann Wadephul, selbst begeisterter Bahnnutzer, war optimistisch, dass es zu einer Einigung mit Berlin kommt: „Wir wissen alle, dass es die Zukunft ist, möglichst viel Individualverkehr auf die Schiene zu verlegen.“